Sie war schon lange da, die Frau, die mit wehendem Haar von Luzern nach Aarau eilte. Strassen zeichnen die Dame in die Landschaft zwischen Zürich, Aarau und Luzern. Genauer: Velowege.

Wer sich lange genug über das Strassennetz der Schweizer Velowege beugt, entdeckt die Frau plötzlich. Oder einen Elefanten – seine Füsse im Napfgebiet, seinen Rüssel in Büren an der Aare. Im Netzwerk der Wanderwege gibt es eine Robbe, die Schnauze in Reiden LU, die Schwanzflosse in Sursee. Und dem südlichen Ufer des Vierwaldstättersees rennt ein Hund entlang.

Dass die Figuren in den Landkarten schon da sind und man sie bloss entdecken muss, findet auch der Kanadier Stephen Lund. Er ist leidenschaftlicher Velofahrer. Wie das heute üblich ist, lässt er seine gefahrenen Routen von seinem GPS-Gerät aufzeichnen, um danach zu wissen, wie weit und wie schnell er gefahren ist. Vor vier Jahren kam ihm erstmals die Idee, mit dem Velo so zu fahren, dass auf der digitalen Landkarte via GPS-Route ein Bild entsteht. Ein Schriftzug war es: «Happy 2015» zeichnete er pedalend in die rechtwinkligen Strassen von Victoria, südlich von Vancouver. Inzwischen sind viele Bilder entstanden: eine Giraffe, eine Meerjungfrau, ein Kolibri oder ein Waschbär beispielsweise. «Ich mache die Zeichnungen sichtbar, indem ich sie mit dem Velo abfahre», sagte er einst gegenüber der Westschweizer Zeitung «Le Matin». Für die Meerjungfrau radelte er 220 Kilometer in 14 Stunden. Manche Wege müssen wieder zurückgefahren werden, denn das GPS-Gerät ausschalten, um an einem anderen Punkt weiterzuzeichnen, zählt nicht nach seinen Regeln.

Aus Sport wurde Kunst. «Ich sehe mein Velo nicht mehr als Transportmittel, sondern als Pinsel», sagt Stephen Lund, «und die Landkarten sind wie Leinwände.» Dieses Gekritzel hätte seinen Velo-Ausfahrten Sinn gegeben.

Auch per Flugzeug geht es

Inzwischen haben Velofahrer weltweit die GPS-Kunst auch probiert. Wo es rechtwinklige Wege gibt wie in Amerikas Städten, findet jeder ein Motiv. Auch schon sind Piloten in der Luft eine Figur geflogen. Theoretisch könnte man auch auf einer genug grossen Wiese eine Figur ablaufen und per GPS aufzeichnen lassen. Aus der Schweiz gibt es – zumindest nach unseren Recherchen – noch keine GPS-Strassenkunst im Internet zu sehen. Wir haben deshalb selbst eine Weile auf das Wegnetz gestarrt und die eilende Frau gefunden.

Der Effekt, dass das menschliche Gehirn fähig ist, in allem und überall zumindest Gesichter zu erkennen, nennt sich Pareidolie. Das bekannteste Beispiel dafür sind wohl die Wolken-Bilder. Unser Gehirn muss diese Interpretierung leisten können, um die täglich unzähligen visuellen Eindrücke überhaupt verarbeiten und einordnen zu können. Auf die Erkennung von Gesichtern sind wir als soziale Wesen speziell programmiert.

Dieser Prozess im Gehirn wurde genau untersucht. Die rechte und die linke Gehirnhälfte müssen dazu zusammenarbeiten: Nachdem auf der linken Seite die Spindelwindung der Grosshirnrinde eingeschätzt hat, wie sehr ein Bild einem Gesicht ähnelt, entscheidet die Spindelwindung auf der rechten Seite blitzschnell, ob das Gesicht tatsächlich echt ist. Gehirn-Forscher am Massachusetts Institut für Technologie, USA, entdeckten den Mechanismus, weil sie mittels MRI sahen, dass die linke Gehirnseite kontinuierlich immer aktiver wird, je mehr ein Objekt einem Gesicht ähnelt. Auf der rechten Seite war die Gehirnaktivität gleichbleibend bei tatsächlichen Gesichtern, aber sie änderte abrupt, wenn plötzlich kein echtes Gesicht gezeigt wurde – egal wie sehr das Bild einem Gesicht ähnelte. Wir sehen deshalb Gesichter nicht nur in Wolken, sondern auch in Felsformationen oder eben einem Wegnetz – aber wir wissen immer, dass sie keine echten Menschen sind.

Übernatürliche Eindrücke

Wobei: Manche unter uns haben doch Mühe, die Realität von der Einbildung zu trennen. Bei diesen Menschen ist die linke Gehirnhälfte besonders aktiv, wo das irrationale Denken angesiedelt ist. Sie glauben also eher, dass es tatsächlich etwas zu bedeuten hat, wenn zum Beispiel auf einem Toast schemenhaft ein Gesicht zu sehen ist, das der üblichen Darstellung der heiligen Maria gleicht. Eine solche angebissene Brotscheibe tauchte 2004 auf und wurde für irrationale 28'000 Dollar versteigert.

Demgemäss wollen wir die aus dem Kanton Luzern in den Aargau eilende Frau im Veloroutennetz auch gerne dahingehend deuten, dass es im Aargau etwas zu holen gibt. Oder so.