Mischkulturen

Aargauer Bauer baut Soja zwischen der Gerste an – und kann auf Pestizide verzichten

Auf den meisten Feldern wächst nur eine einzige Pflanzenart. Aber immer mehr Bauern pflanzen Mischkulturen – sie haben Vorteile. Zu Besuch auf dem Hof von Stephan Wernli in Gebenstorf.

Für Biogärtner ist die Praxis selbstverständlich: Zwischen den Erdbeeren spriessen Lauchstängel, neben den Bohnen wachsen Randen. Denn werden solche Nachbarschaften gezielt geplant, können sich Schädlinge weniger gut vermehren, weil gewisse Absonderungen der einen Pflanze die andere vor speziellen Insekten oder Pilzen schützt. Zudem entziehen die verschiedenen Kulturen dem Boden nicht die gleichen Nährstoffe. Und wenn nach oben rankendes Gemüse neben tiefwurzelndem wächst, wird der Platz besser ausgenutzt.

Trotz all der offensichtlichen Vorteile: In der Landwirtschaft trifft man praktisch ausschliesslich auf Monokulturen – sogar im Biolandbau. Für das Säen und Ernten mit Maschinen ist das einfacher. Doch die Effizienz geht auf Kosten der Umwelt: In Monokulturen werden viele Herbizide, Fungizide und Insektizide versprüht.

So brauchte das Gerstenfeld keine Pestizide

Doch nun erleben Mischkulturen allmählich ein Revival. Zum Beispiel beteiligen sich sieben Bauern in der Schweiz derzeit an einem Versuch, bei dem Soja zwischen Getreide wächst. Stephan Wernli aus dem aargauischen Gebenstorf hat letzten Herbst auf einem Feld Gerste angesät und Ende Mai zwischen den Reihen auch noch Soja. Mit der Gerstenernte ist er sehr zufrieden: Ohne Pestizideinsatz fiel der Ertrag etwa gleich gross aus wie auf einem reinen Gerstenfeld. Auch die Sojabohnen sind schön gewachsen und waren gegen Ende September schon fast reif.

«Zu Beginn war ich skeptisch», bekennt Wernli. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diese südamerikanische Pflanze in unserem Klima gedeiht.» Doch der warme Spätsommer wirkte sich günstig aus. Das einzige Problem ist, dass sich zwischen den Sojabohnen nun Unkräuter breitgemacht haben – eines davon der sogenannte Nachtschatten, dessen schwarze Beeren giftig sind. Wernli wird deshalb beide Pflanzenarten in den Boden pflügen.

Beim Soja lief hingegen nicht alles gut

Auch bei anderen Projektteilnehmern, welche die Soja teilweise zwischen Weizen oder Roggen gesät haben, ist nicht alles rund gelaufen. Einem Bauer im bernischen Niederbipp haben Rehe die Sojabohnen fast vollständig weggefressen. Und im zürcherischen Oberembrach, auf 700 Metern über Meer, wird die Soja wohl nicht reif werden. Ein anderer Biobauer hatte ebenfalls Probleme mit dem Nachtschatten. Er hat die Soja jedoch trotzdem gedroschen und die giftigen Beeren mit einer spezialisierten Getreidemühle von den Sojabohnen getrennt. Für Biosoja, das zu Nahrungsmittel für Menschen verarbeitet wird, lohnt sich dieser Aufwand finanziell, während Stephan Wernli mit seinem konventionellen Futtersoja kaum daran verdienen würde.

Die Sojapflanze bezieht den benötigten Stickstoff aus der Luft und muss deshalb nicht gedüngt werden. Darüber hinaus versorgt sie den Boden mit Stickstoff und verbessert die Bodenstruktur. Zudem ist die proteinreiche Hülsenfrucht sehr gefragt: Coop verwendet für seine Tofu-Produkte ausschliesslich einheimisches Soja. Der grösste Teil der importierten Bohnen wird zwar für die Tierfütterung verwendet. Doch ab 2022 dürfen Biobauern ihren Tieren nur noch einheimisches Kraftfutter verabreichen.

«Die Bauern sind sehr offen für neue Ideen», sagt Annelise Übersax von der Organisation Agrofutura, welche das Projekt namens Relay Intercropping leitet. Besonders sinnvoll seien Ansätze, die sowohl ökologische Vorteile als auch gute Erträge bringen.

Die Kombination von Soja und Getreide ist nur ein Ansatz im Spektrum der möglichen Mischkulturen. Zurzeit laufen verschiedene weitere Versuche, bei denen etwa Obstbäume oder Hecken inmitten von Feldern wachsen. Am weitesten geht die sogenannte Permakultur, bei der Gemüse, Sträucher, Bäume, Getreide und Kräuter nach einem ausgeklügelten Plan nebeneinander gesät und gepflanzt werden. Gemäss dem griechischen Begriff perma (dauerhaft) soll mit dieser Philosophie so gewirtschaftet werden, dass die Umwelt langfristig keinen Schaden nimmt.

Mehr Ertrag durch zwei Kulturen

Diverse Forschungsprojekte werden in den nächsten Jahren wissenschaftliche Erkenntnisse bringen, welche Kombinationen auch in der modernen Landwirtschaft am besten geeignet sind. Grosse Beachtung erhielt diesen Sommer eine chinesische Studie, die gezeigt hat, dass der Ertrag bereits durch die Kombination von zwei Kulturen deutlich steigt. Der technische Fortschritt dürfte den Bauern zusätzlich helfen beim Bewirtschaften verschiedener Pflanzenarten ohne Pestizide.

Auch Stephan Wernli ist in den letzten Jahren immer öfters mit Hackgeräten über die Felder gefahren, statt unerwünschte Beikräuter zu vergiften. Auf dem Petersberg ob Gebenstorf experimentiert er mit gezielten Untersaaten zwischen den Sonnenblumen, um Herbizide zu vermeiden. Das Getreide behandelt er mit einem sogenannten Striegel: einer Art Rechen, der Unkräuter herausjätet. Und auch beim Mais konnte er dieses Jahr auf Unkrautvertilger verzichten. «Das Ziel ist, so weit wie möglich von den Chemikalien wegzukommen», sagt der Landwirt. Das wirke sich auch auf das Portemonnaie aus.

Auch wenn er die Soja dieses Jahr nicht dreschen wird, ist Stephan Wernli keinesfalls entmutigt vom Ansatz der Mischkultur: «Es handelt sich um einen Versuch», betont er. «Dafür, dass wir im ersten Jahr sind, hat ziemlich viel funktioniert.»

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