Seit 18 Jahren spürt Engelbert als Touristen-Guide Leoparden, Löwen oder Büffelherden auf – und stets hat er sein Gewehr bei sich. Fünf lange Patronen stecken in seinem Gürtel. Wann er das letzte Mal seine Waffe gebraucht hat? Er lächelt. «Ich brauche sie nur fürs Training. Auf einer Safari habe ich noch nie einen Schuss abgegeben.»

Engelbert führt Touristen seit 18 Jahren durch den Mana-Pools-Nationalpark.

Engelbert führt Touristen seit 18 Jahren durch den Mana-Pools-Nationalpark.

Die anderen Guides nennen ihn «The Leopard Man» – und das nicht von ungefähr, wie wir auf unserer ersten Pirschfahrt im Mana-Pools-Nationalpark erfahren. Engelbert chauffiert uns durch ein sandiges Flussbett mit knorrigen Baumleichen, das nach der Regenzeit ausgetrocknet ist. Plötzlich hält er an, schaut gebannt zum Ufer. «Oh, ihr habt grosses Glück», flüstert er. Im Gebüsch, nur einen Steinwurf entfernt, sitzt ein Leopardenpärchen. Es ist die erste faszinierende Begegnung in Simbabwe. Ohne den Adlerblick unseres Guides wären wir an den Wildkatzen vorbeigefahren.

Die Leoparden würdigen uns kaum eines Blickes. Zu befürchten haben wir nichts: Unser Land Rover ist zwar offen, aber solange wir auf unseren Sitzen bleiben, erkennen sie uns nicht als Menschen. Gefährlich wird es nur, wenn jemand aussteigt. «Es ist Paarungszeit», erklärt uns Engelbert, der seinen Namen dem Faible seines Vaters für den gleichnamigen britischen Schlagersänger verdankt.

Gähnende Löwin, atemberaubender Sonnenuntergang

Gähnende Löwin, atemberaubender Sonnenuntergang

Löwen, Elefanten, ein Schakal und mehr: Dieses Video zeigt einige Impressionen aus dem Hwange-Nationalpark in Simbabwe.

Geheimtipp für Afrikakenner

Die Nationalparks in Simbabwe sind nach wie vor ein Geheimtipp für Afrikareisende, die den Massentourismus meiden. Touristen kommen vergleichsweise wenige hierher. Schlagzeilen über Diktator Robert Mugabe (93), seit 37 Jahren an der Macht, Korruption und Wirtschaftssanktionen haben das Image des Landes ramponiert. Tiefpunkt war die Hyperinflation von 2009, als der US- den Simbabwe-Dollar als offizielles Zahlungsmittel ablöste. In den letzten Jahren allerdings bereisen wieder deutlich mehr Safari-Touristen das Land. Sie logieren in Lodges, kleinen Luxus-Hotels in der Wildnis, teilweise mit Blick auf nahe Wasserstellen, an denen Elefanten, Giraffen oder Impala-Antilopen ihren Durst stillen.

Zeugin der Hyperninflation von 2009: Eine Banknote von "One Hundred 100 Trillion Dollards" – das sind, ins Deutsche übersetzt, 100 Billionen Dollar.

Zeugin der Hyperninflation von 2009: Eine Banknote von "One Hundred 100 Trillion Dollards" – das sind, ins Deutsche übersetzt, 100 Billionen Dollar.

Nach einer langen Bootsfahrt auf dem Sambesi, dem Grenzfluss zu Sambia, ist das Ruckomechi Camp unsere erste Station. Es liegt in einem Uferwald mit Blick auf den Strom, der im Nationalpark einzigartige Auenlandschaften formt. Die kargen und faltigen Berge der nördlichen Sambesi-Steilhänge auf der Seite Sambias bilden einen stimmungsvollen Kontrast zum blau schimmernden Wasser.

Der idyllische Eindruck täuscht: Im Wasser lauern Krokodile. Auch Nilpferde tummeln sich darin. Ihr Röhren durchbricht die Stille. Wer in ihr Revier eindringt, muss mit einem Angriff rechnen, der tödlich enden kann. Engelbert hat in all den Jahren aber nur zwei heikle Situationen erlebt. «Beide Male haben die Leute nicht auf mich gehört und sind den Nilpferden zu nahe gekommen.»

