Zu Hause bei

Arno Camenisch: Schreibkammer mit Bergfichte

Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch mag es, wenn ihm in seiner Bieler Wohnung der Wind um die Ohren pfeift.Peter Mosimann

Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch mag es, wenn ihm in seiner Bieler Wohnung der Wind um die Ohren pfeift.Peter Mosimann

Der Schriftsteller Arno Camenisch (35) lässt in seinem neuen Roman «Fred und Franz» zwei schräge Gesellen über das Leben philosophieren. Skurrile Details mag er auch in seiner Wohnung in der Bieler Altstadt.

Der Wind bläst durch Arno Camenischs 2 ½-Zimmer-Wohnung. Sperrangelweit stehen die Fenster an diesem Regennachmittag offen. Der Autor ist gerne nahe bei der Natur – sei das in den Bündner Bergen oder in Biel, wo er seit sechs Jahren lebt. «Die Naturmächte faszinieren mich. Ich mag es, wenn mir der Wind fast den ‹Deckel weglupft›», sagt er in seinem rätoromanisch gefärbten Bündner Dialekt.

Zur Aufwärmung braut er dem Besuch einen Kaffee: Minutenlang dreht er an einer uralten Kaffeemühle die Kurbel. Die Mühle aus vergangenen Zeiten passt gut in seine mit Wandnischen und Holzböden ausgestattete Altbauwohnung in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert. Camenisch hat sich hier sein Schreibdomizil mit schlichtem Interieur und einem Hauch Nostalgie eingerichtet. Im Schreibzimmer thront in der Mitte ein massiver Schreibtisch: «Unbehandelte Bergfichte», sagt er und schwärmt vom Geruch des Holzes und der Sinnlichkeit von Naturmaterialien.

Furt mit dem Plunder

Vor dem Fenster neben dem Barocksofa steht ein kleinerer Kubus aus demselben Holz. Dort malt jeweils seine bald sechsjährige Tochter farbenfrohe Zeichnungen, die in der Küche an jeder Wand hängen. Wenn sie an den Wochenenden zu Besuch ist, unterbricht der fleissige Schreiber seine Arbeit, um mit ihr die Natur zu erkunden oder ein Theater zu besuchen. Noch eine Geschichte und noch eine, will sie jeweils von ihrem Papa in seiner rätoromanischen Muttersprache hören. Denn Geschichten erzählen, das ist sein Gut. Seine vier Romane sind geprägt von der Bündner Heimat. In einem unverkennbaren, dialektal eingefärbten Sound lässt er seine Figuren mit Witz über die Liebe und das Leben philosophieren. «Meine Geschichten sind aber nicht orts- oder zeitgebunden, sie erzählen von Menschen und ihren Zweifeln, Freuden und Wünschen.»

Der Schalk blitzt aus seinen Augen, wenn er von seinen Figuren spricht, die ihm in ihrer Skurrilität ans Herz gewachsen sind. Wenn er in einer intensiven Schreibphase steckt, steht er früh morgens auf und fokussiert sich ganz auf seine Figuren, lebt regelrecht mit ihnen. Schaut man sich in seiner Wohnung genauer um, wähnt man sich tatsächlich in seinem Bücher-Universum: Die alten Blechschilder mit den Beschriftungen «Maryland» und «Churer Bier» stammen aus der im Roman «Ustrinkata» beschriebenen Beiz seiner Tante. Und auf das vergilbte Schwarz-Weiss-Foto mit den dicken Geistlichen stösst man ebenfalls in seinem Werk. «Das Beste wäre, wenn alles in einer Holzkiste Platz hätte», sagt sein Protagonist Fred im neuen Roman. Ganz nach Freds Motto «Furt mit dem Plunder» hält es auch der Autor selbst. In seiner Wohnung steht nichts Überflüssiges: «Reduktion und Verdichtung, klare Linien und Formen, interessieren mich in meinen Texten – und das wirkt sich auch auf die Einrichtung aus.»

Ein Flair für das Windschiefe

Vier Tassen und drei Gabeln reichen ihm zum Leben. Mit Gästen sitzt er am liebsten rauchend am Tisch in der Küche, wo sich auch die Badewanne befindet. «Mir gefällt diese heimelige, leicht schräge Küche.» Er habe ein Flair für das Windschiefe, auch bei seinen Figuren. «Sieba-siacha» haben ihn nie interessiert, «ich mag die eigenwilligen Figuren in all ihren Widersprüchlichkeiten».

Diese Gegensätze vereint der 35-Jährige auch in sich selbst: Die Zurückgezogenheit beim Schreiben behagt ihm ebenso wie der öffentliche Auftritt. Seine Lesungen gleichen Performances, in denen er seine eigene Sprachmelodie zum Klingen bringt. Der Autor weiss sich zu inszenieren. Beim Fotografieren soll sein Markenzeichen, die rote Mütze, nicht mit aufs Bild. «Der Coiffeur hat sich beschwert», meint Camenisch, der sich irgendwo zwischen bodenständigem Naturburschen und szenigem Stadtmenschen bewegt, charmant zwinkernd. Das Leben auf dem Land wäre ihm inzwischen zu ruhig. In seinen Büchern aber kehrt er zur Sprache und Naturnähe seiner Bergler-Wurzeln zurück – und lässt sich beim Schreiben den Wind um die Ohren pfeifen.

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