Kurz-Interview
«Die neue Variante ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert»: Experte ordnet ein, was wir bisher wissen

Der Viren-Sequenzierer Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel erklärt, warum die neue Variante B.1.1.529 gefährlich sein könnte und was die Interpretation erschwert.

Bruno Knellwolf
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In Südafrika ist eine neue besorgniserregende Variante entdeckt worden. Dagegen wird ein Knabe in Diepsloot Township bei Johannesburg mit Pfizer/Biontech geimpft.

In Südafrika ist eine neue besorgniserregende Variante entdeckt worden. Dagegen wird ein Knabe in Diepsloot Township bei Johannesburg mit Pfizer/Biontech geimpft.

Denis Farrell / AP

Die neue Variante B.1.1.529 aus Südafrika versetzt die Welt in Angst. Sie enthält mehr als 30 Mutationen an den Spike-Proteinen, mit denen sich das Virus Zugang zu menschlichen Zellen verschafft. Bereits haben Grossbritannien und Israel Reisebeschränkungen für Länder rund um Südafrika ausgesprochen, in denen die neue Variante vermutet wird. Heute wird sich die Weltgesundheitsorganisation WHO erstmals damit befassen und der besorgniserregenden Variante wohl auch einen Buchstaben geben.

Beschrieben worden ist die B.1.1.529 erstmals in Botswana. Noch sind erst um die Tausend B.1.1.529-Genome erfasst worden. In der südafrikanischen Region Gauteng mit den Städten Pretoria und Johannesburg ist die Zahl der neu registrierten Infektionen exponentiell gestiegen und macht schon neunzig Prozent der zuletzt entdeckten Viren aus. Heute entdecken die Wissenschafter neue Varianten schneller als zu Beginn der Pandemie, gerade auch in Regionen mit wenig geimpften Menschen, was in diesen Gegenden Südafrikas der Fall ist. Nun wird über die Gefährlichkeit spekuliert. Wir haben dazu Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel befragt.

Richard Neher, Biophysiker.

Richard Neher, Biophysiker.

zvg

Aus Südafrika kommt die Variante B.1.1.529. Für wie besorgniserregend halten Sie diese Variante?

Richard Neher: Die neue Variante ist aus verschiedenen Gründen bemerkenswert. Zum einen unterscheidet sie sich an vielen Stellen im Spike-Protein von den ursprünglichen Varianten und kombiniert viele Mutationen, die wir aus anderen besorgniserregenden Varianten kennen. Viele dieser Veränderungen fallen in wichtigen Regionen des Virus an. In Regionen, die Antikörper binden, die Rezeptor-Binde-Stelle und die genetischen Elemente des Virus namens «Furin cleavage site».

Was sagt das über die Gefährlichkeit der neuen Variante aus?

Es ist durchaus vorstellbar, dass die Variante sowohl sehr übertragbar ist als auch Teilen der Immunantwort entkommt. Zum anderen haben wir bislang keine Zwischen-Varianten zwischen B.1.1.529 und den Varianten von Anfang 2020 beobachtet. Die Variante kam also unerwartet und scheint sich jetzt im Süden Afrikas rasch auszubreiten. Eingehende klinische und virologische Untersuchungen stehen noch aus.

Wie schnell könnte sich B.1.1.529 ausbreiten?

Verglichen mit Delta ist das Potenzial zur Immunevasion grösser. Eine Immunevasion findet statt, sobald das Virus nicht mehr genügend Wirte findet, um sich auszubreiten, und sich deshalb verändert. Und die Variante scheint sich in Südafrika gegen Delta durchzusetzen. Allerdings sind in Südafrika die Fallzahlen derzeit recht niedrig, was die Interpretation erschwert. Unter welchen Bedingungen sich diese Variante schneller überträgt als Delta, ist im Moment nicht klar und könnte zum Beispiel von der Impfrate abhängen. Die nächsten Tage werden hier hoffentlich mehr Antworten liefern.

Kann man schon ungefähr einschätzen, wie gut der Impfstoff gegen die neue Variante sein könnte?

Da die Impfstoffe gegen alle bisherigen Varianten effizient sind, gehe ich davon aus, dass auch gegen diese Variante ein Impfschutz besteht. Gerade die T-Zell-Antwort sollte gegenüber den Veränderungen robust sein. Allerdings ist es durchaus vorstellbar, dass es vermehrt zu Durchbruchsinfektionen kommt, so dass eine dritte Dosis umso wichtiger wird.

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