Geschichte

Aargauer Familie flieht in letzter Minute: Wie sich Vreni Ringier 1945 in Sumatra vor den Japanern rettete

Viele Alben füllen die Bilder aus Sumatra: Vreni Ringier in ihrem Wohnzimmer in Zofingen.

Viele Alben füllen die Bilder aus Sumatra: Vreni Ringier in ihrem Wohnzimmer in Zofingen.

Der Aarauer Max Brack war Manager auf einer Kautschukplantage auf Sumatra. 1944 kamen die Japaner und steckten ihn wegen Spionageverdachts ins Gefängnis, ein Jahr später blieb der Familie nur die Flucht. Seine Tochter Vreni Ringier erzählt.

Und dann kamen sie. Nahmen ihren Papa, den innig geliebten, brachten ihn fort. Vreni brüllte. Schrie so laut, wie sie nur konnte, weil all die Angst aus ihr heraus­brach. Die Angst, die seit Monaten gelauert hatte und jetzt zur Tür her­eingepoltert war, kurz nach dem Frühstück, mit den Japanern in ihren Kampfstiefeln.

Wenn Vreni Ringier die Geschichte erzählt, fasst sie sich an den Kopf, ganz so, als würde ihr Angstgeschrei von damals noch immer nachhallen. Auch ein langes Leben später.

Dies ist die Geschichte einer Schweizer Familie, die den Zweiten Weltkrieg zwischen Aarau, dem Rheintal und der Insel Sumatra in Niederländisch-Indien (heute Indonesien) erlebt hat. Es ist eine Geschichte aus dem Pazifikkrieg. Ein Nebenschauplatz, ein grässlicher, der im September 1945 mit der Kapitulation der Japaner ein erstes Ende nahm.

Von Aarau auf die Kautschuk-Plantage

Die Geschichte beginnt mit Max Brack, einem jungen Aarauer Kaufmann, der schon in der Bezirksschule in sein Aufsatzheft geschrieben hatte, dass er dereinst nach Sumatra auswandern würde. Das tat er 1922, heuerte mit 25 Jahren als Pflanzer auf einer Plantage für Kautschuk und Palmöl der britischen Firma Harrison & Crossfield an. 1927 hielt er auf einer Europareise um die Hand von Elsa Hösli aus Buchs im Rheintal an.

Seine Geschwister hatten das Treffen in Spanien arrangiert, der Bruder müsse doch endlich heiraten – und Max war zufrieden mit der Auserwählten. Schon auf dem ersten gemeinsamen Spaziergang hielt er um ihre Hand an. Und Elsa, die von einem bewegten Leben beim Zirkus geträumt hatte, sagte Ja.

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Ihre älteste Tochter Vreni Ringier-Brack ist heute 91 Jahre alt, fünffache Mutter und fünffache Grossmutter und lebt in Zofingen. Wenn sie an ihre Kindheit auf Sumatra denkt, dann tut sie das gewissenhaft, meist auf den Tag genau. Noch immer kennt sie all die Namen, und es waren viele. Geschäftsfreunde, Bekannte und deren Kinder, Lehrer, Haustiere; selbst die Namen der Bediensteten kennt sie noch, wo diese doch offiziell nur mit ihrem Titel gerufen wurden.

Sie rettete die Schwester und so manche Tiere: Vreni Ringier erzählt von ihrer Kindheit auf Sumatra und vom Moment, als die Japaner kamen und ihren Vater mitnahmen.

Sie rettete die Schwester und so manche Tiere: Vreni Ringier erzählt von ihrer Kindheit auf Sumatra und vom Moment, als die Japaner kamen und ihren Vater mitnahmen.

Ja, solche Zeiten waren das. Zeiten, in denen die Herren weisse Anzüge und Tropenhelme trugen, wie man das aus Kolonialzeiten eben kennt. Dokumentiert mit all den Bildern, die Max Brack gemacht hat, braun gebrannt recken die Köpfe aus den steifgebügelten Krägen, und akkurat sind die Scheitel gezogen, dabei wirken die Gesichter so gar nicht streng.

Vreni auf dem Schoss ihres Vaters Max Brack, Mutter Elsa sitzt links am Tisch.

Vreni auf dem Schoss ihres Vaters Max Brack, Mutter Elsa sitzt links am Tisch.

Wunderbar war es, sagt Vreni Ringier. Eine unbeschwerte Kindheit zwischen Palmen und Orchideen, Waranen und Brüllaffen, mit Vögeln in Volieren und einem handzahmen Wildschwein. Eine Kindheit, die nach allem roch, nach Blumen, nach Kernseife, nach nasser Erde, und doch nach gar nichts richtig, weil in diesem Haus auf Stelzen immer die Fenster offenstanden und ein ständiger Wind die weissen Vorhänge bauschte.

Zum Leben mitten im Urwald gehörte auch ein Erinnerungsfoto mit einem erlegten Sumatratiger:

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Eine Kindheit in vier Sprachen; in Englisch, Niederländisch, Malaiisch und Schweizerdeutsch, so exotisch und warm, kaum je trugen sie Schuhe an den Füssen.

Aber auch eine Kindheit mit monatelangen Aufenthalten bei den Grosseltern in der Schweiz, mit dem Maienzug in Aarau und Schlittschuhlaufen im Rheintal, bevor es mit dem Schiff via Suezkanal wieder nach Sumatra ging. Fünf Wochen dauerte die Fahrt.

