Daniela Kickl, Sie arbeiteten im Callcenter von Apples Europazentrale. In Ihrem Buch «Apple Intern» prangern Sie die Arbeitsbedingungen an. Etwa die Toilettenzeiten ...

Daniela Kickl: Genau, die waren auf acht Minuten pro Tag beschränkt. Zudem wurde jede unserer Verfehlungen von den Vorgesetzten genau aufgezeichnet – egal, ob wir ein paar Minuten zu spät kamen oder die Klozeit überzogen.

Sie nannten Ihren Arbeitsplatz «chicken factory».

Wir arbeiteten wie in einer «Hühnerfabrik», da wir wie Federvieh Ellbogen an Ellbogen aneinandergedrängt sassen. Die Beine ausstrecken konnten wir auch nicht. Bei Besuch von Kaderleuten mussten wir alle persönlichen Gegenstände wegräumen, nicht einmal eine Tasse durfte noch auf unserem Pult stehen. Mitspracherecht gab es nicht.

Warum sind Sie trotzdem drei Jahre geblieben?

Ich habe immer wieder versucht, innerhalb des Unternehmens Verbesserungsvorschläge anzubringen, das Gespräch mit den Verantwortlichen zu suchen, auf die Missstände aufmerksam zu machen. Man hat mir versichert, dass Apple sich um seine Angestellten kümmert und Innovation schätzt. Geändert hat sich aber nichts. Deshalb wende ich mich von interner Kritik ab und gehe an die Öffentlichkeit.

Sie schreiben, dass sich bei Apple Angestellte «der Reihe nach umbringen». Bei 5000 Mitarbeitern in der Europazentrale begingen gemäss Ihnen drei in einem Jahr Suizid. Und diese Selbstmorde können ja auch andere Hintergründe haben.

Natürlich spielen bei einem Selbstmord verschiedene Faktoren eine Rolle. Ich will nicht sagen, dass Apple alleine dafür Verantwortung trägt. Aber wenn jemand angeschlagen ist und keine Unterstützung erhält, erhöht sich die Gefahr psychischer Probleme.

Wie Apple psychische Probleme behandelt, kritisieren Sie ebenso.

Ja, mir geht es dabei auch um den zynischen Umgang des Unternehmens mit seinem Selbstmord-Problem: Als sich einer meiner Mitarbeiter zu Hause umbrachte, überbrachte uns ein Vorgesetzter die Nachricht, dass er tot sei, ohne den Suizid zu erwähnen. Ganz emotionslos, und am Ende sagte er mit kaltem Lächeln, man könne sich bei psychischen Problemen an Apples Hotline wenden. Dann war er wieder weg. Echte Hilfe wurde nicht angeboten. Apple will Suizidfälle seiner Mitarbeiter totschweigen. Bei Absenzen oder Kündigungen entstanden natürlich Gerüchte, und wir mussten mit dieser Unsicherheit leben.

Sind Callcenter nicht generell Problemherde? Warum sollen sie ein spezifisches Apple-Phänomen sein?

Es ist mir bewusst, dass das Arbeitsklima nicht nur bei Apple so ist. Es wird durchaus auch andere Unternehmen und Branchen geben, die ihre Angestellten gleich behandeln. Ich will mit meinem Buch diese Ausprägung unseres Wirtschaftssystems kritisieren, das nur auf Leistung und Zahlen aus ist und den Menschen entmenschlicht. Wir sind doch keine Maschinen.

Wenn Sie Aufklärungsarbeit leisten wollen, warum haben Sie dann nicht etwa ein Komitee gegründet, statt einen 280-seitigen Text zu schreiben? Sie schildern auch viel Privates, wie etwa Ihr Liebesleben und Ihr Blasenproblem bei Stress.

Ich wollte den Prozess der Entmenschlichung aufzeigen, das Klima der Angstmacherei. Damit man das als Leser nachempfinden kann, muss man mich als Menschen verstehen, mit Familie, mit Liebhaber, mit Gefühlen und einem eigenen Hintergrund. Deshalb habe ich im Buch auch Privates dargestellt. Ich will eine tiefere Ebene erreichen, um andere Leute zu ermutigen, die auch unter ihren Arbeitsbedingungen leiden. Wir können nur etwas ändern, wenn wir unsere Stimmen erheben.

Daniela Kickl Apple Intern. Verlag Edition A 2017. 288 Seiten.