Einblick ins Ruckomechi-Camp im Mana-Pools-Nationalpark

Einblick ins Ruckomechi-Camp

Wie muss man sich eine Lodge in einem Nationalpark von Simbabwe vorstellen? Dieses kurze Video gibt einen kleinen Einblick – mit Bilder aus einem Luxuszelt und dem Loungebereich, wo die Gäste essen oder abends ums Lagerfeuer herumsitzen und sich erzählen, was sie erlebt haben.

Im Camp machen wir eine seltene Begegnung: Als wir kurz nach Mittag zu unseren Zelt-Bungalows gehen wollen, steht uns ein junger Elefantenbulle im Weg. Mit dem Rüssel steckt er sich Grünzeug ins Maul. Wir bleiben auf Distanz und warten, bis er sich davonmacht. Wie las ich doch auf einem Warnschild? «Nicht den Elefanten nähern – sie sind wild.»

Das Camp ist, wie alle anderen, nicht umzäunt. Nachts ziehen schon mal Hyänen oder Löwen an den Luxus-Zelten vorbei, die mit Dusche, WC und Sofa komfortabel ausgestattet sind. Doch wer die Zelte geschlossen hält, hat ebenso wenig zu befürchten wie ein Fussgänger in einer Schweizer Stadt, der bei Grün über den Zebrastreifen läuft. Für den Notfall gibts in jedem Zelt ein SOS-Horn. Ab der Dämmerung begleiten Mitarbeiter die Gäste. Mit dabei haben auch sie immer ein Gewehr.

Stausee so gross das Wallis

Simbabwe ist fast zehn Mal so gross wie die Schweiz, hat aber nur 12 Millionen Einwohner. Wie dünn besiedelt es ist, sehen wir auf dem Flug in einer fünfplätzigen Propellermaschine zum Hwange-Nationalpark im Süden des Landes. Aus der Vogelperspektive blicken wir zwei Stunden lang auf karge Savanne. Atemberaubend ist der Flug über den Kariba-Stausee, der so gross ist wie der Kanton Wallis. Mickrig erscheint das Wasserkraftwerk, eine wichtige Batterie des Staates.

Auch der Hwange-Nationalpark bietet atemberaubende Wildlife-Eindrücke. Am Little Makalolo Camp zieht eine Elefantenherde nach dem Trinken an einer Wasserstelle nahe an unseren Zelten vorbei. Auf Safari wälzen sich Löwen vor uns in der Morgensonne. Bei Sonnenuntergängen leuchtet der Horizont in intensiven Rot- und Blautönen. Nachts fahren wir minutenlang an einer Büffelherde vorbei, die über eine Ebene zieht. Das Naturparadies haben wir fast exklusiv für uns – andere Offroader mit Touristen können wir an zwei Händen abzählen.

Manchmal führt uns die Natur vor Augen, wie gnadenlos sie sein kann. Wir sehen einen jungen Elefanten mit einem gebrochenen Bein. Zieht die Herde zu Beginn der Trockenzeit weiter, wird sie keine Rücksicht nehmen, wenn er nicht mitkommt. Nur seine Mutter wird bei ihm bleiben und ihn nicht gegen die Löwen verteidigen können. Wir sehen die Überreste einer Eule, die ein Adler mit seinen Krallen köpfte, die Augen frass und die Eingeweide aussaugte. Und wir erfahren die Geschichte vom Pelikan «Lazy Sam», der wegen eines gebrochenen Flügels nach einer missglückten Landung vor zwei Jahren an einer Wasserstelle lebt.

Herzschlag des Nationalparks

Der Mensch hat in diesem Naturparadies seine Finger im Spiel: «Es dreht sich alles ums Wasser», sagt Mister B. Der drahtige Mann mit den kurzen grauen Haaren steht neben seinem Land Rover. Wir hören ein leises, regelmässiges Tuckern. Der Motor einer Wasserpumpe, die Grundwasser hochbefördert und in den See vor uns leitet. Mister B., auch bekannt als «Water Guy», nennt das Tuckern den «Herzschlag des Nationalparks». Dadurch finden die Tiere hier übers ganze Jahre Wasser. Die Elefanten-Population im Nationalpark wuchs in den letzten 15 Jahren um 15'000 auf 45'000. Längst nicht alle wandern in der Trockenzeit ins angrenzende Botswana.

