Aufklärung

Ähh... wenn die Bienchen die Blümchen bestäuben: Die Verlegenheit der Väter

Plüschpenis und -vagina: Im Aufklärungsunterricht wirds heute ganz anschaulich. Zu Hause aber geraten die Eltern ins Straucheln – und schweigen aus Überforderung. Georgios Kefalas/Keystone

Plüschpenis und -vagina: Im Aufklärungsunterricht wirds heute ganz anschaulich. Zu Hause aber geraten die Eltern ins Straucheln – und schweigen aus Überforderung. Georgios Kefalas/Keystone

Teenager werden meistens ausserhalb des Elternhauses aufgeklärt. Auch heute noch. Mehr als die Mütter drücken sich die Väter, vielen ist es unangenehm – und sie vertrauen darauf, dass es die Schule richtet.

Martin rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Er ist Vater von drei Söhnen, 16, 18 und 21 Jahre alt. Ob er seine Söhne aufgeklärt habe, hat die Frage gelautet. Er sagt: «Wenn das Thema aufkam, hatte ich das Gefühl, die wissen, worum es geht. Also wenn zum Beispiel am Fernsehen was in die Richtung lief, habe ich gesagt: Weisst du, was du da siehst? Und da merkte ich, das Thema, also wie das funktioniert, war bekannt.»

Nein, mit seiner Frau habe er nicht abgesprochen, wer die Aufklärung übernehme, aber sie sei wahrscheinlich mehr involviert gewesen. Die Kinder seien jedenfalls nie mit Fragen auf ihn zugekommen. Und ob man das als Eltern von sich aus tun sollte, habe er sich nie überlegt.

Martin, 63, würde sich nicht als prüde bezeichnen. Aber mit seinen Söhnen über Sex reden, über Erektionen, Lust, Frauen, Verhütung, Pornos, das hat er nicht getan. Und ist damit im Jahr 2019 in bester Gesellschaft.

Der Verein Sexuelle Gesundheit Schweiz sowie die Hochschulen Luzern und Genf haben rund 100 ausführliche Interviews mit Jugendlichen und Eltern geführt. Barbara Berger, Geschäftsleiterin von Sexuelle Gesundheit Schweiz, fasst das Resultat folgendermassen zusammen: «Väter fehlen bei der Sexualaufklärung ihrer Kinder fast gänzlich.»

Ähnliches ergab eine Studie der Universitätsspitäler Lausanne und Zürich 2018, an der 7142 junge Menschen zwischen 24 und 26 Jahren teilnahmen. Davon gab eine Mehrheit an, in ihrer Kindheit und Jugend hauptsächlich mit Freunden (37 Prozent) über ihre Sexualität gesprochen zu haben. An zweiter Stelle folgten die Mütter (22,4 Prozent). Die Väter (3,7 Prozent) landeten abgeschlagen auf einem der hintersten Ränge.

Fachleute sind erstaunt

«Für uns sind die Ergebnisse ernüchternd. Die heutigen Eltern handhaben die Sexualaufklärung mehr oder weniger wie ihre Eltern», sagt Berger. Trotz gutem Willen falle es vor allem den Vätern oft schwer, mit ihren Kindern offen und unverkrampft über die Sexualität zu sprechen. Insbesondere wenn es um Intimität und Beziehungen gehe. Damit bestünde die Gefahr, dass überholte Rollenbilder weitergegeben würden, sagt Berger. Etwa, dass Frauen offener über ihre Gefühle sprechen als Männer. «Das ist aber keine Frage des Geschlechts. Das muss man lernen und üben.»

Es reicht nicht, biologische Abläufe zu erklären und ungewollte Schwangerschaften oder Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Es geht um mehr: um Sexting, um Geschlechtsidentität oder um die Gleichberechtigung von Männern und Frauen im Bett.

Das fordert auch die Lehrer. Denn auf diese verlassen sich Eltern gerne. Bloss ist das Glückssache: Bezüglich Sexualpädagogik fehlt eine nationale Strategie oder eine einheitliche Bildungspolitik. Jeder Kanton regelt dies für sich. In der Romandie etwa besuchen externe Fachpersonen die Schulen. In der Deutschschweiz übernehmen dies häufig die Lehrerinnen und Lehrer. Je nach Person und Schule kann die Aufklärung deshalb umfassend oder minimal ausfallen.

Einer der wenigen Väter, die mit ihren Kindern unverkrampft über Sex sprichen, findet aber sowieso: «Die Aufklärung in der Schule reicht nicht, denn da traut man sich ja vielleicht nicht nachzufragen», sagt René, 51.

Kollegin schlug Dreier vor

Renés Töchter sind 14 und 17 Jahre alt. «Die ältere ist zum Glück so selbstbewusst, dass sie sich nicht unter Druck setzen lässt, alles mitzumachen», erzählt er. Kürzlich sei sie von einer Kollegin zu einem Dreier eingeladen worden und habe abgelehnt. Die Tochter erzähle nicht alles, und das sei auch okay so. Als sie einen Quasi-Freund erwähnte, fragte der Vater nach: «Müssen wir über Verhütung reden?» Sie habe verneint, wollte aber darüber reden, wie viel Körperlichkeit sie sonst zulassen solle. «Sie rang mit sich selbst und wir bestärkten sie, nur zu machen, was für sie stimme.»

