Am 11. November 1918 ging der Erste Weltkrieg zu Ende. So lehren es die Geschichtsbücher. Matthias Erzberger, ein Politiker, Abgeordneter im deutschen Reichstag, unterschrieb das Waffenstillstandsabkommen. Der Kaiser war schon weg und die Marschälle und Generäle, die sich zuvor nicht viel hatten dreinreden lassen, blieben wohlweislich fern.

Wenn es irgendwann gestimmt hat, dass der Friede nicht allein schon deshalb einkehrt, weil kein Krieg mehr ist, dann 1918. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass die Welt von 1914, als der Krieg angefangen hatte, eine ganz andere war als die von 1918, als man die Waffen niederlegte. 1914 war die Welt – in der Europa immer noch so etwas wie ein Zentrum bildete, – einigermassen wohlgeordnet.

Und wer gesagt hätte, dass riesige Imperien wie das Zarenreich, die Habsburgermonarchie oder das Osmanische Reich einmal nicht mehr existieren würden, den hätte man ziemlich ungläubig angeguckt. Das deutsche Kaiserreich war auch am Boden, aber es war nicht so altehrwürdig und diente den Mächten der Entente eher als willkommenes Feindbild. Denn es passte perfekt ins Konzept, den Krieg als Kampf zwischen Demokratien einerseits und Autokratien andererseits darzustellen.

Deutschland hatte einen Kaiser, aber auch ein Parlament, den Reichstag. Und eine zivile Regierung unter einem Reichskanzler. Wer wem was zu sagen hatte, war schon so ziemlich undurchschaubar. Im Krieg hatte sich auch noch die OHL, die Oberste Heeresleitung, verkörpert durch die Militärs Hindenburg und Ludendorff, als Machtzentrum etabliert.

Diese Konstellation verhinderte einen Frieden, der von deutscher Seite ausging, obwohl eine Mehrheit des Reichstags für diese Idee nicht ganz unempfänglich war. Aber auch die massgeblichen Politiker in den Demokratien, in Frankreich Clémenceau und in Grossbritannien Lloyd George, waren entschlossen, den Krieg nicht zu beenden, bis der deutsche Militarismus beseitigt sei.

Neue Weltmacht USA

Und dann kam, um das Durcheinander noch zu vergrössern, US-Präsident Thomas Woodrow Wilson auf die Bühne. Man ahnte, dass die USA die kommende Weltmacht werden würden. Aber wie man damit umgehen sollte, war nicht klar. Für die Briten und ihr Empire waren die USA ein Verbündeter wie für Frankreich auch. Lenins bolschewistisches Russland war es nicht und hatte kaum eine Alternative, als sich contre cœur mit den Deutschen zu arrangieren.

Immerhin marschierte die Armee des Kaisers 1918 auch auf St. Petersburg zu. Lenins Fernziel war die Revolution in den imperialistischen Mächten – und dazu gehörte fast der ganze Rest. Dafür musste zuerst die Revolution in Russland gerettet werden. Auf jeden Fall machte der Entschluss der Entente, den Krieg fortzusetzen, in Russland auch die leiseste Chance einer demokratischen Alternative zu den Bolschewiki zunichte.

Wilson hatte mit seinen Erklärungen – es waren mehr und im Ganzen widersprüchlichere als nur die berühmten 14 Punkte – die Tür zum Frieden zwar aufgestossen. Aber sein Plan für die Nachkriegszeit war voller Widersprüche. Mit dem deutschen Kaiserreich dürfe man keinen Frieden schliessen, sagte auch er, aber für ein liberal-demokratisches Deutschland setzte er sich nicht ein. Er sei nicht an einem europäischen Frieden interessiert, «sondern am Weltfrieden».

Gescheiterter Völkerbund

Kurz gesagt: Man versuchte, mit dem Völkerbund eine kollektive globale Sicherheitsarchitektur zu schaffen, aber es war ein Dach über einem höchst instabilen Gebäude. Wilson hatte – allerdings nicht in den 14 Punkten, da kam der Begriff nicht vor – von der «Selbstbestimmung der Völker» gemunkelt. Bei der Frage, wer denn überhaupt Mitglied des Völkerbundes werden könne, doch nur Nationen, die sich selbst regierten, antwortete er: Er habe in 20 Jahren als Professor versucht, eine wasserdichte Definition für «Selbstregierung» zu finden, sei aber gescheitert.

Daniel Schönpflug: «Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch». Fischer, Berlin 2017. 320S., Fr.29.90.

Daniel Schönpflug: «Kometenjahre. 1918: Die Welt im Aufbruch». Fischer, Berlin 2017. 320S., Fr.29.90.

Auch über die Kompetenzen des Völkerbundes war keine Einigung zu erzielen. Eine Völkerbunds-Armee, um den Frieden zu erzwingen? Lieber nicht. Wehrpflicht abschaffen in den Ländern? (Immerhin hatte der Philosoph Kant in seiner Friedensschrift das als unabdingbare Voraussetzung verankert: die Abschaffung der stehenden Heere.) Die Wehrpflicht sei die andere Seite des allgemeinen Wahlrechts, sagten die Franzosen, eine Grundbasis der Demokratie.

Zwei Revolutionen standen 1918 und danach vor der Tür: eine soziale und eine nationalistische. Die soziale Revolution fand in Russland statt, in Deutschland führte sie immerhin zur Weimarer Demokratie. Und die war besser als ihr Ruf. In vielen Ländern gab es Fortschritte, politische (Frauenstimmrecht) und soziale. Geschuldet meist der Angst vor «russischen Zuständen».

Vor 1914 hatten die Vielvölkermonarchien einigermassen funktioniert (Ausnahme Balkan). 1918 wollten alle nicht Selbstbestimmung, sondern Unabhängigkeit. Grossbritannien und Frankreich vergrösserten derweil ihre Kolonien, 1916 hatten Sykes und Picot ja bereits im Nahen Osten das Osmanische Reich aufgeteilt. Die neuen Staaten waren alle ethnisch nicht sehr homogen und schonten ihre Minderheiten nicht.

In den Bürgerkriegen überall starben mindestens noch einmal vier Millionen Menschen. Mitte der 1930er-Jahre war Kontinental-Europa ein Land der Diktaturen (ausser Frankreich und der Schweiz). Und steuerte auf den nächsten grossen Krieg zu. Obwohl, schreibt der Historiker Adam Tooze, es seit dem Vertrag von Tordesillas 1494, als Spanien und Portugal die Welt aufteilten, keine «strategische Vision mit einer vergleichbaren Reichweite» gegeben hätte.