Ohlala

App zur Dirne: Sex-Plattform oder emanzipiertes Lifestyle-Angebot?

Einen entspannten Abend, zusammen trinken, lachen, Spass haben: Männer formulieren ihre Erwartungen an das Treffen – und den Preis, den sie bereit sind zu zahlen.

Einen entspannten Abend, zusammen trinken, lachen, Spass haben: Männer formulieren ihre Erwartungen an das Treffen – und den Preis, den sie bereit sind zu zahlen.

Die Onlineplattform Ohlala bietet «paid dating» an und richtet sich an User ausserhalb des traditionellen Rotlichtmilieus. Der Anbieter bewirbt den Dienst als emanzipiertes Lifestyle-Angebot. Doch geht es nicht bloss um Prostitution?

In Deutschland steht es jedem Erwachsenen frei, sich zu prostituieren, etwa nach der Devise, die eine Sexarbeiterin 2013 dem Feuilleton der «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung» anvertraute: «Ich massiere lieber einem Mann mit Hingabe den Schwanz, als an der Kasse zu sitzen.»

Man kann zum Dirnenwesen auch eine typisch französische Haltung einnehmen, wie sie zum Beispiel Michel Houellebecq 2016 bei einem Auftritt in Berlin formulierte: «Ohne die Prostitution, die der Ehe als Korrektiv dient, wird die Ehe untergehen und mit ihr die Familie und die gesamte Gesellschaft.»

Es geht also nicht um die Alice-Schwarzer-Meinung, dass fast alle Prostituierten Opfer sind. Es geht stattdessen um die Frage: Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der fast alle Menschen Prostituierte sind? Es geht um die Penetration der allerletzten Marktbarrieren, unter denen ganz konkret unsere Körperöffnungen zu verstehen sind.

Womit wir bei Pia Poppenreiter wären. Selten war ein Name so Programm, denn die Gründerin der Sex-Plattform Ohlala ist von der Vision beseelt, das «paid dating» gesellschaftsfähig zu machen. Dabei will das Unternehmen sich primär auf potenzielle User ausserhalb des traditionellen Rotlichtmilieus konzentrieren. Die Mission von Ohlala scheint zu sein, jungen Frauen, die ihr Leben derzeit auf herkömmliche Weise finanzieren, einen niederschwelligen Zugang zur nebenberuflichen Prostitution zu bieten.

Die Plattform macht der Grossstadtbewohnerin mit Geldsorgen in etwa das Angebot: Wenn du bereit bist, einen Steuerberater oder Start-up-Gründer oral zu befriedigen, kannst du in diesem Monat noch mal deine Wuchermiete bezahlen. Gerade in Zusammenspiel mit einem ausser Kontrolle geratenen Immobilienmarkt sowie der Option des Dauer-Couchsurfens via Airbnb markiert Ohlala den Übergang von der Gig Economy zur Wanderhuren-Economy.

Poppenreiter möchte ihre Site aber nicht als schnöden Escort-Marketplace verstanden wissen, sondern als emanzipiertes Lifestyle-Angebot – daher auch der Begriff «paid dating», der impliziert, dass es bei Transaktionen, die über die Site zustande kommen, nicht ausschliesslich um Kopulation geht.

Dass man vor dem Facesitting also mit Pale Ale anstösst und sich nach dem Deepthroat Ramen von Deliveroo liefern lässt, um gemeinsam noch eine Episode «Narcos» zu schauen – womit wiederum exakt die populäre Escort-Dienstleistung GFE, kurz für Girlfriend Experience, umrissen wäre.

Ihren Traum, die zivilisatorische Firewall zwischen Dating und Prostitution einzureissen, verfolgt die Gründerin mit missionarischem Eifer: Die Überwindung des Stigmas der Sexarbeit bezeichnet sie allen Ernstes als «so bedeutsam wie die Abschaffung der Sklaverei».

Ein neue digitale Dirnenkaste

Wenn man der PR-Mensch von Ohlala wäre, könnte man das Ganze als Empowerment verkaufen, als Crypto Love, als dynamisches Finanzierungs-Tool für ein von digitalem Flair durchwehtes Dasein. Als Befreiung aus reaktionären Konventionen, die es Millennials ermöglicht, lustvoll ihre sexuelle Identität zu erkunden und dafür auch noch eine grosszügige Aufwandentschädigung zu erhalten. Als Evolution der prekär Beschäftigten zur souveränen Marktteilnehmerin, zur Unternehmerin sogar – fast wie Pia Poppenreiter.

Mit Ohlala verfolgt diese in Wahrheit den vielversprechenden Plan, die ökonomische Spaltung unserer Gesellschaft auf direktem Wege in einen Umsatzstrom über zu führen. Die Zielsetzung scheint zu sein, die ärmere Hälfte der deutschen Frauen – denn auf Ohlala dürfen sich nur Frauen prostituieren – zu Angehörigen einer digitalen Dirnenkaste zu degradieren, die sich mit Frondiensten an den müden Genitalien der Oberklasse über Wasser halten.