Vrenis Vater Max Brack hatte sich Anfang der Dreissigerjahre zum Manager der Plantage hochgearbeitet, war Chef von mehreren tausend Angestellten. Vreni Ringier sagt:

Und ein Königreich war es ja tatsächlich, regiert von der niederländischen Krone. Die einheimischen Arbeiter auf Sumatra selbst standen unter dem Befehl von Niederländern, Engländern, Franzosen, Schweden oder eben Schweizern.

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Als die Japaner im Dezember 1941 Pearl Harbour angriffen, war der Zweite Weltkrieg plötzlich ganz nah. Bislang hatte die Familie Brack ihn auf Suma­tra nicht gespürt; zumindest erinnert sich Vreni Ringier nur daran, dass sie das Internat hatte wechseln müssen, weil das deutsche nicht mehr tragbar war.

Im Februar 1942 landeten die Japaner auf Sumatra, nachdem sie die malaiische Halbinsel erobert hatten. Ende März fiel Sumatra.

Während die Japaner viele alliierte Soldaten als Zwangsarbeiter an der Bahnlinie einsetzten, trieben sie deren Frauen und Kinder wochenlang durchs Land, in den Süden, pferchten sie in Internierungslager. Auch Freunde der Bracks. «Gejagt haben die Japaner die Niederländer, richtig gejagt. Da sind nicht viele im Süden angekommen», sagt Vreni Ringier. Und ergänzt:

Die Schweizer liessen die Japaner in Ruhe, die Neutralität schützte.

Dann kam dieser Morgen. Der 20. September 1944. Der Tag, an dem die Japaner auf das Gut der Bracks kamen und den Vater mitnahmen mitsamt Herrn Boesch, einem Schweizer Lehrer von Vrenis Internat, der inzwischen bei den Bracks lebte und lehrte.

«You are caught», hätten sie gesagt, erwischt hätten sie ihn, und sind gegangen. Was sie Max Brack vorwarfen, davon hatte die damals 15-jährige Vreni keine Ahnung. Heute weiss sie, dass ihr Vater der Spionage verdächtigt wurde.

Das Bleiben hätte den Tod bedeutet

Zurück blieben Elsa Brack, ihre drei Kinder Vreni, Margrit und Hansruedi und all die Frauen und Kinder, die ebenfalls hatten fliehen müssen und bei den Bracks untergekommen waren. Doch die Japaner schmissen sie raus, samt allen Möbeln und Haustieren.

Elsa Brack suchte mit ihren Kindern Unterschlupf bei einer befreundeten Familie. Legte einen Garten an, nähte Kleider aus den mitgenommenen Vorhängen und tauschte sie gegen Reis und Maniok ein.

«Wie meine Mutter das gemeistert hat; bewundernswert», sagt Vreni Ringier. Die Zirkusartistin, die Elsa Brack im Herzen schon immer war, tanzte über dem Abgrund, balancierte mit strahlendem Gesicht, für ihre Kinder und für die Verwandtschaft, die in der fernen Schweiz auf den Rängen sass und nur hoffen konnte, dass sie heil aus der Nummer herauskommen würden, dieser Zirkusnummer ohne Netz und doppelten Boden.

Im Bild: Elsa Brack mit ihren Töchtern Vreni (rechts) und Margrit.

Im Bild: Elsa Brack mit ihren Töchtern Vreni (rechts) und Margrit.

Sie kamen heil heraus, zumindest vorläufig. Max Brack wurde nach drei Monaten aus dem Gefängnis entlassen. Abgemagert kam er heim, am Sami­chlaus­tag, bestimmt hatte er Furchtbares erlebt, aber er lebte. Nie habe ihr Vater auch nur ein Wort über die Zeit im Gefängnis verloren, sagt Vreni Ringier.

Auch wenn Japan im September 1945 kapitulierte, so kehrte doch keine Ruhe ein. Gekränkt von der Niederlage, wiegelten die Japaner die Einheimischen gegen die Europäer auf. Rächen sollten sie sich für die jahrzehntelange Unterdrückung und Ausbeutung.

Und das taten sie, auf furchtbare Art und Weise, da zählte die Neutralität nichts mehr. Nicht einfach nur erschossen habe man die verhassten Europäer. Ringier erzählt:

Das Bleiben hätte den sicheren Tod bedeutet. Die Familie Brack flüchtete, gemeinsam mit einer Handvoll Schweizer Bekannten. Mit dem Allernötigsten im Gepäck flogen sie nach Singapur. Zum endgültigen Abschied von der Insel, die zwanzig Jahre lang das Daheim der Bracks gewesen war, flog der Pilot im Tiefflug über ihre Häuser.

Im Winter 1946 kam die Familie Brack in die Schweiz zurück, nach Wochen auf der Flucht. In Aarau, im Haus der Grosseltern an der Wiesenstrasse, sollte die Familie zur Ruhe kommen. Das Abenteuer Sumatra sollte für die Kinder vorbei sein, für immer.

Trotz dieses unschönen Endes: Für Vreni Ringier es war ein wunderbares Abenteuer. So frei, so lebendig, so anders eben. «Ich erinnere mich daran, dass der Zollbeamte in Basel uns fragte, ob wir aus den Tropen kämen», sagt Vreni Ringier. Aus heiterhellem Himmel habe er das gefragt, und als die Mutter fragte, weshalb er darauf käme, habe er gesagt: «Ich sehe es Ihren Augen an.»

Vreni Ringier lacht, reckt den Kopf in den Schein der Tischlampe und blinzelt:

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