Mister B. klappert 14 der 60 Wasserstellen im Nationalpark im Zwei-Tages-Rhythmus ab. Füllt Diesel nach. Kontrolliert die Technik. Er war einer der 4000 weissen Farmer, die bei der umstrittenen Landreform im Jahr 2000 enteignet wurden. Darauf angesprochen, blickt er zur Seite. «Ich verlor alles», antwortet er. Davon erzählen will er nicht. «Ich schaue nach vorne.» Was ihm die Zukunft bringt? «Ich bin optimistisch.» Wegen fehlenden Know-hows der neuen Landbesitzer, Gefolgsleute von Mugabe, brach die Nahrungsmittelproduktion ein. Die einstige Kornkammer Afrikas ist seit Jahren auf Nahrungsmittelimporte angewiesen.

Wo sich der Staat zurückzieht, springen Tourismusunternehmen in die Bresche. Sie bauen Schulhäuser und zahlen, wie Wilderness Safaris in der Ngamo Primary, Dorfkindern die 30 Dollar Schulgeld pro Jahr. Sie finanzieren Anti-Wilderer-Einheiten, Solaranlagen oder den Lohn von Mister B. Die Einheimischen sollen vom Wildlife profitieren und auf das Wildern mit Drahtschlingen verzichten. Wer im Tourismus einen Job findet, ernährt sechs bis sieben Familienmitglieder, heisst es.

So sieht es in einer Dorfschule in Simbabwe aus

So sieht es in einer Dorfschule in Simbabwe aus

Erst begrüssen die Schulkinder der Ngamo Primary School die Touristen mit Liedern, zu denen sie tanzen. Dann zeigen sie ihnen die Schulzimmer. Ngamo ist ein kleines Dorf am Rand des Hwange-Nationalparks. Das Tourismusunternehmen Wilderness Safaris unterstützt die Schule mit Projekten und indem es das Schulgeld der Kinder zahlt. Dadurch soll die Bevölkerung vom Nationalpark und dem Schutz der Wildtiere profitieren und ihn unterstützen. 

Gigantische Wasserfälle

Zum Abschluss unserer Reise besuchen wir den Touristenmagneten des Landes, die Victoriafälle. Auf der über anderthalb Kilometer langen Spalte brechen die Wassermassen mit einem unaufhörlichen Donnern bis zu 108 Meter in die Tiefe. Bei einigen Aussichtspunkten wirbelt die Gischt so stark in die Höhe, dass sie die Fälle verdeckt. Wer hier ein Selfie vor dem grossen Regenbogen macht, wird in wenigen Sekunden klitschnass.

Auf dem Rückweg zum Hotel streifen wir den Alltag der Einheimischen. Strassenverkäufer bieten uns hartnäckig Holzschnitzereien an. Einer zeigt mir wertlose Noten von Simbabwe-Dollars, jene wertlosen Zeitzeugen der Hyperinflation. Die höchste, die 100-Billionen-Dollar-Note, ist nicht darunter. Ich kaufe ihm eine Serie ab. Ein anderer läuft mir bis zum Hotel nach. «Bitte gib mir einfach einen Dollar, damit ich etwas zu essen kaufen kann», bettelt er.

Die tosenden «Victoria Falls» mit Regenbogen

Die tosenden Victoria Falls mit Regenbogen

Die Viktoriafälle sind der Tourismusmagnet von Simbabwe und gehören seit 1989 zum Unesco-Weltkulturerbe. Der Anblick des Naturschauspiels ist atemberaubend – bis zu 10'000 Liter pro Sekunde stürzen hier am Ende der Regenzeit in die Tiefe. Wer hierherfliegt, sieht die Gischt schon Kilometer vor der Landung.

Ich muss an einen weissen Simbabwer und seine Frau denken, denen wir unterwegs begegneten. Auch sie waren enteignete Farmer, die beruflich wieder Fuss gefasst haben und ihren Namen lieber nicht gedruckt sehen wollen. Trotz Universitätsabschluss überlegen sich ihre Kinder, nach Südafrika auszuwandern – wie Millionen andere in den letzten Jahren. Jobs sind rar in Simbabwe, umso wichtiger sind Deviseneinnahmen. Das Paar hofft, dass künftig mehr Touristen den Weg hierherfinden – auch aus der Schweiz. «Wir brauchen sie», sagt die Frau. Es klingt wie ein Hilferuf.

Der Autor reiste auf Einladung von Knecht Reisen nach Simbabwe.