Weihnachten

Alle Jahre wieder Streit unter dem Weihnachtsbaum – zwei Aussteiger erzählen, warum sie nicht mehr mitfeiern

Wie in der Kindheit wird sie nie mehr. Erwachsene Weihnacht ist anstrengend.

Wie in der Kindheit wird sie nie mehr. Erwachsene Weihnacht ist anstrengend.

Trotz alljährlichem Stress und Querelen feiern wir jedes Jahr mit der Familie Weihnachten. Doch einige machen nicht mehr mit und verreisen an den Tagen, um Ruhe und Entspannung zu finden.

Das Weihnachtsfest im Kreise der ­Familie. Was in Kindertagen glitzerte und glänzte, ist für viele Erwachsene mühsam geworden. Gerade nach der ­stressigen Vorweihnachtszeit wird das höchste Mass an Contenance verlangt. Man versucht, selig zu lächeln, und überlässt dem Verwandten das Feld, der die unangenehme Stille mit einer Analyse über die politische Situation der Schweiz und der Welt füllt. Man sitzt mehr besinnungslos als besinnlich da und denkt: Muss ich da immer wieder hingehen? Wäre es nicht ehrlicher, nicht hinzugehen? Ist so jetzt das erwachsene Weihnachten?

Henrik (Name geändert) hat letztes Jahr eine radikale Entscheidung gefällt und Weihnachten ohne die Familie verbracht. Seine Eltern sind getrennt, und Jahr für Jahr entstand ein Hickhack, bei wem er nun wann feiern sollte. Er hat es satt. Er habe kein Problem damit, seine Eltern zu sehen, sagt der 30-Jährige.

, sagt Henrik.

Schon im Oktober reservierte er mit einem Freund eine Wohnung in den Bergen. Seine Eltern hätten den Entschluss mit Erstaunen aufgenommen, sich aber damit abgefunden. Mehr Mühe hatte seine Schwester, deren Sohn Henriks Göttibub ist. Doch Henrik hielt an seinem Entschluss fest und verbrachte die Feiertage in einem abgelegenen Tal. Wo er die Ruhe und Entspannung fand, die er bei der Familienweihnacht vermisste. «Ich kann es ­jedem empfehlen», sagt er. Die Freunde verbrachten die Zeit mit Lesen und Filme-Schauen. Henrik weiss nicht mehr, was sie an Heiligabend gekocht hatten. Auf jeden Fall nichts Spezielles, es wurde überhaupt kein weihnacht­licher Aufwand betrieben.

Wer arbeitet in der Küche, und wer legt die Füsse hoch?

Weihnachten ist ein Familienfest. Aus Tradition. So kennen es die meisten, und dieses Bild wird auch von Werbungen und Filmen verbreitet. Aber wenn man sich umhört, dann erfährt man, dass noch manch anderer es Henrik gern gleichtun würde. Eigentlich. Die Menschen klagen über den Stress, den ihnen die Familienfeier oder nur schon der Gedanke daran bereitet.

Das Essen bedeutet viel Arbeit, und das ist schon der erste Punkt, wo Konflikte entstehen können. Eine Freundin berichtet von ihrer Mutter, die von ihrer kinderlosen Tochter die grosse Mithilfe für das Essen als selbstverständlich anschaut, während die Töchter mit ­Kindern bloss erscheinen müssen. Eine andere kann es nicht ausstehen, dass der Vater seine Mitarbeit mit der Entkorkung des Weins für beendet hält. Nach der Arbeitsteilung folgen die klassischen Konfliktfelder wie unangenehme Verwandte oder die Geschenke. Selbstmanagement-Trainerin Caroline Theiss fasst zusammen: An keinem anderen Fest werde so viel gestritten. Und selbst wenn das Fest nicht in einem Streit endet, verlangt es den Teilnehmerinnen viel ab.

Bewusst auf die Weihnachtsfeier mit den Angehörigen zu verzichten, ist heikel. Eine Reise, so scheint es, ist noch die am ehesten akzeptierte Variante. Loredana (Name geändert), 30, fliegt 10000 Kilometer nach Mexiko, um der Familienweihnacht zu entgehen. Ihre Familie lebt in verschiedenen Städten in Deutschland, sie selbst in der Schweiz. Jedes Jahr fuhr sie zu den Verwandten. Und wusste, dass die gleichen Konflikte wie immer hochkommen würden.

Schon vom Gedanken daran bekam sie Bauchweh. Dieses Jahr kam zum schlechten Grundgefühl dazu, dass sie sich verliebt hatte, aber enttäuscht worden war. Und dadurch noch weniger Lust auf erzwungene Familienidylle hatte. Nun feiert sie zum ersten Mal ohne ihre Familie. «Die Reise zu buchen, war eine grosse Befreiung», sagt sie. Das ganze Jahr habe sie sich überlegt, was sie alternativ machen könnte. «Denn allein will ich an Weihnachten auf keinen Fall sein», sagt sie.

Sie weiss auch schon, an welchem Ort in Mexiko sie den 24. Dezember verbringen wird, und hat Aktivitäten geplant. Ihre Geschwister freuten sich für sie, ihre Mutter war zuerst irritiert, kann die Tochter aber mittlerweile verstehen. «Wir werden uns sicher hören an Weihnachten», sagt Loredana. Würde sie an Weihnachten in der Schweiz bleiben, wäre der Fall komplizierter. «Ich glaube, dann würde meine Mutter nicht verstehen, warum ich nicht nach Deutschland fahren würde», sagt sie. Und auch sie hätte mehr Mühe, sich ein alternatives Weihnachtsprogramm zu organisieren. Auch Henrik hat noch keine alternative Idee für dieses Jahr an Weihnachten gefunden.

Der Entscheid will gut überlegt sein

Weihnachtsverweigerer müssen stark sein.

, sagt Caroline Theiss. Wenn man sich für ein Nein entscheidet, muss man das mit einem guten Gewissen vertreten können.

Bevor man sich in eine weihnachtliche Situation, die einem eigentlich zuwider ist, begibt, soll man auf seine eigenen Bedürfnisse hören. «Was brauche ich eigentlich, und was bedeutet Weihnachten mir?», kann man sich fragen. Caroline Theiss rät, dass man sich in der Familie absprechen soll. Besteht bei den anderen Kompromissbereitschaft, kann man das Weihnachtsfest stressfreier gestalten und neue Traditionen schaffen. Das Essen auf ein Minimum reduzieren, die Geschenke abschaffen.

, sagt sie. Hinter den angestrengten Bemühungen, Weihnachten perfekt zu machen, stehe der Wunsch, den Weihnachtszauber aus der Kindheit wieder herzustellen. Wenn man einmal festgestellt hat, dass das nicht möglich ist, geht es viel einfacher.

Die Verwandten kann man im Gegensatz zum Menü und dem ­Baumschmuck nicht einfach aufs ­Minimum reduzieren. Aber auch ­ da gibt es Bewältigungsstrategien. ­ Indem man aufsteht und sich ein ­ Glas Wasser holt, wenn einem das ­Geschwafel des Onkels zu viel wird. «Oder suchen Sie sich einen Ver­bündeten», sagt Caroline Theiss. Das kann eine Person sein, mit der kann man heimliche Blicke austauschen oder notfalls kurz vor die Tür gehen. Oder man überlegt sich bewusst, dass man zum Beispiel den Abend den Eltern schenkt und ihnen zuliebe am Fest ­teilnimmt. Man muss nicht. Aber ­ man kann. So ist das erwachsene Weihnachten.

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