Interview

Ärzte in der Kritik wegen fehlerhafter Corona-Meldungen: Ein Kantonsarzt nimmt Stellung

Ärzte müssen den Bund via Formular über die Ansteckungsquellen der Coronapatienten informieren. Das klappt nur schlecht. (Symbolbild)

Ärzte müssen den Bund via Formular über die Ansteckungsquellen der Coronapatienten informieren. Das klappt nur schlecht. (Symbolbild)

Ärzte stehen in der Kritik, Covid-19-Fälle nicht oder fehlerhaft zu melden. Die Ansteckungsquellen bleiben damit im Dunklen. Kantonsarzt Thomas Steffen nimmt im Interview Stellung.

Das Datenchaos rund um die Coronaansteckungen ist grösser als angenommen: Gemäss der «NZZ am Sonntag» fehlen dem Bund in mehr als der Hälfte aller Fälle die ärztlichen Meldungen. Zudem zeigt eine ETH-Studie, dass Infizierte früher als angenommen ansteckend sein können. Was bedeutet das für die Eindämmung der Pandemie? Thomas Steffen, Kantonsarzt in Basel-Stadt, nimmt Stellung.

Herr Steffen, der Informationsfluss zwischen Ärzten und dem Bundesamt für Gesundheit harzt. Nicht einmal jeder zweite Co- vid-19-Fall wird dem Bund gemeldet. Was läuft schief?

Thomas Steffen: Das aktive Melden von übertragbaren Krankheiten ist seit Jahren ein Thema zwischen allen Beteiligten. Wir versuchen, unter anderem bereits im Medizinstudium das Verständnis für diese Meldung zu fördern. Hier sollte künftig noch mehr getan werden.

Was machen die Kantonsärzte jetzt, damit die Meldepflicht eingehalten wird?

Der Kantonsärztliche Dienst geht allen ausstehenden Meldungen systematisch nach und fordert sie von den beteiligten Ärztinnen und Ärzten ein. Zudem werden sie in Mailings regelmässig an diese Meldepflicht erinnert.

Auch die Formulare zur Übermittlung sind fehleranfällig. Letzte Woche wurde fälschlicherweise ein junger Coronatoter bekannt gegeben.

Selbst das ideale Formular könnte fehlerhaft ausgefüllt werden, weil Menschen Fehler machen. Geführte Onlinesysteme können die Fehleranzahl reduzieren und Plausibilitäten überprüfen, was sicher ein Fortschritt wäre. Bei ungewöhnlichen Resultaten sollte man aber immer eine Mehrfachüberprüfung vornehmen – in diesem Fall zum Beispiel über die Nachfrage bei der Ärztin oder dem Arzt und beim Kanton.

Zuerst die Pannen beim Bundesamt für Gesundheit, nun jene bei den Ärzten: Das Vertrauen in die offiziellen Daten schwindet.

Menschen verstehen auch aus der eigenen Erfahrung heraus, dass es Fehler gibt. Der Punkt sind nicht die Fehler, sondern ob wir aus diesen genügend lernen. Hier sind wir alle immer wieder gefordert.

Gemäss einer neuen ETH-Studie kann ein Coronainfizierter bereits fünf Tage vor den ersten Symptomen andere mit dem Virus anstecken. Ist damit das Contact-Tracing für die Kantone überhaupt noch leistbar?

Gegenwärtig prüft das Bundesamt für Gesundheit diese Frage. Wir richten uns nach dessen Empfehlungen. Eine Ausweitung der beigezogenen Tage ist für uns aber grundsätzlich möglich.

Wie liesse sich das Contact- Tracing effizienter gestalten?

Das Contact-Tracing muss sich der jeweiligen Situation anpassen – auch bezüglich Stellen und Vorgehensweise. Wir unterscheiden zum Beispiel zwischen Quarantäne bei Kontakt mit Neuinfiziertem und Quarantäne wegen Einreise aus Risikoland. Bei der Betreuung der Personen in Reisequarantäne setzen wir stärker auf den Kontakt über eine App-Lösung. Diese ist nicht mit der Swiss-Covid-App zu verwechseln, da sie über keine Trackingfunktion verfügt. Sie ist vielmehr für uns als kantonale Behörde ein weniger aufwendiger, digitaler Kanal, um die Einhaltung der Quarantäne zu überprüfen.

Lässt sich damit nicht viel einfacher schummeln?

Die Daten müssen auch hier von der betreuten Person systematisch eingegeben werden. Schummeln kann letztlich nie ganz ausgeschlossen werden. Wir machen aber die Erfahrung, dass die Betroffenen die nötigen Massnahmen in der Regel sehr ernst nehmen und die Möglichkeit von unterschiedlichen Kommunikationsmitteln – wie Telefon, Mail und App – auch schätzen.

Testet die Schweiz genug? Der ehemalige Mister Corona, Daniel Koch, bezweifelt dies.

Heute ist der Test breit zugänglich. Er wird sehr niederschwellig empfohlen und auch viel breiter als in der ersten Welle eingesetzt. Entsprechend ist die Anzahl Testungen im Moment kaum mehr im gleichen Masse matchentscheidend, wie beispielsweise die Einhaltung der Schutz- und Hygienemassnahmen.

Damit mehr über die Infektionswege bekannt wird: Was halten Sie von der Idee des breitflächigen Testens, wobei mehrere tausend Personen regelmässig und unabhängig von Symptomen getestet werden?

Aufgrund der Unsicherheiten, die der Test auch mit sich bringen kann, ist dieser Ansatz im Moment nur bei wissenschaftlichen Studien zielführend. Die bisherige, sehr heterogene Verbreitung des Virus in der Schweiz würde zudem die Selektion einer sinnvollen Stichprobe erheblich erschweren.

Meistgesehen

Artboard 1