Hier also ist er geschehen: der Mord an der jungen Archäologin im neuen Krimi von Martin Walker «Revanche». Auf dem halb verfallenen Château Commarque, das trutzig auf einem Felsvorsprung zwischen Dordogne und Vézère thront. Im Mittelalter sollen von hier aus die Tempelritter zu Kreuzzügen nach Jerusalem aufgebrochen sein. Stoff genug für eine spannende Geschichte. Wir lauschen den Ausführungen des Comte de Commarque, der vor über 50 Jahren den einstigen Sitz seiner Familie zurückkaufte, und betrachten die imposante Festung. «Hier sind alle Epochen sichtbar», erklärt uns Hubert de Commarque.

Noch vor ein paar Jahren war alles vollständig überwachsen. Nun ist ein ganzes Dorf zu sehen, bestehend aus sechs grossen Festungshäusern und dem Bergfried der Familie der Commarque. Und was hat es mit dem Mord auf sich? Der Graf schmunzelt und blickt auf seinen Freund Martin Walker, der neben ihm steht. «Das ist reine Fiktion», sagt der Schriftsteller, der das Périgord mit seinen Kriminalromanen über Bruno Courrèges – Chef de Police – nicht nur auf die literarische, sondern auch auf die touristische Weltkarte gesetzt hat. «Er ist unser Ambassadeur», wird uns Micheline Morissonneau vom Fremdenverkehrsamt Dordogne-Périgord später über Martin Walker sagen. «Gäbe es Martin nicht, wäre unsere Hotellerie nicht so gut dran.»

Wo ist nur dieses Saint-Denis?

Die Gegend im Südwesten von Frankreich stand bisher im Schatten der eleganten Badeorte am Atlantik oder an der Côte d’Azur. Die Menschen hier leben in erster Linie von der Landwirtschaft und erst in zweiter Linie vom Tourismus. Besonders beliebt ist die Gegend bei Schweizern, deren Besuche in den letzten Jahren um über 75 Prozent zunahmen. Und alle wollen sie auf den Spuren des sympathischen Chef de Police aus Saint-Denis wandeln, der mit seiner hausgemachten Entenleberpastete, den Trüffelomeletten oder seinem Lieblingskäse Tomme d’Audrix seine Freunde verwöhnt. Nur: Saint-Denis gibt es gar nicht. Das liebliche Städtchen an der Vézère, wo Bruno seines Amtes waltet, ist wie der Mord in Commarque reine Fiktion. Und doch nicht ganz, wie Martin Walker verrät. «Saint-Denis ist überall, eigentlich eine Mischung aus vielen Städtchen in der Dordogne. Le Bugue aber kommt dem Roman-Ort am nächsten.» Dort gibt es diesen Bruno tatsächlich. Er heisst allerdings im wirklichen Leben Pierre Simonet.

In diesem Ort treffen wir auf den schottischen Schriftsteller, dessen Krimis mittlerweile in über 18  Sprachen übersetzt werden und eine weltweite Anhängerschaft haben. Es ist Markttag in Le Bugue, und ein Spaziergang durch die Stände ist wie ein Spiessrutenlaufen. Walker trifft überall auf Freunde und Bekannte, die mit ihm plaudern wollen. Ob er deshalb ein so ungemeines Tempo vorlegt? Ein Besuch bei Fromager Stéphane Bounichou ist Pflicht. Wir probieren vom köstlichen Tomme d’Audrix, der nicht zuletzt durch Walkers Bücher berühmt wurde. Dann schnell ein Besuch bei der Spargelfrau, die bereits seit Mitte April die ersten Stangen anpreist, und weiter zu Walkers Lieblingsweinhändler Julien de Savignac, der in seiner Halle 5000 verschiedene Weine feilbietet – vom Alltagswein aus den Bidons bis zum Château Pétrus und natürlich dem Bruno-Wein. Nur für ein Croissant in der Patisserie Fauquet, die eigentlich Cauet heisst, reicht die Zeit nicht mehr.

