Ferien in Albanien fühlen sich an, als ob man eine halbe Stunde zu früh zur grossen Party gekommen ist. Alles wirkt etwas improvisiert, die Dekoration ist erst halb fertig und die Häppchen sind noch unter der Klarsichtfolie. Aber die Bar hat offen, die Musik spielt bereits und der herzliche Gastgeber empfängt einen mit offenen Armen und einem Schirmli-Drink – man spürt: Es geht bald los.

Albanien, seit 2014 EU-Beitrittskandidat, hat allen Grund, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Das Balkan-Land – auf 29'000 Quadratkilometer leben etwa 3 Millionen Menschen, genau weiss man es nicht – wird als Trend-Reisedestination der nächsten Jahre angepriesen. Und spätestens seit der «Doppeladler»-Affäre an der Fussball-WM 2018 interessieren sich auch die Schweizer für die Herkunft von Xhaka, Shaqiri und Co.

Wozu nach Albanien?

Zunächst einmal taugt das Land für Strandferien: 300 Kilometer Küstenlinie, sauberes Wasser. Die flache Adria im Norden geht ab der Bucht von Vlora südwärts in das tiefe Ionische Meer über. In Albanien findet man günstige Preise und lange Strände. Die Badeorte mit ihren neuen Promenaden und Resorts, einige noch nicht ganz fertig gebaut, bieten bereits ausreichenden bis sehr hohen Komfort. Das Personal macht teilweise fehlende Erfahrung mit der albanischen Gastfreundlichkeit mehr als wett.

Aber man täte Albanien unrecht, wenn man es auf eine reine Badedestination reduzieren würde. Illyrer, Byzantiner, Osmanen, Römer, Griechen; alle haben hier Spuren ihrer Kultur hinterlassen. Man entdeckt sie am besten mit einheimischer Unterstützung. Reiseleiter Raim Beluli, Dozent an der Uni Durrës, entpuppt sich auf unserer Reise rasch als Glücksfall, der sich nicht scheut, auch unbequeme Themen anzusprechen: Drogen, Patriarchat, Korruption.

In Westeuropa weiss man erstaunlich wenig über das Land, das vom Diktator Enver Hoxha nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte in die fast komplette Abschottung geführt wurde. Die Albaner haben zum Beispiel nicht mitbekommen, dass Mutter Teresa – Albanerin – 1979 den Friedensnobelpreis erhielt. Heute ist der Flughafen in Tirana nach ihr benannt. 1991 kam die Wende. Die Demokratie. Und das Chaos. «Die ersten 15 oder 20 Jahre waren sehr schwierig», sagt Reiseleiter Raim. Danach habe man sich umso mehr gefreut, als die Touristen endlich kamen.

Auch unsere Reisegruppe war neugierig auf diesen blinden Fleck auf Europas Karte. Der erste Ausflug führt nach Kruja. Von hier aus leistete im 15. Jahrhundert der Nationalheld Gjergj «Skanderbeg» Kastrioti ein Vierteljahrhundert lang Widerstand gegen die Osmanen, was ihm Anerkennung durch den Papst einbrachte. Und: Auf sein Familienwappen geht die Doppeladler-Landesflagge zurück. Im Skanderbeg-Museum wird deutlich: Des Albaners Hang zu Kitsch und Pomp schlägt sich mitunter im Umgang mit dem historischen Erbe nieder. Er zeigt sich aber auch an vielen Bauten, denen wir unterwegs begegnen. Direkt nach der Wende hat so gut wie gar nichts funktioniert im bitterarmen Land. Natürlich auch keine Baugesetze. Und so zog jeder, der irgendwie zu Geld gekommen war, Häuser hoch, wo es ihm gerade passte. Gewerbeanlagen, Casinos, Wohnhäuser, Hotelkomplexe. Letztere, das sagt auch der Reiseleiter, wären ohne Schwarz- und Drogengeld nicht möglich gewesen.

