Hortikultivierung
Lasst die Blumen spriessen: Wie die Städter zu Gärtner werden

In den Städten besorgen immer mehr Menschen einen Garten, damit sie nicht Hors-sol-Menschen werden. Säen, Hacken, Jäten, Giessen usw. sind zumindest zum Teil Kompensationshandlungen für die der Natur enthobene Lebensweise.

Eduard Kaeser
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In den Städten wird jedes Stückchen Natur ein «Memento des Ungebrauchten, nicht Verwerteten im ganzen modernen Gebrauchs- und Verwertungszusammenhang». iStock

In den Städten wird jedes Stückchen Natur ein «Memento des Ungebrauchten, nicht Verwerteten im ganzen modernen Gebrauchs- und Verwertungszusammenhang». iStock

Seit einiger Zeit mehren sich Zeichen, die auf eine besondere Besitzergreifung der Städte durch ihre Bewohner hindeuten, quasi auf eine «Gartennahme» des urbanen Raums.

«Urban gardening» nennt sich die Bewegung im Englischen: ein Bepflanzen der Lücken und Abräume, welche die städtische Architektur hinterlässt. Dächer, Hinterhöfe, aufgelassene Fabrik- und Bahnhofareale, ruderales Gelände werden urbar gemacht. Man zieht Obst, Gemüse, Blumen oft in mobilen Kisten, die sich leicht verschieben lassen, und man betreibt so eine Art von nomadischem Gärtnern, bedingt auch durch die wechselhaften Bedingungen des baupolitischen Klimas einer Stadt.

Entsprechend schillernd präsentiert sich die Motivation dieses Engagements für Kraut und Rüben. Sie reicht von Selbstversorgung und individueller Glücksproduktion über makrobiotischen Fundamentalismus und Urban Farming bis zur ökopolitischen oder ästhetischen Performance.

Nun gehört ja das Anlegen von Gärten – die Hortikultivierung – durch alle Zeiten und Kulturen hindurch zur menschlichen Gestaltung der Umwelt, und gerade ihre aktuellsten Formen in den Städten laden dazu ein, in ihnen nicht bloss den letzten Schrei urbanen Lebensstils zu sehen, sondern sie aus anthropologischer Perspektive ins Visier zu nehmen. Um es mit einem Begriff des Philosophen Odo Marquard zu sagen: Der Garten verspricht offenbar eine «Kompensation» für die Tretmühlen des Konsums, zu denen sich die Städte unaufhaltsam entwickeln. Gärten sind ein Indikator für unser Verhältnis zur Natur unter zunehmend urbanisierten Bedingungen.

Bertolt Brechts Herr Keuner geht nicht mehr hinaus vor die Tore der Stadt wie noch Schiller im «Spaziergang». Er möchte Bäume sehen, «aus dem Hause tretend». Genau das ist das Verhältnis des Städters zur Natur: Er möchte sie im Haus, durch das Fenster oder vor dem Haus, aus der Tür tretend, wahrnehmen. Natur als sehnsuchtgrundiertes Dekor der verstädterten Lebensform, quasi als Memento des Ungebrauchten, nicht Verwerteten im ganzen modernen Gebrauchs- und Verwertungszusammenhang. Notfalls genügen auch Hydrokultur, Kunstrasen oder die Tapete mit Waldmotiv.

Dass sich Gärten in städtischen Zwischenräumen einnisten, lässt sich als Symptom unseres Bedürfnisses nach Orthaftigkeit interpretieren. Menschen sind lokale Wesen, sie brauchen «ihre» Orte, wo sie wohnen und sich wohlfühlen («wohnen» heisst auch «gern haben»). Selbst Obdachlose und Stadtstreicher bauen sich aus Abfallmaterial ihr hortikulturelles Heim in urbanen Brachen, wie dies etwa Diana Balmori und Margaret Morton in ihrem Buch «Transitory Gardens» über New York eindrücklich dokumentieren. Die beiden Autorinnen konstatieren, dass diese oft nur einige Tage existierenden Gärten stets die persönliche Signatur ihrer Erbauer tragen, als wollten sie, die Randständigen und Habenichtse, einer zunehmend unpersönlichen Umgebung ihre eigene Physiognomie aufprägen.

Gerade dadurch, dass sich Stadtplanung heute immer mehr um die Positionierung im Netz der globalen Standortvermarktung kümmern muss («Europas Trendstädte»), wäscht sie aus den Städten ihre Orthaftigkeit heraus. Städte werden zu Ansammlungen von Nicht-Orten, wie sie der französische Anthropologe Marc Augé genannt hat: zu Durchlauferhitzern der Touristen-, Kunden- und Pendlerströme. Umso mehr sieht sich der Bürger dazu aufgerufen, sich selbst seine Orte zu schaffen, wo er zumindest vorübergehend «sesshaft» werden kann. Der Garten kann vorzüglich als ein solcher Ort dienen. Und das Voltairesche «à cultiver son jardin» gewinnt in diesem Kontext sogar eine neue, subversive Bedeutung: Hortikultivierung gegen Masterplan!

Karel Capek, der tschechische Autor, war – unter Schriftstellern keine Ausnahme – ein passionierter Gärtner. Und er schrieb nicht nur ein dystopisches Stück über künstliche Arbeiter – Roboter («Rossums Universale Roboter», 1921), sondern auch ein lesenswertes kleines Buch über Gartenarbeit: «Das Jahr des Gärtners» (1929). In ihm begleitet er «den» Gärtner ein Jahr lang bei seiner Arbeit. Und dabei wird ein Zusammenhang von Roboter und Gärtner offensichtlich, der als höchst aufschlussreich für ein typisch defizitäres Verhältnis zur heutigen Arbeit erscheint. Tatsächlich wird sie immer «roboterhafter»; verlangt sie bloss nach der Bedienung von Tastaturen und Interfaces. Und dadurch weckt sie – kompensatorisch – ein Bedürfnis nach pfleglichem Handanlegen, das sich beispielhaft gerade im Gartenanlegen ausdrückt. Es liesse sich sogar sagen, dass Gärtnern so etwas wie die Austreibung unseres «inneren Roboters» bedeutet – oder anders gesagt: die Wiederbeseelung der Arbeit.

