Wer jede Stunde nach draussen geht, um sich seinen Schub Nikotin reinzuziehen, ist nicht nur dem Wetter ausgeliefert. Er muss auch fürchten, dass seine häufigen Rauchpausen vom Vorgesetzten bemerkt und vermerkt werden.

«Mit Snus kann man sich die Zigarettenpausen sparen und macht einen besseren Eindruck beim Chef», sagt Jeremy Grob. Er ist der Initiant des Vereins FreeSnus, der nächste Woche in Kloten gegründet wird. Der Verein will «im Volk Aufklärungsarbeit leisten», wie Grob sagt. Denn nach Ansicht der Snus-Konsumenten sind sie gegenüber anderen Tabak-Konsumenten diskriminiert. Dabei, so die Snus-Konsumenten, sei Mundtabak die gesündere Alternative zur Zigarette.

Snus stammt aus Schweden und gehört in die Kategorie «Tabak zum oralen Gebrauch». In Schweden konsumiert etwa jede neunte Person (rund 1 Million Menschen) Snus. In der Schweiz fristete Snus lange ein Schattendasein. Gewolltermassen, denn der Verkauf und die Einfuhr von Snus ist in der Schweiz – wie im gesamten EU-Raum mit Ausnahme von Schweden – verboten.Doch weil der Import von Mundtabak zum Eigengebrauch erlaubt ist, ist Snus-Konsum auch hierzulande problemlos möglich.

So tun es immer mehr Schweizer den schwedischen Hockeyspielern gleich, die vorgemacht haben, wie das «Snusen» geht. Der Snus-Import ist in den letzten Jahren markant angestiegen. Wurde 2006 erst eine Tonne Snus importiert, waren es 2012 bereits 28 Tonnen, wie der Statistik der Eidgenössischen Zollverwaltung zu entnehmen ist. Jede Person darf pro zwei Monate 35 Dosen Snus importieren.

Süsses beim Tabakhändler

Die gestiegene Popularität von Snus alarmiert nicht nur Suchtberatungsstellen und Sportvereine, die Snus-Konsum zum Teil sanktionieren. Auch an Schulen wird der Mundtabak zunehmend zum Thema. Wie der «Walliser Bote» berichtete, sei Snus «unter Jugendlichen weit verbreitet» und wirke vor allem auf 16- bis 18-Jährige besonders attraktiv.

Für den jungen Dübendorfer «FreeSnus»-Initiant Jeremy Grob hat das «Snusen» den Touch von Abenteuer. «Andere machen Extremsport, ich benutze Snus», sagt er. Und auf die Frage, welches Lebensgefühl er mit Snus verbinde, sagt er: «Freiheit.» Fast meint man, einen durch die Prärie reitenden Cowboy vor sich zu sehen. Seine Oberlippe ist dick.

Längst hat «snusen» nichts mehr gemein mit alten Männern, die unappetitliche, braune Sauce ausspucken. Populär ist vor allem vorportionierter Snus, der im Zellulosebeutel verpackt unter die Oberlippe geschoben wird. Das gibt weniger Saft und lässt sich wie ein Kaugummi sauber entsorgen.

Die Hersteller des Tabakprodukts bemühen sich, Snus für jeden Geschmack und jeden Lifestyle bereitzuhalten. So preisen sie gewisse Linien als perfekt für den «zeitgenössischen, städtischen Lebensstil» an. Snus gibt es in diversen Stärken, Portionsgrössen («mini» für die Damen, damit der Klumpen unter der Oberlippe dem Gegenüber nicht so auffällt) und verschiedensten Geschmacksrichtungen wie Cola, Pfefferminz oder Melone.

Zwar kommen die Konsumenten via Internet leicht zu ihrem Stoff. Doch sie müssen für ihren Tabak viel bezahlen. Snus-Konsument und SVP-Nationalrat Lukas Reimann wetterte im Februar: «Abzockerei!» und veröffentlichte ein Foto einer Zollabrechnung auf Twitter: Für eine Bestellung im Wert von weniger als vier Franken musste er über 38 Franken Zollgebühren bezahlen.

Die hohen Gebühren dürften mit ein Grund dafür sein, dass der Import von Snus 2013 um gut fünf Tonnen zurückging. Weniger Import bedeutet aber nicht, dass die Konsumenten und Konsumentinnen weniger häufig Tabak im Mund haben: Im gleichen Zeitraum stieg nämlich der gewerbsmässige Import von Kautabak um achteinhalb Tonnen an (auf 35,4 Tonnen).

Das hat vermutlich mit dem Geschäftssinn des Kautabak-Importeurs King’s Castle zu tun, der mit Blick auf die Schweizerische Gesetzgebung den Kautabak «Thunder» von einem dänischen Hersteller entwickeln liess. «Thunder» ist zwar nicht als Snus definiert, aber zum «Snusen» geeignet.

Das lose Pulver muss allerdings selbst portioniert werden. Kioskbetreiberin Valora verzeichnet eine starke Nachfrage nach «Thunder» und tut auch viel dafür, dass das so bleibt: Wie das Online-Portal «Watson» kürzlich berichtete, geben die Kioske «Thunder»-Käufern aktuell gratis ein «Starter Kit» ab, mit welchem sich diese ihren Kautabak selbst in kleine Beutelchen abfüllen können. 10 000 solche Sets gibt Valora gratis ab. Ab April gibt es die Kits zu kaufen.

Kioske verkaufen bloss Snus-Kopien

Trotz der Möglichkeit, ein Snus-Substitut legal und ohne Zollgebühren direkt am Kiosk kaufen zu können, sind die Fans von Mundtabak hierzulande nicht zufrieden. «Schwedischer Snus und ‹Thunder› sind nicht dasselbe. Ich würde jederzeit schwedischen Snus favorisieren», sagt Jeremy Grob. Die Situation sei absurd: Wenn schon ein Snus-Substitut in loser Form in der Schweiz verkauft werde, müsse doch auch der Verkauf von bereits abgefülltem Snus möglich sein.

Davon wollte der Bundesrat im Jahr 2009 aber nichts wissen. Er will mit dem Verkaufsverbot verhindern, dass ein «weiteres schädliches Tabakprodukt in der Schweiz Fuss fasst». Dem Argument, Snus sei im Vergleich zu Zigaretten gesund, kann der Bundesrat nichts abgewinnen.

Studien zeigen, dass der Konsum von Mundtabak zu einer erhöhten Rate von Mundkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs führt. Und: Behaupten Snus-Benutzer, der Mundtabak erleichtere Rauchern die Zigaretten-Entwöhnung, zitiert die Landesregierung Studien, wonach mehr Konsumenten von Snus auf Zigaretten umsteigen als umgekehrt.

Um die Interessen der Snus-Konsumenten kümmert sich aktuell Lukas Reimann, der im «FreeSnus»-Verein aktiv wird. Sein Vorstoss, der das Verkaufsverbot von Snus aufheben will, ist noch hängig. Der Vorstoss wurde von über der Hälfte der Nationalratsmitglieder mitunterzeichnet.