Freundlich klingt der Pilot des Wasserflugzeuges nicht, aber seine Worte sind leicht nachzuvollziehen: «Wenn es in zwei bis drei Minuten nicht besser wird, kehre ich um.» Seit unserem Start vor einer Stunde in Fort McMurray giesst es in Strömen, die Sicht verschlechtert sich laufend, und die vor uns liegende Buschlandschaft der kanadischen Provinz Saskatchewan verliert sich in einem seifigen Nebel. Tiefer fliegen wäre gefährlich.

Doch, o Wunder!, plötzlich öffnet sich vor uns eine weite Seen- und Flusslandschaft. Noch hängen vereinzelte mystische Nebelfetzen an Ufern und Hängen. Still und schwarz liegt er da, der Lazenby Lake, auf dem wir in Kürze aufsetzen werden. Der Pilot dreht drei Runden im Tiefflug, um die Landestelle nach allfälligem Treibholz abzusuchen. Eine Kollision mit einem Baumstamm könnte das vorzeitige Ende unserer Expedition bedeuten.

Gelandet. «C’mon guys», ruft uns der Pilot zu. Nicht so zimperlich! Und schon stehen wir bis zum Bauch im kalten Wasser und tragen Zelte, ein halbes Dutzend Plastikfässer mit Essen für drei Wochen, Kochgeschirr, Apotheke, Bärenspray, drei Faltboote und unsere sechs wasserdichten XXL-Rucksäcke an Land. Der Flieger schwirrt ab, eine Minute noch hören wir den Motor, dann Stille. Eine Luft, die wir noch nie gerochen haben. Die Natur dampft. Die Wildnis hat uns.

Jörg Eichhorn, unser Guide, findet sogleich den lauschigen Platz wieder, wo er vor einigen Jahren mit einer Gruppe Jugendlichen campiert hatte. Ein traumhafter Ort, wunderschön gelegen, gut zugängliches Ufer. Rasch sind unsere Zelte aufgestellt. Es ist frisch, wir ziehen trockene Kleider an. Adi und Reto, unsere Aargauer Baufach-Menschen, sind sofort im Element, schnappen Säge und Gertel und lassen die ersten trockenen Tännchen zu Boden krachen. «Die ‹dead standing› sind die besten», sagt Jörg. Totes Holz, aber nicht zu trocken. Wahrlich, Holzmangel gibt es hier nicht. Jörg richtet die «Küche» ein, die im Wesentlichen aus einer simplen Feuerstelle, einer Reihe von Fässern und einer Blache besteht, die wir zwischen die Bäume spannen.

Bären in Sicht!

Lagerplatz suchen, Zelte aufstellen, feuern, kochen: Solches wird für die kommenden knapp drei Wochen unser Alltag sein. Unser Ziel ist der Davy Lake, auf dem McFarlane River rund 210 Kilometer weiter Richtung Nordwesten. Sind wir erst mal losgefahren, gibt es kein Zurück mehr. Kein Flugzeug wird uns holen, der Fluss ist zu wenig tief für eine Landung. Nur ein Satellitentelefon haben für Notfälle dabei.

Am nächsten Morgen weckt uns strahlender Sonnenschein, es wird rasch warm. In der Früh hatten wir mit dem Fernglas den ersten Bären entdeckt, zuoberst auf einem wackeligen Tännchen. Wollte er Witterung aufnehmen? Am Nachmittag erkunden wir, alle mit einem Bärenspray versehen, die Gegend. Wir erschrecken, nicht wegen eines Bären, sondern weil sich unweit unseres Lagerplatzes eine riesige graue Wüste auftut – hier muss ein Buschfeuer gewütet haben. Das muss aber mindestens ein Jahr her sein, inzwischen gedeihen schon Heidelbeeren.

Jörg weiss mit dreissig Jahren kanadischer Wildnis-Erfahrung einiges zu erzählen. «Die Bären, ja, sie sind sehr zahlreich hier, aber in der Regel ungefährlich. Allenfalls sind sie neugierig.» Wenn einer zu nahe kommt, wird Pfefferspray eingesetzt. Eine Flinte haben wir nicht dabei. «Uneffizient und viel zu gefährlich», sagt Jörg.

