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Also doch: Stress macht wirklich graue Haare

Akuter Stress kann tatsächlich zu grauen Haaren führen.

Akuter Stress kann tatsächlich zu grauen Haaren führen.

Bei den einen gelten graue Haare als Zierde und Zeichen des Selbstbewusstsein. Für andere sind sie ein lästiges Zeichen des Alters. Nun haben Harvard-Forscher erstmals wissenschaftlich aufgezeigt, wie Stress zu grauen Haaren führt.

Struppig flattern sie im Wind, lang und grau. Ein selbstbewusstes Fanal. Ein Zeichen der Unabhängigkeit: Ich Frau lasse meine Haare in Ehren ergrauen und richte mich nicht nach den farbigen Erwartungen der Umgebung. Nichts da mit ewiger Jugend. Mann denkt vielleicht, etwas Braun könnte ihr nicht schaden – und liegt voll daneben: schon junge Sängerinnen und Schauspielerinnen lieben ihr künstliches Grau und zeigen sich so.

Der Mann macht es sich einfach und erinnert, auf seine grauen Haare angesprochen, an George Clooney. Der Clooney-Verwandte sagt sich, in grauen Haaren steckt auch ein toller Hecht und hat er vom Silber zu wenig, lässt er sich für teures Geld graue Strähnen färben. So weit wollen und müssen nicht alle gehen. Und denken sich, mit den Jahren kommen graue Haare, aber auch der Verstand – je grauer, desto schlauer. Bei Männern steht die Haarfarbe nicht für eine graue Maus. Das betont der Silberfuchs mit besonderer Lässigkeit gerade auch gegenüber jenen Männern, denen die Haare längst ausgefallen sind.

Der erste wissenschaftliche Beleg

Bei all der Coolness, die der Mann mit der Silbermähne ausstrahlt: Irgendwie bleibt grau doch grau. Und mancher blickt zu Hause mit Sorge in den Spiegel angesichts der grauen Töne in seiner Haarpracht. Denn unwiderruflich stehen sie nicht nur für Würde, sondern auch für Alter. Und vor allem für Sorge und Stress. Kein Wunder gibt es dazu eine lange Liste an Redewendungen:

So wie die Mahnung, sich jetzt wegen des Stresses keine grauen Haare wachsen zu lassen. Bis anhin gab es dafür allerdings keinen Beleg. Das hat sich nun dank Forschern der Harvard-Universität geändert, die im Fachmagazin «Nature» darüber berichten. Schon Marie Antoinette habe während der Französischen Revolution nach ihrer Verhaftung über Nacht graue Haare erhalten. Die Vermutung ist somit historisch und wird nun wissenschaftlich nachgewiesen und aus dem Reich der Anekdoten in die Realität überführt.

Kämpfen oder fliehen

Die Harvard-Forscher haben erstmals herausgefunden, dass Stress wie der Prozess des Ergrauens in den Zellen funktioniert und jene Nerven aktiviert werden, die Teil unserer evolutionären Kampf-oder-Flucht-Antwort auf Gefahren sind. «Stress entlässt immer das Hormon Cortisol in den Körper, das wussten wir. Deshalb dachten wir uns zuerst, dass das Cortisol eine Rolle spielt», sagt Harvard-Professor Ya-Chieh Hsu. Doch zu ihrer Überraschung bemerkten die Forscher, dass die Haare der Labor-Mäuse unter Stress auch ergrauten, ohne eine Beeinflussung durch Cortisol.

Der Einfluss des Sympathikus

Unter Ausschluss anderer Faktoren entdeckten die Forscher den Einfluss des Sympathikus, des sympathischen Nervensystems, das verantwortlich für die Kampf-oder-Flucht-Antwort ist. Dieses Nervensystem reicht bis in jede Haarspitze. Die Forscher fanden heraus, dass Stress diese Nerven zum Ausstoss des Hormons Norepinephrin, einem körpereigenen Botenstoff, führt, der in Verbindung zu jenen Stammzellen steht, welche die Pigmente in den Haaren regenerieren – schwarze Haare also dauernd schwarz halten.

In den Haarfollikeln bilden gewisse Stammzellen
ein Reservoir an Pigment produzierenden Stammzellen. Bei
der Regeneration der Haare verwandeln sich einige dieser Stammzellen in Zellen, welche das Haar färben. Das Stresshormon Norepinephrin aktiviert die Stammzellen übermässig. Deshalb entleert sich das Reservoir an Pigment- und damit Farbe produzierenden Zellen frühzeitig. Bereits schon nach einigen Tagen unter akutem Stress waren diese Stammzellen in den Mausversuchen der Harvard-Forscher weg. «Und wenn sie einmal verschwunden sind, erholen sie sich nicht mehr», sagt der Forscher Bing Zhang.

Einige Tage akuter Stress haben schon gereicht

Grau bleibt also grau. Akuter Stress hat in der Evolution die Kampf- oder Flucht-Reaktion ausgelöst und zum Überleben eines Tieres geführt. Heute führt der Stress beim Menschen wegen der nicht abgebauten Stresshormone und dem leeren Reservoir an Stammzellen zu grauen Haaren. Das ist aber nur die sichtbarste Auswirkung. Der Stress schadet dem ganzen Körper.

Mit dem Ziel, den Körper vor Stress zu schützen

Die Studie erklärt, wie die Haare auf zellulärer und molekularer Ebene auf Stress reagieren. Sie zeigt aber auch, dass Neuronen Stammzellen kontrollieren und deren Funktion steuern können. Diese Erkenntnisse könnten helfen, die breiten Effekte von Stress auf die verschiedenen Organe besser zu verstehen, sagen die Forscher. Dieses Verständnis werde den Weg ebnen für neue Studien, welche Möglichkeiten aufzeigen könnten, um den schädlichen Effekt des Stresses zu blockieren – bevor die Haare grau sind.

«Das Verständnis wie sich Gewebe unter Stress verändert, ist eventuell der erste Schritt zu einer Stress-Behandlung», sagt Studienautor Hsu. Sie hätten noch viel zu lernen in dieser Sache. Und übrigens: Nicht jeder, der graue Haare hat, ist ein Opfer von akutem Stress, wie die Forscher betonen. Denn Stress ist nicht der einzige Faktor für Silber im Haar. Bei vielen ist der Zeitpunkt dafür vor allem ein Erbe der Vorfahren.

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Autor

Bruno Knellwolf

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