Felix Fischer, wer schneidet Ihnen die Haare?

Felix Fischer: Ich schneide sie mir selber. Früher ging ich hin und wieder zum Coiffeur. Aber ich war nie zufrieden mit dem Resultat.

Warum nicht?

Ich bin ein Perfektionist. Ich weiss genau, wie ich meine Haare schneiden muss, damit sie richtig liegen und ich nach dem Waschen keine Styling-Produkte verwenden muss.

Wenn Sie Stars wie Jennifer Lopez die Haare machen, ist Ihr Job wahrscheinlich komplizierter.

Das stimmt. Vor einigen Jahren begleitete ich J.Lo auf ihrer Südamerika-Tournee. Wir waren drei Wochen unterwegs. An manchen Tagen musste ich Lopez sechs verschiedene Frisuren stylen. Nach dem Aufstehen hatte sie Lust auf Frisur A, für das Interview nach dem Frühstück sollte es Frisur B sein, die beiden Interviews am Nachmittag wollte sie mit Frisur C absolvieren und zum Konzert am Abend musste es Frisur D sein. Und kaum war sie im Hotel zurück, rief sie morgens um ein Uhr an: «Mir tun die Extensions weh, kannst du bitte kommen und sie rausnehmen.»

Klingt anstrengend.

War es auch.

Man sagt, die Haare seien Abbild der Gesundheit und der Psyche eines Menschen.

Sind Haare ohne Glanz, lahm oder gar unfrisierbar, ist das ein Zeichen, dass etwas im Leben des Menschen – psychisch oder physisch – nicht in Ordnung ist.

Was tun Sie, wenn Sie während eines Fotoshootings ein Model stylen müssen, dessen Haare unfrisierbar sind?

Ich schlage der Natur ein Schnippchen und klebe Haare an. In meinen Koffern habe ich unzählige Extensions und Perücken dabei.

Sind ungepflegte Haare mit herausgewachsenem Schnitt so etwas wie abgelaufene und ungeputzte Schuhe?

Das Äussere ist nicht alles. Es versperrt oft den Blick auf Wertvolles dahinter. Und sowieso, ich schaue den Menschen selten als erstes auf den Kopf.

Wann tun Sie es?

Die Frisur muss entweder wahnsinnig interessant oder total hässlich sein. Mittelmass interessiert mich nicht.

Was ist Schönheit?

Ich habe schon so viele Phrasen über Schönheit gehört. Für mich gilt nur dieser Satz: Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

War Coiffeur Ihr Traumberuf?

Als Kind hatte ich zwei Leidenschaften – Ballett und Haare. Mit zehn war ich entweder in der Schule, im Ballett-Training oder half in einem nahen Coiffeurgeschäft aus.

Aus der Karriere als Tänzer ist nichts geworden. Weshalb nicht?

Ich besuchte eine professionelle Tanzschule. Bis meine Knie mit 19 kaputt waren und ich einsehen musste, dass aus der Profikarriere nichts werden würde. Ein Horror.

Wie ging es weiter?

Ich machte eine Ausbildung als Coiffeur im Geschäft in Möriken, in dem ich jeweils ausgeholfen hatte. Seither lebe ich meine Kreativität beim Haaremachen aus.

Welches war das grösste Missgeschick, das Ihnen als Coiffeurlehrling passiert ist?

Da gibt es einige. Einem Freund habe ich die Haare statt blond knütschorange gefärbt. Meine Güte, das war ein Drama. Ein anderes Mal nahm ich die normale Schere zur Hand und schnitt einer jungen Frau die Haare an der Stirn auf einem Plätz von drei auf drei Zentimeter ab, statt sie mit der Effilierschere auszudünnen.

Wie retteten Sie sich aus der Situation?

Ich schwitzte Blut und wäre am liebsten im Boden versunken. Aber ich war immer ein guter Verkäufer. Ich erzählte der Frau, es sei gerade topaktuell, die Haare an der Stirn kürzer zu tragen.

Glaubte sie Ihnen? 

Als die Frau den Laden verliess, sagte sie, sie hätte noch nie eine geilere Frisur gehabt.

Ist Ihnen mit einem Star auch schon ein Malheur passiert?

Noch viel schlimmer.

Erzählen Sie.

Es war vor zwei Jahren in Rio de Janeiro. Wir drehten einen TV-Spot für ein Haarprodukt. Weil es im Haus keinen Strom hatte, wurde draussen ein Generator aufgestellt. Star des Spots war eine bekannte brasilianische Schauspielerin. Während ich ihre Haare mit dem Lockenstab curlte, arbeitete der Generator plötzlich stärker und produzierte mehr Strom. Von einem Moment auf den anderen wurde der Lockenstab brennend heiss und verbrannte der Frau fast die Haare. Zum Glück konnte ich den Stab sofort rausreissen. So sind nur 30, 40 Haare angebrannt.

Wie reagierte die Schauspielerin?

Sie hat das Missgeschick einfach ignoriert.

Welche Unterschiede gibt es zwischen den Berufen Coiffeur und Hairstylist?

