Geschlechter

Auf Leistung getrimmt, dafür weniger intelligent: Warum Männer Opfer ihrer Gene sind

Der Mann ist lieb und nett, aber von der Natur nicht wirklich bevorzugt.

Der Mann ist lieb und nett, aber von der Natur nicht wirklich bevorzugt.

Frauen sind intelligenter, widerstandsfähiger und leben auch länger als Männer. Eine wichtige Ursache dafür sind die Gene.

Die Beweislage ist erdrückend: Bis zum Pubertätsalter sind Knaben häufiger krank als Mädchen, die Sterblichkeit der Jungs ist höher, sie entwickeln sich langsamer, werden später sauber und lernen später sitzen, krabbeln, laufen und sprechen als Mädchen.

Die Benachteiligung des männlichen Geschlechts beginnt bereits im Mutterleib. Es kommen mehr Knaben als Mädchen tot zur Welt oder werden zu früh geboren. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Neugeborenes vor Erreichen des ersten Geburtstages stirbt, liegt in der Schweiz bei 3,8 Promille für Mädchen und 4,1 Promille bei den Knaben. Die Natur versucht zwar, die geringeren Chancen von Buben durch einen höheren Anteil männlicher Neugeborener auszugleichen – auf 100 weibliche Babys entfallen hierzulande 104,6 männliche –, offenbar nur mit wenig Erfolg. Der Organismus von Frauen scheint gegen schädliche Einwirkungen und Krankheitserreger einfach besser gewappnet zu sein als der von Männern.

Bereits in ihrer Kindheit erweisen sich Männer anfälliger gegenüber Krankheiten als Frauen. Das zeigt sich schon in der Bewältigung der meisten Kinderkrankheiten. Vom sogenannten plötzlichen Kindstod (SIDS) sind Buben doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Bei fast allen Infektionskrankheiten des Kindesalters herrscht eine ausgeprägte Knabenwendigkeit. 1,5-mal mehr Knaben sind übergewichtig. Bei Magen- und Darmgeschwüren kommt auf sechs erkrankte Jungs ein Mädchen, bei Asthma ist das Verhältnis zwei zu eins, bei Allergien sieben zu fünf. Und 1,7-mal mehr Buben sterben an Krebs.

Dümmer auch noch?

Die mentale Entwicklung von Knaben ist ebenfalls häufiger beeinträchtigt. Das zeigt sich in den Bereichen Intelligenz, aber auch bei Störungen von Sprache und Motorik:

  • Zwei Drittel aller geistig behinderten Kinder sind Knaben.
  • Autismus kommt bei Jungs viermal häufiger vor als bei Mädchen, das Asperger-Syndrom (AS) ist sogar achtmal häufiger.
  • Knaben leiden häufiger unter Legasthenie und ADHS.
  • Zwei Drittel der Kinder mit motorischer Koordinationsstörung sind Jungs.
  • Knaben erzielen schlechtere Bildungsabschlüsse als Mädchen.
  • Der Anteil der männlichen Hochschulabsolventen sinkt seit Jahren.

Auch die soziale Prognose ist schlechter: Schon im Kindesalter verunglücken Knaben doppelt so oft wie Mädchen tödlich; drei Viertel aller Straftaten werden von Männern verursacht; sie sind überdurchschnittlich oft Täter, aber auch Opfer körperlicher Gewalt; männliche Jugendliche und junge Männer sind 30-mal häufiger inhaftiert als junge Frauen.

Jetzt reichts aber, denken Sie? Noch nicht ganz. Eindeutige Unterschiede gibt es auch in den sozialen Fähigkeiten der beiden Geschlechter. «Frauen haben eine grössere soziale Kompetenz und eine höhere Sensibilität für die Bedürfnisse der Kinder als Männer», schreibt der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo in seinem Bestseller «Kinderjahre». Es gebe gut erforschte soziale, emotionale und sprachliche Fähigkeiten, die bei Knaben deutlich schlechter ausgeprägt sind als bei Mädchen, unterstreicht auch Neurowissenschafter Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm: «Mädchen erkennen schon als Säugling Gesichter besser und interessieren sich stärker für andere Menschen. Und ihr Gehirn ist auf Kommunikation getrimmt, sodass Mädchen mit 16 Monaten im Durchschnitt 13 Wörter, mit zwei Jahren 115 Wörter mehr wissen als gleichaltrige Knaben. Im Alter von 20 bis 30 Monaten sprechen Mädchen häufiger spontan und sie verwenden auch komplexere grammatische Strukturen häufiger und fehlerfreier als Knaben.» Erst einmal erwachsen, gebrauchen Frauen täglich etwa 20 000 Wörter, Männer dagegen nur 7000.

Auch das verbale Gedächtnis von Frauen sei zeitlebens besser als das von Männern, schreibt Spitzer im Fachjournal «Nervenheilkunde», nicht umsonst seien Grossmütter die besten Erzähler von Geschichten.

«Aktenzeichen XY» ungelöst

Eine wichtige Ursache für das offenkundige Intelligenzdefizit der Männer liegt in der unterschiedlichen genetischen Ausstattung der Geschlechter. Der Chromosomensatz in den normalen Körperzellen enthält bei allen Menschen 46 winzige Chromosomen, Erbkörperchen, auf denen alle Informationen gespeichert sind, die für Wachstum und Entwicklung benötigt werden. Zwei von ihnen sind für das Geschlecht zuständig: Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, während Männer ein X- und ein Y-Chromosom haben. Die beiden sind in jeder Hinsicht ein ungleiches Paar und unterscheiden sich bereits in ihren Dimensionen deutlich voneinander: X ist wesentlich grösser als Y. Die XY-Konstellation ihrer Chromosomen macht Männer von vornherein anfälliger. Besonders problematisch für die Gesundheit des Mannes ist es, wenn Gene seines X-Chromosoms schadhaft werden oder gar verloren gehen und nicht wie bei Frauen durch ein entsprechendes Gen auf dem zweiten X-Chromosom ausgetauscht werden können. Beispiele dafür bieten Erkrankungen, die praktisch nur bei Männern auftreten wie die Bluterkrankheit Hämophilie oder die Rot-Grün-Blindheit.

Das Y-Chromosom ist laut Hirnforscher Spitzer «verkrüppelt»: «Entwicklungsgeschichtlich ist das männliche Y-Chromosom nämlich aus dem weiblichen X-Chromosom entstanden – Männer sind sozusagen Frauen mit Defektmutationen. Sie sind dadurch spezialisierter, aber auch anfälliger.» Männer seien von der Evolution auf Leistung getrimmte Menschen, mit der Folge, dass auf ihre Haltbarkeit nicht so viel Wert gelegt werden konnte, so Spitzer. Einen eindeutigen Beleg dafür liefert die nach wie vor unterschiedliche Lebenserwartung beider Geschlechter: Ein heute geborenes Mädchen wird in der Schweiz laut Statistik 85,3 Jahre alt, während Buben im Mittel lediglich mit 81,5 Lebensjahren rechnen können.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1