2. Weltkrieg

Als ein US-Kriegsflieger im Zugersee versinkt, beginnt die Karriere des «Bomber-Schaffner»

«Bomber-Schaffner» (links) mit Taucher Gottlieb Scherrer und Mitarbeiter Josef Schnellmann vor der B-17G.

«Bomber-Schaffner» (links) mit Taucher Gottlieb Scherrer und Mitarbeiter Josef Schnellmann vor der B-17G.

Am 16. März 1944 versank ein amerikanischer B-17G-Bomber im Zugersee. Dank eines Suhrer Schlaumeiers wurde er zur Legende – und umgekehrt.

Drei Schüsse gibt der Verwirrte auf die Männer ab, die an ihren Fallschirmen hoch über ihm im Himmel über Baar baumeln. Er glaubt, die Deutschen kämen. Derweil schlittert ein B-17G-Bomber der US-Air-Force in einer Gischtwolke über den Zugersee, bleibt schliesslich schaukelnd liegen. Aus dem Cockpitfenster klettert der Pilot auf den Flügel und springt ins kalte Wasser. Zwei Brüder zerren den Piloten in ihr Ruderboot. Acht von neun Crewmitgliedern überleben den Absprung über Baar – der Fallschirm des Navigators hat sich nicht geöffnet – und der amerikanische Silbervogel versinkt. Der viermotorige Bomber, das Grösste, was die Luftwaffen damals in den Himmel schicken, die «Fliegende Festung» säuft kläglich ab.

Es ist der 16. März 1944, kurz vor 13 Uhr. So geht vor exakt 75 Jahren ein Angriff der Alliierten auf die Städte Augsburg, Ulm und Friedrichshafen zu Ende. In aller Herrgottsfrühe waren 740 Air-Force-Bomber von Grossbritannien aus aufgebrochen. 23 Maschinen kehren nicht zurück. Darunter die «Lonesome Polecat», der einsame Iltis. Der flügellahme Silbervogel bohrt sich gerade in den Schlamm auf dem Grund des Sees, während Zuger Stadtpolizisten den klitschnassen Piloten in einen trockenen Trainingsanzug stecken und der Stadtpräsident eilt, um Speis und Trank zu organisieren.

Es ist das ungeplante Ende eines Angriffs, durchkreuzt von der treffsicheren deutschen Luftwaffe. Die Endstation eines verzweifelten Rettungsveruchs bis zum Flugplatz Dübendorf, bei dem die Crew alles über Bord geschmissen hat, was nicht niet- und nagelfest war; Bomben, Funkgeräte, eine Splitterschussweste, Sauerstoffflaschen, Maschinengewehre. Und es ist der Beginn einer grossen Karriere. Nicht die des wagemutigen Piloten, der mit seiner Notwasserung die ganz grosse Katastrophe verhindert hat. Sondern die eines jungen Altstoffhändlers aus Suhr, der im Dorf eine Auto-Service-Station samt Tankstelle führt. Sein Name: Martin Schaffner. Acht Jahre später wird ihn die ganze Schweiz als  kennen.

Gegen das Vergessen

Unter den Schaulustigen am Ufer des Zugersees steht vor 75 Jahren auch Oskar Rickenbacher. Als die Maschine Minuten zuvor über Zug dröhnte, hat sich der Fünfjährige unter der Kellertreppe versteckt. Doch jetzt steht er da, sieht, wie der Pilot strahlt und winkt. Momente, die der Bub nie mehr vergessen wird. Heute zählt Rickenbacher zu den besten Kennern der Geschichte des Zugersee-Bombers. Und obwohl inzwischen 80-jährig, sorgt er hartnäckig dafür, dass die Geschichte nicht vergessen geht. Auch jetzt. Diesen Samstag enthüllt er eine Gedenktafel am Ufer des Zugersees, getrieben davon, «etwas gegen das Vergessen zu tun», wie er sagt. Das zu vergessen, was die Schweiz während des Zweiten Weltkriegs erlebt hat, wie nah der Krieg war.

Der Zugersee-Bomber ist bei weitem nicht die einzige Maschine, die während des Zweiten Weltkriegs über der Schweiz abgestürzt oder notgelandet ist. Je nach Quelle und Definition waren es zwischen 240 und 250, die meisten davon amerikanische. Zwar flickten die Amerikaner viele leicht ramponierte Flugzeuge und holten sie nach dem Krieg zurück. Was aber irreparabel war, verkauften sie an Altmetall-Händler. Oder liessen es liegen, wo es war. Einsammeln tat es ein anderer. Und verdiente sich damit eine goldene Nase.

