Zofingerverein

200 Jahre Studentenverbindung Zofingia – wie Zofingen zum Mittelpunkt der studentischen Schweiz wurde

Das Land umfassen und konfessionelle Grenzen überwinden: 40. Centralfest des Schweizerischen Altzofingervereins am 25. April 2015. Bild: E. Ammon/AURA

Das Land umfassen und konfessionelle Grenzen überwinden: 40. Centralfest des Schweizerischen Altzofingervereins am 25. April 2015. Bild: E. Ammon/AURA

1819 trafen sich in Zofingen Studenten aus Zürich und Bern und gründeten den Schweizer Zofingerverein oder die Studentenverbindung Zofingia. Beim Entstehen des Bundesstaats 1848 spielte sie eine wichtige Rolle, vom 30. August bis zum 1. September wird das 200-jährige Jubiläum mit einem dreitägigen Stadtfest in Zofingen gefeiert.

Die Französische Revolution brachte Europa in Bewegung. In Frankreich brachte sie zuerst das Ende der Monarchie, in Europa kriegerische Auseinandersetzungen, die erst 1815, nach der endgültigen Niederlage von Napoleon in der Schlacht von Waterloo, zu Ende gingen. Der Wiener Kongress 1815 hatte die Neuordnung Europas zum Ziel.

Gekrönte Häupter gab es zwar noch immer, aber mit dem Staatsabsolutismus war es vorbei. Die Revolutionskriege hatten auch – weil man gegen Frankreich kämpfte – Ideen eines Nationalstaates Vorschub geleistet. Aber der Wiener Kongress hatte kein vereinigtes Deutschland zur Folge. Die studentische Jugend, die ab 1813 in den Befreiungskriegen gegen Napoleon und die französische Herrschaft gekämpft hatte, hielt die nationale Idee wach. Sie organisierte sich in Studentenverbindungen, den sogenannten Burschenschaften.

Reformatoren-Feiern als Hintergrund für Vaterland-Idee

Im Herbst 1817 lud die Burschenschaft der Universität Jena die deutschen Studenten auf die Wartburg bei Eisenach ein. Ursprünglich wollte man den 300. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag feiern. Der Reformator hatte 1521/22 als «Junker Jörg» auf der Wartburg das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzt. Das Wartburgfest hatte auch ein Thesenpapier zur Folge, ein vaterländisches Programm.

Auch in der Schweiz fand das ein Echo: Zum Zwingli-Jubiläum, im Oktober 1818 sollte es 300 Jahre her sein, dass der Reformator zum ersten Mal in Zürich das Evangelium verkündet hatte, luden Zürcher Studenten ihre Berner Kommilitonen nach Zürich ein. Einer kam dann auf die Idee, im Sommer 1819 erneut einzuladen, am einfachsten in der Mitte zwischen Zürich und Bern. Zwischen Zürchern und Bernern setzte ein Briefwechsel ein, mit dem sich die Studierenden an die geplante Zusammenkunft herantasteten. Man entschied sich für die Thutstadt. Zofingen verhiess überdies liberalen Geist.

Zürcher und Berner wanderten am 21. Juli 1819 wacker los, bei widerwärtigem Regenwetter. Beide Gruppen hatten rund 60 Kilometer vor sich. Die Zürcher wanderten nach Dietikon, stiegen dort westwärts hoch, erreichten Mellingen und abends Zofingen, hundemüde.

Bald kamen auch die Berner an. «Es war etwas viel für einen Tag», lachte einer von ihnen, als er an der 50-Jahr-Feier der Zofingia den Jungen darüber berichtete.

Bildstrecke:Berühmte Mitglieder der Zofingia

Die Tage waren für Referate und Diskussionen reserviert und einen Empfang beim Stadtammann. Der 24. Juli brachte alle noch einmal zusammen. Alle standen im Banne der Gründung eines Zofingervereins. Dieser war nicht aus einer einzigen Schar heraus entstanden, sondern beruhte auf Begegnung. Die Hand wollte man sich reichen, ein gemeinsames Vaterland erkämpfen und einen neuen Staat anlegen. Die ganze Schweiz wollte man umfassen und die konfessionellen Grenzen überwinden.

Das reichte den Studierenden in jener Zeit der Romantik als Idee. Bereits 1820 kamen die Luzerner dazu und die Waadtländer. Damit erst war die Gründung vollends gelungen, es waren offen denkende Katholiken dabei und Studierende aus der Romandie. Die Schweiz hatte ihre erste breit abgestützte Studentenorganisation.

Die Zofinger wünschten sich vor allem aber einen unabhängigen, mit Volksrechten ausgestatteten Bundesstaat. Das war und blieb ihre wunderschöne Idee. Die Wende 1830 war die ideale Ausgangslage. Für handfeste Pläne ergab sich wenige Jahre später eine historische Chance – die Regeneration. Sie ging von Paris aus, nicht zufälligerweise.

Die Bourbonen, blind für die Bedürfnisse des Bürgertums, liessen sich zu den Juliordonnanzen hinreissen, was die Julirevolution auslöste. Für den König bedeutete es die Abdankung, für Europa das Signal zum Aufbruch. Metternich hatte zwar im August 1819 seine repressiven Karlsbader Beschlüsse in Gang gesetzt, also kurz nach der Gründung der Zofingia. Aber diese büssten 1830 ihre Wirkung ein. Die Wende 1830 war also wie gemacht für das, was die Zofinger im Sinn hatten: den verfassungsmässigen Rechtsstaat.

