Die Hirschhaut des getöteten Tieres wird höchstens zur Herstellung von Fensterputzleder verwendet. Früher wurde von den Knochen über die Därme und Häute fast alles verarbeitet. «Dieser Rest landet heutein den meisten Fällen in der Kadaversammelstelle, obwohl es sich dabei um einen natürlichen, nachwachsenden und gesunden Rohstoff handelt», sagt Wildbiologin Conny Thiel-Egenter.

Die 40-jährige Aargauerin geht seit sieben Jahren selber auf die Pirsch in den Kantonen Aargau und Graubünden. Bis im Jahr 2016 leitete sie die Konferenz-Geschäftsstelle der Verwalter von Jagd und Fischerei der Schweiz und des Fürstentums Liechtenstein. Dass sie für einen grossen Teil des erlegten Wildes keine Verwendung findet, war ihr seit der Jägerausbildung ein Dorn im Auge. Für sie war von Beginn weg klar, dass insbesondere die Hirschdecken zu schade für die Kadaversammelstelle sind.

Gerben ohne Gift

Nun sorgt Thiel-Egenter zusammen mit Freunden und Geschäftspartnern dafür, dass mindestens 2000 der über 10 000 Hirschdecken nicht mehr einfach verbrannt werden. Sie sollen biologisch und ohne Gift gegerbt und als Hirschleder noch in diesem Jahr zu wertvollen Schuhen verarbeitet werden. So der Plan der findigen Frau, die aus einer Aargauer Schuhmacherfamilie in Muri AG stammt.

Was als Idee einleuchtet, ist alles andere als einfach in der Umsetzung. «Bevor das Hirschleder über den Leist gezogen werden kann, müssen die Häute gekühlt zwischengelagert, eingesammelt und später gegerbt und haltbar gemacht werden», erklärt Thiel-Egenter.
Die ersten Hürden auf dem Weg zu den nachhaltig produzierten «wilden Hirschlederschuhen» sind inzwischen genommen.

Der Name des Projekts und der gleichnamigen Firma ist seit ein paar Monaten Programm: «Cervo Volante» – der fliegende Hirsch. Noch ist Geduld angesagt für die neben Thiel-Egenter beteiligten Jungunternehmer Kadri Vunder Fontana, Piret Puppart und Marc Fischer. Sie wissen: «Neuland braucht Durchhaltewillen und Hartnäckigkeit.»

Fachkundige Unterstützung in ihrem Bestreben haben die vier Aargauer in Steffisburg im Kanton Bern gefunden. «Unsere Idee, den natürlichen Rohstoff ohne giftige Chemikalien zu veredeln, ist am Thunersee bei der Gerberei von Jürg Zeller sofort auf fruchtbaren Boden gefallen», erinnert sich Thiel-Egenter.

Ein paar Monate und mehrere Testläufe später steht nun fest, dass das Ziel von gesundem Schuhleder keine Utopie ist: «Jürg Zeller, Gerber in der fünften Generation, versteht sein Handwerk. Er ist in der Lage, das Hirschleder statt mit giftigem, allergenem Chrom mit Eichen-Substanzen für die Weiterverarbeitung bereitzustellen», freut sich die Wildbiologin.
Dass man für die finale Produktion in der traditionsreichen Schuhhochburg Norditalien auch noch eine kleine und familiäre Schuhmanufaktur hat gewinnen können, ist für das «Cervo Volante»-Team» das «Tüpfelchen auf dem i». «Schuhmaestro Silvano Sassetti hat schon bei der ersten Präsentation für unsere Ideen und Überzeugungen sofort Feuer gefangen und sich in das Leder verliebt. Da war vom ersten Augenblick an Passion zu spüren», erzählt Conny Thiel-Egenter. Unterdessen sind Prototypen entstanden, die bereits viele Interessenten begeistern. Die Basis scheint gelegt.

Warmer Waidmannsdank

Nun sind die Hochwildjäger am Zug: Rund 2000 sorgfältig abgezogene und gekühlt zwischengelagerte Hirschdecken benötigen die Jungschuhmacher von «Cervo Volante», um das Projekt zum Fliegen zu bringen. «Wir investieren in langfristige Partnerschaften mit unseren Rohstofflieferanten, seien es Metzger oder Jäger, denn später möchten wir auch Jacken und Accessoires produzieren», sagt Thiel-Egenter.

Den Lieferanten aus den Bergkantonen verspricht sie nicht nur einen warmen «Waidmannsdank», sondern auch die entsprechende Abgeltung für den zusätzlichen Aufwand. Und sollte der begeisterten Jägerin auf der Hochjagd ein Hirsch vor die Büchse laufen, will sie die Decke persönlich bei ihrem Gerber vorbeibringen.