Er hat seine Töchter nie zur Aufklärung zu sich zitiert. Vielmehr kam das Thema immer wieder am Esstisch auf. Um die offene Atmosphäre zu fördern, erzählen er und seine Frau es den Mädchen bewusst auch, wenn sie selber eine Krise haben.

Viele Kindern ist es jedoch unangenehm, mit ihren Eltern über Sex zu sprechen – gerade wenn sie deren Scham spüren. Anton, 56, Vater von zwei Töchtern und zwei Söhnen, macht es deshalb so: Er greift am Familientisch Themen auf, die in den Medien aktuell sind, oder legt wie zufällig Broschüren auf den Tisch. In späteren Gesprächen merke er, dass seine Kinder das Material ziemlich genau anschauten. «Würde ich es ihnen in die Hände drücken und sagen, lies das, würde es nicht klappen», sagt der Vater.

Inzwischen sind auch seine Kinder im Teenager-Alter oder erwachsen und grenzen sich ab. Das ist normal. Sexualpädagogin Katja Hochstrasser sagt dazu: «Mit 12, 13 Jahren ist der Zeitpunkt für die Eltern vorbei, die Kinder nur biologisch aufzuklären.» Auch Michael Ganz von Sexuelle Gesundheit Aargau sagt: «Wer nicht im Kindesalter über Sexualität sprichtt, findet die Sprache auch später nicht.»

Mit Tochter reden ist schwierig

Besonders Väter, die nur Töchter haben, sehen sich nicht in der Verantwortung, ihre Kinder aufzuklären. Dass ihre männliche Sicht auf die Sexualität die Mädchen interessieren könnte oder sogar wichtig wäre, diese Erkenntnis hat sich noch nicht durchgesetzt. So sagt ein Vater dreier Töchter: «So weit habe ich nicht gedacht.» Seine Mädchen hat die Mutter aufgeklärt. Gemeinsam hätten sie aber den Umgang mit den sozialen Medien geregelt: Dass die Mädchen vorläufig keine Selfies von sich auf Instagram posten sollten und schon gar nicht nackt.

Auch Vater Anton mit den vier Kindern war mit den sozialen Medien konfrontiert: Sein jüngerer Sohn schrieb einem Mädchen, das ihm gefiel, eine Whatsapp. Diese zeigte es in der Klasse herum. Der Sohn wollte wissen, wie sich die Nachricht löschen liess. Es war eine technische Frage, die im Gespräch endete, wie man mit einer Zurückweisung umgeht.

Die Sexualpädagogen sagen: Doch, viele Väter würden sich bemühen und es gut machen. Aber je intimer es wird, umso grösser wird das Schweigen, wie die Lausanner Sex-Studie zeigt. So hat ein Drittel der Befragten angegeben, dass in ihrer Aufklärung weder über Klischeevorstellungen noch über Sexualpraktiken gesprochen wurde. «Dies wäre aber vor allem vor dem Hintergrund des Pornokonsums von Jugendlichen wichtig», sagt Barbara Berger von Sexuelle Gesundheit Schweiz, «Pornos schaffen völlig verzerrte Realitätsvorstellungen.» Auch Sexualpädagogin Katja Hochstrasser sagt: «Die Pornos haben sich in den letzten Jahren stark verändert, es kommt viel mehr Gewalt vor.»

Gerade bei diesem Thema hätten Väter die wichtige Aufgabe, das entstandene Bild in den Köpfen ihrer Söhne zurechtzurücken. Was läuft im Bett wirklich ab – und auch: Was mögen Frauen?

Über sich selbst nachdenken

Warum also tun sie es nicht, im Jahr 2019, wo in der Gesellschaft kaum noch über Dildos gekichert wird? Die befragten Fachleute kamen ob der Frage ins Stocken. Am Ende kristallisierte sich heraus: Nein, es ist den Eltern nicht egal, ob oder wie die Kinder aufgeklärt werden. Aber viele sind überfordert. Denn wer über Sex reden will, ist gezwungen, zuerst seine eigene Sexualität zu reflektieren. «Nur die Sexualität in ihrer kommerzialisierten Form ist öffentlich», präzisiert Sexualpädagoge Ganz, «die eigene Sexualität bleibt ein sehr persönliches Thema.»

Eltern müssen sich also zuerst bewusst werden, was sie tatsächlich gut finden und was nicht – sonst finden sich auch die Worte dafür nicht. Sex ist nur auf den ersten Blick eine Handlung, Sex hat vor allem mit Gefühlen zu tun. Und Männer haben in der Regel immer noch mehr Mühe über diese zu sprechen.

Gemeinsam ist den befragten Männern übrigens, dass ihr eigener Vater sie nicht aufgeklärt hat oder damit kläglich gescheitert ist, wie René schildert: «Das war oberpeinlich, als mich mein Vater eines Abends am Tisch aufklären wollte. So verkrampft! Ich habe dann selber gesagt, das bringt nichts.»

Diese Zeit ist trotz allem überwunden: Die Vater-Kind-Beziehung hat sich in den letzten 40 Jahren stark verändert, wie Diana Baumgarten, die an der Uni Basel über die Beziehung von Vätern zu ihren Kindern geforscht hat, feststellt. «Die Männer sind heute involviert im Familienleben, die meisten suchen eine liebevolle Beziehung zu ihren Kindern und wollen an ihrer Entwicklung teilnehmen.» Vielleicht seien 40 Jahre einfach noch zu kurz, um auch die Mauer zur Aufklärung einzureissen.

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