Dafür will uns Martin Walker sein Refugium aus dem 17. Jahrhundert zeigen, das er vor über 20 Jahren mit seiner Frau gekauft und renoviert hat. Im Hof werden wir von Balzac, seinem Basset-Hund, stürmisch begrüsst. Und hier treffen wir auch auf Theresa May und eine Handvoll weitere Hühner sowie Gockel Macron. «Merkel ist leider gestorben. Schade, sie gab am meisten Eier», meint der Schotte lakonisch. Dass sein Hühnervolk auf Politikernamen hört, ist nicht zufällig. Bevor sich Walker auf die Bruno-Krimis fokussierte, war der Historiker als Journalist 25 Jahre lang für die britische Tageszeitung «The Guardian» tätig. Als Korrespondent berichtete er aus Moskau und Washington und verfasste Bücher über den Kalten Krieg und über Bill Clinton, der mittlerweile zu seinem Freundeskreis gehört.

Schreiben im Taubentürmchen

Bei einer knusprigen Baguette mit Frischkäse und einem Glas Rosé «la Vieille Bergerie» erzählt er, wie er auf Bruno kam, und zeigt, wo er sich jeweils fürs Schreiben seiner 1000 Wörter pro Tag zurückzieht: ins Taubentürmchen. «Eigentlich interessiert mich die Kriminalistik nicht so sehr», gibt er zu. Ihn fasziniere vielmehr der kulturelle Reichtum der Region, sagt Walker. «Schliesslich ist dieser Landstrich so etwas wie die Wiege der Menschheit.»

Das stellen wir bei einem Besuch in Les Eyzies-de Tayac-Sireuil fest, wo man beim Bau der Eisenbahnlinie Périgeux–Agen 1868 das erste Skelett eines Cro-Magnon-Menschen gefunden hat. Es ist sozusagen der erste anatomisch moderne Mensch und kam während der Jungsteinzeit vor 35 000 Jahren ins Périgord. Im Musée National de Préhistoire bleibt Walker gerührt vor einer Vitrine mit steinzeitlichen Statuetten und filigran gearbeiteten Tierfiguren stehen. «Ist das nicht zauberhaft? Es sind wahre Kunstwerke», schwärmt er. Noch mehr Urgeschichte gibt es nur einige Kilometer entfernt in Montignac zu bestaunen: Die Höhlenmalereien von Lascaux, die mehr als 20 000 Jahre alt sein sollen. Die 1940 von vier Jungen entdeckte Höhle kann man zwar schon seit 1963 aus konservatorischen Gründen nicht mehr besuchen. Deshalb wurde 1983 eine erste originalgetreue Nachbildung, Lascaux II, eröffnet. Und seit Ende 2016 steht in der Nähe ein noch exakterer Nachbau, Lascaux IV. Eindrücklich sind sie, all diese Malereien und Gravierungen von Stieren, Pferden, Wisenten oder Raubkatzen. «Wir haben nichts Neues erfunden», soll dazu Picasso einst gesagt haben. Kein Wunder, wird Lascaux auch als die «Sixtinische Kapelle der Frühzeit» bezeichnet. Denn gewohnt haben die Menschen nie in den Höhlen, wie Höhlenkenner Gwenn Rigal erklärt. «Die Höhlen waren für sie wie heilige Orte.»

Weingüter und Gärten

Natürlich spielen diese Orte auch in Walkers neuestem Krimi eine wichtige Rolle. Aber es sind nicht die einzigen Attraktionen. Walker nimmt seine Leserinnen und Leser in seinen Büchern jeweils auf eine vielfältige Reise durch seine zweite Heimat mit: in hübsche Städtchen wie Sarlat, Bergerac oder Périgeux. Aber auch übers Land zu den unzähligen Weingütern, die mit ihren herrlichen Monbazillac oder Pécharmant durchaus mit dem benachbarten Bordelais mithalten können. Oder in Restaurants wie der Laugerie Basse in Les Eyzies-de-Tayac, wo wir bei Colette natürlich Ente essen müssen, aber auch «chabrol» ausprobieren (ein Gemisch aus Suppe und Rotwein). Oder in wunderbare Gärten, etwa den des Manoir d’Eyrignac. Idyllisch auf einem Bergrücken gelegen, hegen hier Capucine und Patrick Sermadiras mit ihren Mitarbeitern einen 10 Hektar grossen Garten. Im Sommer, wenn die Tage lang und die Nächte kurz sind, finden montags die «pique-niques blancs» statt. «Dann wird der Park von Hunderten weiss gekleideten Besuchern bevölkert, die hier schlemmen und geniessen», erzählt Capucine Sermadiras.

Der perfekte Ort für einen Mord. Ob Bruno hier bald ermitteln muss?

Die Reise wurde ermöglicht durch die Französische Zentrale für Tourismus und Swiss.