Der Hunger kommt, garantiert. Wer den ganzen Tag im Wasser planscht, sich auf der Wiese die Sonne auf den Bauch scheinen oder den Frisbee durch die Luft segeln lässt, braucht irgendwann eine Stärkung. Beliebtester Badi-Food: Pommes frites mit Ketchup und Mayo. Auch die Bratwurst, der Hot Dog und die Chicken Nuggets gehören zu den Klassikern im Schwimmbad. Verbringen sie einen Nachmittag in der Badi, sind viele Schweizer kulinarisch erstaunlich anspruchslos unterwegs.

Trotzdem geht es den Klassikern zunehmend an den Kragen. Badi-Gastronomen versuchen immer wieder, Alternativen zum Fast Food anzubieten. Plötzlich gibt’s statt Bratwurst eine Alpen-Chili-Wurst, statt dem Hot Dog im gummigen Brötli Hummus mit Fladenbrot oder kalorienarme Süsskartoffel-Chips anstatt der fetttriefenden Pommes. Solche Änderungen werden von den Gästen allerdings selten goutiert. «Ohne Hot Dog und Pommes gehts nicht, danach wird immer verlangt. Das ist irgendwie in den Köpfen drin», sagt Lukas Stocker, der im «Sunnebeedli» auf dem Basler Bruderholz wirtet.

Aufschrei am Mythenquai

Im Appenzellerland läuft das nicht anders. Seit diesem Jahr führt der Jungunternehmer Fabian Devos zusammen mit Christian Böni das Restaurant «Badi-Turm» im Schwimmbad Heiden. «Unsere Specials wie der Büffelburger Caprese, mit denen wir Variation reinbringen wollten, kommen gegen die Klassiker nicht an. Alle wollen Pommes und Chicken Nuggets», sagt Devos. Frustriert sei er deswegen nicht. «Wir haben damit gerechnet.»

Im Badi-Bistro in Baden ist derweil der Hot Dog «der absolute Renner», wie Geschäftsführer Philipp Penelas sagt. «Die Gmüesspiessli, die wir zum Start vor drei Jahren auf der Karte hatten, wurden fast nie bestellt. Gesundes kommt bei der Masse nicht so an. Wir haben die Spiessli bald wieder von der Karte genommen.» Ähnlich erging es den Betreibern des Restaurants in der Zürcher Badi Heuried in diesem Jahr. Ihr Mutterhaus in Dietlikon, das Vrenelisgärtli, hat mit alpiner Küche grossen Erfolg. Doch den Badigästen schmeckte das Roastbeef vom Weiderind und der Appenzeller Schweinshals nicht, weshalb das Menü nach einem Monat abgeändert wurde. Hin zu Nuggets und Salatbuffet. Einen veritablen Aufschrei unter den Besuchern von Zürichs grösstem Strandbad, dem Mythenquai, gab es vor vier Jahren. Damals übernahm das Vegi-Restaurant Hiltl, das in der Stadt eigentlich sehr beliebt ist, die kulinarische Verantwortung. Aber am See passte es den Gästen nicht. Denn das bedeutete den Tod der Chicken Nuggets.

Warum fahren die Badi-Gäste dermassen auf «Junk-Food» in der Badi ab? Nicole Meybohm, Präsidentin des Verbands Ernährungs-Psychologische Beratung Schweiz: «Was die Ernährung angeht, ist der Mensch ein Gewohnheitstier, und diese Gewohnheit ist auch durch das bestehende Angebot entstanden. Besonders, wenn es um Örtlichkeiten geht. Im Kino essen wir ja auch Popcorn und nicht einen Salat vom Buffet.» So verhalte es sich auch in der Badi. Hier sei die Gastronomie seit Jahrzehnten vom einfachen Fach, und daran hätten sich die Leute gewöhnt. «In den meisten Schwimmbädern sind die Küchen platzmässig limitiert und nicht ausgerüstet für komplexe Menüs.» Komme hinzu, dass im Freibad die Verpflegung Nebensache sei, so Meybohm: «Wir gehen dahin, um zu baden, und nicht wegen der Kulinarik.»

Variation, gewusst wie

Doch genau das ist das Ziel jener Badi-Gastronomen, die mehr als nur Pommes und Hot Dog anbieten: den Umsatz mit dem Besuch «Auswärtiger» zu steigern. So hat Lukas Stocker vom «Sunnebeedli» auch tibetanische Momos oder Flammkuchen im Angebot. Und der Hot Dog kommt «mit ofenfrischem Brot, einer Wurst aus der Region und hausgemachter Remoulade. Wir bereiten alles frisch zu, und das zieht zunehmend Leute an, die gar nicht in die Badi wollen, sondern einfach Lust auf ein feines Essen haben». Man könne also variieren, aber das «sowohl als auch» sei wichtig, so Stocker.

Im «Badi-Turm» wiederum gönnen sich Devos und Böni hinsichtlich Zutaten einen gewissen Spielraum: «Wir variieren zum Beispiel bei den Gewürzen. Die Pommes kommen nicht mit herkömmlichem Salz, sondern einer Kräutermischung. Das ist ohnehin gesünder», sagt Devos. Penelas vom Badi-Bistro ergänzt, dass sich auch Fast Food für Innovationen eigne, etwa hinsichtlich Aufmachung. «Und am wichtigsten ist sowieso die Qualität. Darauf legen die Leute zunehmend Wert.» Dafür spreche, dass sein Angus-Burger mit hausgemachter Sauce sehr oft bestellt werde. «Die Gäste haben sich an das neue Angebot gewöhnt», sagt Penelas.

Am Mythenquai haben sich die Wogen unterdessen geglättet. Laut dem Geschäftsführer der Hiltl-Restaurants, Rolf Hiltl, treffe das Buffet-Angebot den Geschmack der Besucher. «Wir bieten auch Pommes frites an, und die vegetarischen Nuggets gehören zu den Hits.» Ganz ohne Fleisch gings auf Wunsch der Stadt Zürich dann aber doch nicht: Die Metzgerei Luma brutzelt ausserhalb vom Restaurant an einem Grill-Stand Würste in diversen Variationen.