Hier lässt «Bomber-Schaffner» 1953 eine Maschine aus dem Greifensee heben:

Martin Schaffner alias «Bomber-Schaffner» aus Suhr lässt 1953 einen US-Bomber aus dem Greifensee heben

So berichtete die Schweizer Filmwochenschau am 21. August 1953 über das Unterfangen des Suhrers.

Ein Bomber als Kundenmagnet

Martin Schaffner mag es mächtig. Er ist ein Fuchs, ein gerissener, schon als Jugendlicher ein «Gschäftlimacher» und ein Pfundskerl obendrein. Um Kunden anzulocken, macht er sich auf die Suche nach einem Flugzeug, das er neben seine Tankstelle stellen kann. Weil es in der Schweiz keine Bomber zu kaufen gibt, fährt er 1950 zur US-Air-Force-Base am Flughafen Frankfurt. Da erklärt man ihm, man könne ihm kein Kriegsmaterial verkaufen, aber er solle sich doch einfach eine der Maschinen heben, die in einem der Schweizer Seen liegen.

Genau das tut der Schaffner. Und weil er es mächtig mag, sucht er sich den grössten Vogel aus, den er finden kann: den 1944 versunkenen Zugersee-Bomber. Zwei Jahre lang bereitet er sich akribisch auf die Bergung vor. Ringt um Bewilligungen, rekonstruiert anhand von Aufnahmen und den Aussagen von Augenzeugen die Stelle, an der der Bomber liegen müsste, und sucht nach einem Taucher, der sich auf das Wagnis einlässt, zum Wrack in dieser lebensgefährlichen Tiefe zu tauchen. Dann lässt er aus Benzintanks ein Floss bauen, das als Hebebühne dienen soll. Sechs Wochen lang bereitet der Taucher die Bergung vor, schlingt die Stahlseile wie von Schweizer Armee-Experten geheissen um das Wrack, nur über einen dünnen Schlauch vom Floss aus mit Sauerstoff versorgt.

Der erste Hebeversuch scheitert. In einem zweiten Versuch lässt Schaffner die Seile nach seinem Gutdünken anbringen. Am Abend des 23. August 1952 hieven die Seilwinden den 30-Tonnen-Koloss mit einer Länge von 22,5 Metern und einer Spannweite von 32 Metern an die Wasseroberfläche. Zwei Tage später wird der Bomber an Land gezogen.

Ein prächtiger Übername

Die Schweiz stürzt sich auf Schaffner und seinen Bomber. Das gefällt dem geschäftstüchtigen Suhrer. Er wirft sich in Pose, schwärmt von seiner «Fliegenden Festung» und seinem «Luftgiganten», erzählt den Journalisten wortreich vom «Entreissen vom Seegrund», und die wiederum bedanken sich bei Schaffner mit dem prächtigen Übernamen «Bomber-Schaffner». Das alles zieht.

Allein am ersten Tag kommen 10'000 Besucher aus allen Landesteilen nach Zug, um den ausgestellten Flieger anzuschauen, bezahlen widerspruchslos die 1.10 Franken pro Erwachsenen und 55 Rappen pro Kind, stapfen mit offenen Mäulern durch den Morast um das riesenhafte Ding. Als der geschäftstüchtige Bomber-Schaffner sieht, wie den Besuchern der Dreck an den Sohlen klebt, schickt er vier Angestellte los, um ihnen für 30 Rappen die Schuhe zu polieren.

Der Bomber-Schaffner macht mit dem Flieger ein Vermögen. Nach Zug zeigt er ihn in Cham, Basel, Biel, Lausanne und Bümpliz, bevor er ihn schliesslich neben die Tankstelle in Suhr stellt. So, wie es immer geplant war, ganz zur Freude der Suhrer Dorfjugend. Doch ein Bomber ist dem Schaffner nicht genug. Er fischt weiter, im Greifensee, im Bodensee, ein Wrack nach dem andern. Und dann stirbt er, mit 45 Jahren, im Oktober 1965. An einer Lungenentzündung, zugezogen nach einer Operation wegen seiner Fettleibigkeit. Zuletzt wog er 210 Kilo.

Der Zugersee-Bomber wird verkauft. Ab 1966 steht er in St. Gallen-Winkeln, ab 1970 in St. Moritz-Bad. Bis 1972. Dann wird die «Lonesome Polecat» bis auf ein paar Einzelteile verschrottet. Anwohner hatten sich durch den Anblick des Kriegszeugen gestört gefühlt.

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