Die Eidgenossenschaft zu einem Verfassungsstaat machen

Die Revolution von 1830, die der liberalen Bewegung in ganz Europa Auftrieb verschaffte, hatte die Fenster weit aufgerissen. Jetzt war politisch fast alles möglich. Das musste die Zofinger faszinieren. Als Erster packte der Weinfelder Thomas Bornhauser die Gelegenheit beim Schopf. Als Zofinger der ersten Stunde publizierte er sofort eine Schrift zur Verbesserung der thurgauischen Verfassung. Noch wichtiger: 1832 schob er die Revision der Bundesakte an.

In der Tagsatzung schieden sich allerdings die Geister, und die Spaltung zog sich hin. Inzwischen kämpften die Zofinger auf regionaler Ebene. So trat Stephan Gutzwiller, seit 1823 Zofinger, für die Rechte der Basler Landschaft ein, was nach dem Gefecht bei der Hülftenschanz zur Verselbstständigung führte, unter Gutzwillers Führung.

Das Wappen der Zofingia. Den Schriftzug nennt man den «Zirkel». Bild: zvg

Das Wappen der Zofingia. Den Schriftzug nennt man den «Zirkel». Bild: zvg

Noch berühmter war der «Züriputsch», wiederum eine Folge des Stadt-Land-Unterschieds. Am 5. September 1839 liess Pfarrer Bernhard Hirzel, ein Zofinger, in Pfäffikon die Glocken seiner Kirche läuten, worauf sich der Protestzug in Bewegung setzte. Die Regierung in Zürich wurde überrumpelt und trat zurück. Der «Züriputsch» machte begriffsgeschichtlich Furore, denn ab 1839 hat das Wort «Putsch» die Welt erobert, und wenn die Welt jemals einen Putsch erlebte, stand ganz am Anfang der Geschichte das Glockengeläute des braven Zofingers Bernhard Hirzel.

Es folgten die Freischarenzüge, mit Pfeilspitze gegen die Berufung der Jesuiten zur Leitung des Pfarrdienstes in Luzern, was die Liberalen provozierte. An den Freischarenzügen waren Zofinger beteiligt, allen voran Jakob Robert Steiger. Er war dritter Centralpräsident der Zofingia. Jetzt büsste der Freischaren-Anführer im Luzerner Kesselturm. Das Gericht sprach das Todesurteil aus. Welches Glück, dass ihn Freunde befreien konnten. Gegen die Jesuiten sprach nicht der katholische Glaube, sondern die Unterordnung unter Rom.

Zofinger Juristen waren an der neuen Verfassung beteiligt

Die Verfassungsfrage wurde im Sonderbundskrieg 1847/48 entschieden, wo der Hauptharst der Zofinger unter General Dufour kämpfte. Einer stand auf der Gegenseite: Constantin Siegwart-Müller, der Vorsitzende des Kriegsrates des Sonderbunds. Der «Bundespräsident» der Sonderbündler hatte den Zofingerverein allerdings verlassen. Im Zofinger-Centralarchiv fehlt deshalb seine Karte.

Nach der Niederlage des Sonderbunds – Siegwart-Müller ging ins Exil – war der Weg frei für den grossen Schritt. Und die Zofinger leisteten in der Verfassungskommission wichtige Arbeit. Ganz vorn wirkten Ulrich Ochsenbein (der spätere Bundesrat), Johann Konrad Kern (später «Minister Kern») sowie Jakob Robert Steiger. Ein Zofinger unterschrieb die Verfassung: Alexander Funk, letzter Präsident der Tagsatzung.

Das Beispiel Nationalrat illustriert, welchen Einfluss die Zofinger damals ausübten. In der Verfassungskommission hatte die Meinung vorgeherrscht, es genüge ein Einkammersystem, also eine Fortsetzung der Tagsatzung durch einen Ständerat. Bis der Schwyzer Zofinger Melchior Diethelm, inspiriert von Ignaz Paul Vital Kopp, das Zweikammersystem nach dem Vorbild der USA erwog. Er wagte es allerdings nicht, allein den Vorschlag einzubringen, weil er einem unterlegenen Sonderbundskanton angehörte. Deshalb prüften Zofingerfreunde seine Idee – und unterstützten Diethelm in der Kommission. Das Zweikammersystem obsiegte.

Damit war die Verfassungsarbeit der Zofinger nicht etwa erschöpft. Von der gegenwärtig gültigen Verfassung kann man sogar sagen, dass sie ihren Ursprung im Kreis der Zofinger hatte. Es war Professor Max Imboden, ein begeisterter Zofinger, der 1964 mit seiner Schrift «Helvetisches Malaise» den Anstoss gegeben hatte. Unter seinen Studenten ebenfalls Zofinger, etwa Luzius Wildhaber, der spätere Präsident des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte. Im Bundesarchiv lagert ein dickes Zofinger-Dossier mit Verfassungsakten. Es handelt sich um die Vernehmlassung zur Totalrevision, der Volk und Stände 1999 schliesslich zustimmten.

Woran erkennt man einen Zofinger?

   

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