Bären riechen Essen auf grosse Distanzen. Auch Zahnpasta, Deo und Sonnencreme können sie anlocken. Abends, bevor wir uns in die Schlafsäcke verkriechen, verstaut Jörg alles Essbare in die Plastikfässer. Nur einmal wird es ungemütlich: Da watet ein Bär im Fluss, und ausgerechnet dann bleiben Bea und ich im seichten Wasser an einem Stein hängen. Unsere Kollegen sind bereits weiter. Meister Petz findet diese Situation spannend und galoppiert in unsere Richtung. Jetzt aber los. Zum Glück befinden wir uns flussabwärts vom Bären. Schnell steige ich aus und schiebe das Kanu in die rettende Strömung zurück. Uff! Nie hatte ich den Kahn so schnell flottbekommen.

Paddeln will gelernt sein

Am Stein hängen bleiben? Ja, solches kommt vor. Das Wasser schimmert wegen der dunklen Algen am Flussgrund grün-schwarz. Steine unter Wasser sind vor allem durch die Wasserwirbel erkennbar. «Stein links!», ruft Bea, die vorne im Boot sitzt, und bringt den Bug nach rechts. Ich mache hinten den Steuerschlag, einen «Zwick» nach links.

Vor allem zu Beginn der Reise haben wir ein Chaos mit unseren Steuerschlägen. Bea sieht die Hindernisse eher als ich am hinteren Ende. Aber ich bin der Steuermann, aus physikalischen Gründen. Befehlen bin ich nicht gewohnt, und ich weiss auch nicht so recht, ob ich das richtige Kommando gebe. So kommen wir ins Rudern ...

Wenns schiefgeht, gehts rassig. Das Kajak hängt am Bug an, das Heck wird von der Strömung mitgezogen. Und nach zwei Sekunden schaut man in die Richtung, wo man eben hergekommen ist: flussaufwärts. Und dann gehts rückwärts den Bach runter. Na viel Spass beim wenden! Dann kommen nämlich wieder diese blöden, kaum sichtbaren Steine, und dann hängt man vielleicht mittschiffs am Stein, das Schiff kentert und man geht baden.

Wie froh sind wir, dass wir Fässer und Säcke auf dem Kajak vertäut haben und dass diese Boote trotz Leichtbauweise robust sind. In Stromschnellen ist das Flottmachen des Kanus nicht so einfach. Die Ufer sind oft mit dichtem Buschwerk gesäumt, die Felsen glitschig. Und niemand stellt das Wasser ab.

Als wir wieder in ruhigem Gewässer sind, fasst Jörg, der unsere Manöver beobachtet hat, zusammen: «Ihr habt einfach zu wenig Tempo. Ihr müsst paddeln, denn nur wenn ihr deutlich schneller seid als der Fluss, ist das Schiff steuerbar.»

Er fordert einiges ab, dieser McFarlane. Streckenweise führt er wenig Wasser, wir schieben und ziehen die Kanus durch die Untiefen, tappen fast blind durch das schwarze Wasser, weil die Steine nicht erkennbar sind. Ich habe zu Beginn das falsche Schuhwerk an den Füssen und bekomme offene Blasen, die mich bis ans Ende der Reise begleiten werden.

Manchmal habe ich mich auf dieser Reise gefragt, warum man sich so etwas überhaupt antut. Zwanzig Stunden fliegen und CO2 in die Umwelt pusten, um unberührte Natur zu erleben? Der grosse organisatorische Aufwand von Jörg, diese Materialschlacht?

Ziel: Der weisse Sandstrand

Das Fazit haben wir täglich gezogen. Sechs oder mehr Stunden auf dem Fluss, am Abend am Feuer, froh, wenn es warmen Tee und zu essen gibt. Still glücklich, wenn man sich müde ans Ufer setzt, voller Eindrücke des Tages: ruhige Seen, aufregende Stromschnellen, weite Hügel. Stille. Wenn nachts aus der Ferne der traurige Schrei des Loons, des allgegenwärtigen inoffiziellen Nationalvogel Kanadas, an unser Ohr dringt.

Die Aufregung und die Ehrfurcht, wenn sich plötzlich das Nordlicht zeigt. Wenn in der Früh der weisse Nebel wunderbar aus dem Fluss steigt. Und wenn man am Ziel, am weissen Sandstrand des Davy Lake, schmunzelnd feststellen darf: Wir könnten uns noch Tausende von Kilometern Richtung Norden bewegen. Und wir würden keine Menschenseele antreffen.