Spaziergänge - Schönenwerd SO

Auf diesen Fahndungsaufruf warte ich immer noch

Ein Ort, zwei Stunden Zeit, keine festgelegte Route. Teil 2 der Serie «Spaziergänge» führt durch Schönenwerd im solothurnischen Niederamt.

Der unbekannte Mann ist ca. 40 Jahre alt, rund 1,95 m gross, von eher schlanker Statur, hat dunkle Haare und einen ebenso dunklen Bart, leicht grau-meliert. Er trägt eine schwarze Jacke, blaue Jeans und weisse Schuhe und läuft scheinbar ziellos durch die Strassen der Gemeinde. Wahrscheinlich kundschaftet er die Gegend nach offen stehenden Terrassentüren und Fenstern aus. Der Mann ist mit einer Fotokamera bewaffnet. Die Kantonspolizei mahnt daher zu besonderer Vorsicht und empfiehlt, bei verdächtigen Feststellungen sofort den Polizeinotruf 117 zu wählen.

Auf diesen Fahndungsaufruf warte ich eigentlich, seit ich Ende Juli mit meinen Spaziergängen begonnen habe. Irgendjemand, so denke ich mir, wird doch wohl reagieren, wenn ein Fremder frühmorgens um die Häuser zieht. Wahrscheinlich weniger in den grösseren Ortschaften wie Aarau, wo mit Kameras hantierende Touristen zum Stadtbild gehören. Schon eher in den mittelgrossen Gemeinden wie im benachbarten Schönenwerd. Erst recht in den kleinen Dörfern, wo jeder, der nicht dorthin gehört, auffällt wie ein Regentag im Herbst 2018.

Ich bin aufgefallen. Durchaus. Es gibt sie, die verwunderten, leicht misstrauischen Blicke. Türen werden einen Spalt breit geöffnet. Vorhänge werden kurz zur Seite geschoben, um sie sofort möglichst unauffällig (was leider unmöglich ist) wieder zu ziehen. Und doch sind diese Momente eher spärlich gesät. Meist kommen die Leute auf mich zu, wollen wissen, was ich genau fotografiere. Erzählen mir Geschichten über den Ort. Geben mir Tipps. Oder wollen ganz einfach ihr Herz ausschütten. Mir, dem wildfremden Mann mit der Kamera.

Also. Sollten sie irgendwann über den obigen Fahndungsaufruf stolpern, machen Sie sich keine Sorgen und belästigen Sie nicht unnötig die Polizei. Sollten Sie ihn sogar selbst verantworten wollen, lassen Sies doch bleiben. Ich bins nur. Ich suche zwar hie und da Fenster, aber keine offenen, um unbemerkt einzusteigen. Und auch wenn ich durchaus in der Lage bin, einen einschüchternden Blick aufzusetzen, bin ich für niemanden eine Gefahr. Oder wie eine Kollegin einmal mit einem entwaffnenden Lächeln sagte: „Du bist ja viel weniger bedrohlich als du aussiehst.“ Ansonsten gilt aber natürlich, was Hund Poli, das Maskottchen der Kantonspolizei Aargau, rät: „Augen und Ohren auf. Türen und Fenster zu.“

Passend dazu hätte ich sonst auch noch den Hundeblick...aber lassen wir das.

Nächster Halt: Muri AG

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Autor

Patrik Schneider

Patrik Schneider

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