Ich schneide bis heute gerne Haare. Aber irgendwann konnte ich es. Oder glaubte zumindest, ich könne es. Haare während eines Fotoshootings zu stylen hingegen ist jedes Mal eine neue Herausforderung. Ich muss innert kürzester Zeit extrem kreativ sein, obwohl ich manchmal nicht genau weiss, was der Kunde möchte.

Sie leben seit 18 Jahren in New York. Wie kamen Sie an all die prominenten Menschen ran?

Es war viel «fake it till you make it», also durch Schein zum Sein. Mit der Zeit hatte ich immer mehr Connections. Ich arbeitete mit einem Fotografen zusammen, der kurz danach Jennifer Lopez fotografierte. Sie sah bei ihm im Studio die Bilder mit meinen Frisuren, war davon total begeistert und so weiter...

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

Meine Naivität und meine schweizerische Unverdorbenheit. Ich sage nie «Oh my god, you are so beautiful», sondern immer offen und ehrlich meine Meinung.

Waren Sie immer mit so viel Selbstvertrauen gesegnet?

Am Anfang war ich vor Terminen mit einem Star so nervös, dass ich eine Beruhigungspille schlucken musste.

Wer war der erste Promi, dem Sie in New York die Haare machten?

Elizabeth Hurley. Während ich sie frisierte, sass Hugh Grant, ihr damaliger Freund, daneben und machte Witze.

Einem Coiffeur vertraut man gerne Probleme an. Müssen Sie da nicht viele Geheimnisse für sich bewahren?

Manchmal komme ich mir vor wie ein Psychiater.

Wie muss man sich einen Termin mit einem Star vorstellen?

Meistens treffe ich die Frauen frühmorgens in ihrem Hotelzimmer. Die Assistentin macht mir die Tür auf, während der Star im Morgenmantel dasitzt – ungeschminkt und unfrisiert. Da heisst es dann, cool bleiben. Als Erstes checke ich, wie die Stimmung ist: Will die Frau reden? Soll ich eine Geschichte erzählen? Oder schweige ich besser?

Sind prominente Frauen kompliziert?

Ach wo, Frauen sind nicht generell kompliziert. Aber ich verstehe, wenn Stars manchmal genervt reagieren oder keine Lust haben, zu reden. Egal, wo sie hingehen, immer will jemand etwas von ihnen.

Wer war bisher Ihre Lieblingskundin?

Cate Blanchett, die australische Schauspielerin. Sie ist so cool. Aber ich habe mehrere Lieblinge. Mit Kelly Clarkson kann man wunderbar blödeln. Kate Winslet ist total auf dem Boden geblieben. Einmal rollte sie eine Zigarette und fragte, ob sie während dem Haare machen rauchen könne. Ich verneinte, bot ihr aber an, es hinter dem Fenstervorhang zu tun. Was sie dann auch tat. Absolut schräg ist Bette Midler.

Was hat sie gemacht?

Bette Midler organisiert zusammen mit ihrer Tochter jedes Jahr eine Halloween-Party in New York. Einmal machte ich den beiden davor in einem Zimmer im Hotel Waldorf Astoria die Haare. Als ich fertig war, sagte Bette Milder: «My god, you are amazing.» Ich antwortete: «Ich habe nur meinen Job gemacht.» Da ging die Midler vor mir auf die Knie und schrie: «You are the best hairdresser in the world.» Ich lief feuerrot an und brachte kein Wort mehr heraus.

Sie scheinen ein ziemlich verrücktes Leben zu haben.

Auf jeden Fall habe ich schon einige verrückte Dinge erlebt. Als ich mit Jennifer Lopez in San Juan, Puerto Rico, zum Konzert fuhr, sass ich neben ihr und ihrem damaligen Mann Marc Anthony im Fond des Autos. Vor uns fuhr eine Eskorte mit sechs Motorrädern und vier schwarzen SUVs. Ich erinnere mich noch, wie ich plötzlich innerlich lächelte und dachte: Dr Felix vo Mörike.

Trotz allem Glamour haben Sie Ihre Wurzeln nicht verloren.

Ich bin im Herzen Schweizer und werde es immer bleiben. Ich kann mir gut vorstellen, irgendwann wieder in der Schweiz zu leben.

Gibt es einen Menschen, dem Sie unbedingt die Haare machen möchten?

Maggie Smith. Die Schauspielerin ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Es gab zwei Anfragen, aber leider war ich jedes Mal bereits anderweitig gebucht.

«Das schönste Kleidungsstück, das eine Frau tragen kann, ist die Umarmung eines Mannes, den sie liebt», hat Yves Saint Laurent gesagt. Welches ist die schönste Frisur, die eine Frau tragen kann?

Das Allerwichtigste bei den Haaren sind der Schnitt und die Pflege. Shampoo und Conditioner sind viel wichtiger als das Föhnen und die Stylingprodukte.

Haben Sie eine Lieblingsfrisur?

Ich mag akkurat geschnittenes Haar.