In «Ausweitung der Kampfzone», dem ersten Roman von Houellebecq, bilanziert der Protagonist den Übergriff des freien Marktes auf die Sexualität: «In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend.

In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt.»

In diesem Kontext steht Ohlala für den Übergriff des ersten auf das zweite System, für das Primat eines so banalen Faktors wie der Kaufkraft über Charme und Eloquenz, Fantasie und Einfühlungsvermögen, Länge, Umfang, Ausdauer, Fingerspitzengefühl und Intelligenz.

Poppenreiters Plattform Ohlala überträgt die «ideale Tauschsituation» auf den deutschen Binnenmarkt, die der mürrische Franzose in seinem dritten Roman, «Plattform», als die Grundlage des globalen Sextourismus identifizierte: «Auf der einen Seite hast du mehrere hundert Millionen Menschen in der westlichen Welt, die alles haben, was sie sich nur wünschen, ausser dass sie keine sexuelle Befriedigung mehr finden. Und auf der anderen Seite gibt es mehrere Milliarden Menschen, die nichts anderes mehr zu verkaufen haben als ihre Körper und ihre intakte Sexualität.»

Die zündende Idee der Gründerin ist es demnach, sich nicht auf das Wohlstandsgefälle zwischen den Nationen, sondern auf jenes innerhalb der Nationen zu konzentrieren. Und Deutschland, wo das reichste Prozent der Bevölkerung dem jüngsten Oxfam-Bericht zufolge so viel Vermögen sein Eigen nennt wie die ärmeren 87 Prozent, ist dafür ein idealer Markt.

Den «growth case» von Ohlala könnte man folgendermassen formulieren: Die radikale Monetarisierung wird sich auch in unseren intimen Beziehungen wie eine digital übertragene Seuche ausbreiten, bis eine sexuelle Episode ohne transaktionelle Komponente zur kuriosen Ausnahme geworden sein wird.

Für wie viel verkaufen Sie sich?

Denn sind wir mal ehrlich: Die meisten Deutschen könnten zweifellos einen Betrag nennen, ab dem sie insgeheim bereit wären, sexuelle Handlungen an Fremden vorzunehmen – klar, man würde das lieber vermeiden, aber auf einer nach oben offenen Skala wäre wohl für fast jeden Menschen irgendwann der Punkt erreicht, ab dem es naheläge, über seinen Schatten zu springen.

Die Frage ist nur, ob es erstrebenswert ist, diese latente Bereitschaft proaktiv mit massgeschneiderten Angeboten anzustacheln. Ob es gesund ist für eine Gesellschaft, wenn deren Bürger für jede fragwürdige Handlung, zu der sie gegen Bezahlung insgeheim bereit wären, auch gleich ein paar konkrete Honorarvorschläge erhalten.

Die Studentin beispielsweise, die keine feste Bindung möchte, um sich auf ihr Vorankommen konzentrieren zu können, sich aber hin und wieder ohne Drama sexuell versorgen lassen will, wird bald der Einflüsterung ihrer inneren Pragmatikerin erliegen, sich unter den Matches auf ihrer Dating-App doch einfach auf jene zu fokussieren, die bereit dazu sind, ihr vorab ein paar Bitcoin zu überweisen.

Wo soll das enden? Für wie viel würden Sie eine Ihrer Nieren verkaufen? Und wie viel wollen Sie für Ihre Seele?

Mit ihrer Gentrifizierung wird die Liebe ihren Zauber verlieren – und was haben wir dann noch, bitte? Nach dem Siegeszug von Ohlala wird die Liebe sich anfühlen wie ein FDP-Empfang in einem 25-hours-Hotel, der so langweilig ist, dass man anfängt, den Betrag zu überschlagen oder per Dirnensoldrechner-App exakt zu ermitteln, den man der Kellnerin zuraunen muss, um sie auf der Toilette erniedrigen zu können.

Für die Liebe ist Ohlala ein «doomsday device», vergleichbar allenfalls mit der SS-X-30, der russischen Atomrakete neuer Generation mit dem Nato-Rufsignal «Satan 2», die mit HyperschallGefechtsköpfen vom Typ YU-71 «Avangard» bestückt werden kann, die ihre Vernichtungskraft mit fünffacher Schallgeschwindigkeit in einer glühenden Plasmablase auf einem unberechenbaren Zickzackkurs in ihr Ziel tragen.

Es würde kaum überraschen, wenn Wladimir Putin Ohlala bei den Cyber-Bataillonen des FSB in Auftrag gegeben hätte, um den Westen an dessen emotionaler Leere ersticken zu lassen. Falls Sie aber zufällig einen Batzen Wagniskapital herumliegen haben: Rein als Investment ist Ohlala uneingeschränkt zu empfehlen.

*Alexander Schimmelbusch ist der Autor des viel diskutierten Romans «Hochdeutschland». Seine Lieblingsprostituierte ist Sera, dargestellt von Elisabeth Shue, im Film «Leaving Las Vegas».

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