Das illegale, oft konzeptlose Bauen rächt sich darin, dass einige Häuser neuen Schnellstrassen weichen müssen – oder Parks mit Spielplätzen. Etwa in der Landeshauptstadt Tirana. Nirgends spürt man die Aufbruchstimmung so intensiv wie hier. Der frühere Bürgermeister und heutige Premierminister Edi Rama, ein Künstler, liess alte Wohnblocks bunt bemalen, damit sie wenigstensschön anzusehen sind. Das Blloku-Quartier, einst Domizil von Diktator Hoxha und Sperrzone, ist das IT-Quartier der Stadt. Moscheen stehen neben orthodoxen Kirchen und katholischen Kathedralen. Ein Stück Berliner Mauer – «not for sale», steht auf dem Schild – erinnert an das gemeinsame Schicksal. Der neu gestaltete, riesige Skanderbeg-Platz im Zentrum ist der Treffpunkt für alle, nachts vibriert er vor mediterraner Lebensfreude.

Zeitzeugen der Invasions-Paranoia

Wir besuchen die Hafenstadt Durrës. 1966 stiess hier ein Einwohner beim Umgraben seines Gartens auf das grösste römische Amphitheater des Balkans. Es liegt heute frei und kann besichtigt werden.

Griechische Siedler wiederum waren es, die Apollonia gründeten. Eine einstige Hafenstadt fast gigantischen Ausmasses, dem Gott Apoll geweiht, an der berühmten Via Egnatia zwischen Adria und Bosporus gelegen. Octavian – der spätere römische Kaiser Augustus – studierte hier, als die Stadt noch 60'000 Einwohner zählte. Ein massives Erdbeben im 3. Jahrhundert nach Christus, das den Lauf des Flusses änderte, läutete den Niedergang ein. Heute findet man Landschildkröten zwischen Ruinen sowie ein ehemaliges byzantinisches Kloster. Rundherum sieht es aus wie in der Toskana; sanfte Hügel, Olivenbäume, das Gras leicht angedörrt in der Frühsommerhitze. Dazwischen sind immer wieder die bizarren Auswüchse von Enver Hoxhas Invasions-Paranoia zu sehen: An die 200'000 Zweimannbunker liess er bauen, die kleinen Beton-Pilze wirken heute wie Mahnmale. Kurios mutet auch die stillgelegte Militäranlage mit U-Boot-Bunkertunnel in der malerischen Bucht Porto Palermo an.

Entlang der Strassen sieht man Einheimische mit Ziegen und Schafen, auf Eseln oder hinter Verkaufsständen. Stickereien, Kräutertee, Honig, Selbstgebranntes. Es ist der Versuch, die noch heute kläglichen Löhne, im Schnitt etwa 500 Franken monatlich, aufzubessern. Das Land ist im Aufschwung, die Armut aber noch nicht überwunden. Allein die sehr kleine, aber reiche albanische Oberschicht könnte sich eine Hotelnacht im Nobelbadeort Dhermi leisten, «wo das Omelett neun Euro kostet», sagt der Reiseleiter, nur halb im Scherz.

Unesco-Weltkulturerbe

Wir reisen gen Süden, geniessen den Sonnenuntergang über Saranda, essen Muscheln am Meer und besichtigen die wichtigste archäologische Stätte Albaniens – t Butrint.Die Stadt wurde nach der Wende zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. Das gilt auch für die Altstädte von Gjirokastra und Berat, die um den inoffiziellen Titel «schönste Stadt Albaniens» wetteifern. Die Lage spricht für Gjirokastra, am Rand eines malerischen Tals, von Bergketten umrahmt. Hier wird die Altstadt mit ihren Steindächern für den Tourismus saniert, vor den Shops hängen bereits uniforme Schilder. Und man spürt: Dder richtige Zeitpunkt, um Albanien zu bereisen, bevor der Tourismus-Boom in einigen Jahren den rauen Charme geglättet hat, ist jetzt.

Diese Reise wurde von ITS Coop Travel ermöglicht.