Was auch eine Beseelung der Materie bedeutet, mit der man hantiert. Im Gärtner reift eine Haltung heran, auf die wie kein anderes das Wort «Gelassenheit» zutrifft. Gartenarbeit ist der Gelassenheit verpflichtet, nicht der Produktivität. Wie es Capek in einer seiner vielen schönen Passagen formuliert: «Und dir Alpenglockenblume grabe ich ein tieferes Bett. Ist das Arbeit? Man kann dieses Abmühen an der Erde Arbeit nennen, denn ich sage dir, es stärkt Rücken und Knie. Du machst diese Arbeiten nicht, weil Arbeit schön ist, oder weil sie dich veredelt, oder weil sie gesund ist, sondern du machst sie, damit eine Alpenglockenblume blühen kann. Wenn du etwas zelebrieren willst, dann nicht deine Arbeit, sondern die Alpenglockenblume, für die du so etwas tust.» Der Garten ist die Stätte des Wachsens und damit des Seinlassens. Und insofern hat das Anlegen von Gärten zu tun mit dem Ausbruch aus der Sterilität von Büros, Labors und Fabrikhallen, in denen fortdauernd etwas gemacht und nichts wachsen gelassen wird.

Gartenarbeit stärkt nicht nur Rücken und Knie, sie bietet eine innere Stärkung: Komfort. Das Wort «Komfort» bedeutet seinem ursprünglichen Sinn nach Stärkung, Festigung, Trost – im technischen Kontext dagegen Bequemlichkeit, Erleichterung, Entlastung. Der Kontrast könnte sprechender nicht sein. Die Erleichterung durch Geräte führt nämlich nicht notwendig zum Komfort eines «gestärkten» Lebens. Und fast scheint es, als suche man in der Zuwendung zum Stücklein Erde inmitten von Beton und Asphalt einen Umgang mit der Natur – wiederum kompensatorisch –, in dem die Hände, die Sinne gefragt sind: einen Kontakt zur Materie, der mehr «Komfort» – Trost und Stärkung – verschafft als all die Geräte, die uns das Leben erleichtern.

Gärtnern entschädigt die entkörperlichte und vielfach unqualifizierte Arbeit im Alltag mit einer qualifizierten, d. h. sinn- und sinnenvollen Inanspruchnahme des Körpers in Praktiken wie Säen, Hacken, Jäten, Pflügen, Begiessen, Pikieren, Ausgeizen, Kompostieren. Es ist die Befriedigung «eingefleischten» Wissens und Könnens, die man erlangt, die Genugtuung des Amateurs, des «Liebhabers». Und die Analogie, die Capek in diesem Zusammenhang verwendet, hat nichts mit dem Blut-und-Boden-Genre zu tun: «(Das) ist mein Boden, von meinem Schweiss und Blut benetzt, und das buchstäblich, denn wenn du einen Zweig oder Trieb wegschneidest, schneidest du dir fast immer in den Finger, und er ist ja auch nur ein Zweig oder Trieb.» Genau hier liegt der anthropologische Kern. Mit den Worten des Philosophen Gernot Böhme: Man entdeckt und erfährt in der Gartenarbeit die Natur, die man selbst ist.

Und genau aus diesem Grund ist Gartenarbeit Arbeit an sich selbst. So gesehen, ginge es auch nicht etwa bloss um eine «Rückkehr» der Gärten in die Stadt, sondern – radikaler – um die Neukonzeption der Stadt als eines spezifischen Stücks Natur, als «ökologisches Gefüge», wie es Gernot Böhme nennt. Ein solches Gefüge ist nun nicht ein sich selbst überlassenes menschenfernes Ökotop – etwa ein unberührter Wald oder ein Hochmoor –, vielmehr «ein Stück Natur, dessen Grenzen und dessen Einheit sozial definiert sind und dessen Zustand durch menschliche Nutzung und Arbeit reproduziert wird». Im Urban Gardening könnte man eine städtische Lebensform Gestalt annehmen sehen, wo die Bewohner die Verantwortung für die Natur übernehmen, indem sie Bauen und Pflanzen gleichberechtigt nebeneinander betreiben. Nicht ein «Zurück zur Natur», sondern ein «Vorwärts zum Menschen» wäre hier die Devise.

Das klingt nun recht sehr utopisch, aber vielleicht sollte man «Utopie» gegen den Strich lesen, als Ort, den es nur deshalb nicht gibt, weil er auf den Karten und Katastern der gängigen Stadtplanung keinen Platz findet. In diesem Sinne wäre das Anlegen von urbanen Gärten eine «topische» Aktion: Sie schafft konkrete Orte. Sie wird von der Idee befeuert, den Garten als ein Kernstück der urbanen Conditio humana zu begreifen. Es gibt keine menschliche Kultur, welcher der Boden gleichgültig ist. Das Wort «Kultur» selbst bedeutet Bebauen, Bewirtschaften des Bodens. Aus der Gartenerde wächst neben Früchten, Gemüsen und Blumen auch der ganz besondere Geist der Sorge. Der Hors-sol-Mensch sorgt nicht mehr für die Erde. – Mit ihr «entsorgt» er sich im Grunde selbst.