«Die Sprachstilistin»
Können wir Corona? Und ob man das überhaupt so sagen darf

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller erklärt diese Woche, warum bewusste Verstösse gegen die Grammatik ein Stilmittel sind – und was das mit der faszinierenden Welt der Modalverben zu tun hat.

Odilia Hiller
Drucken
Teilen
Odilia Hiller

Odilia Hiller

Michel Canonica

Der Hinweis eines Kollegen führt mich in die faszinierende Welt der Modalverben: Er nervt sich gewaltig über neue Wendungen mit «Corona» und dem Verb «können». «Der Kanton St.Gallen kann kein Corona» wäre man nach dieser Woche ­beispielsweise versucht zu sagen. Oder man fragt: «Kann die Schweiz Corona?»

Das Unbehagen des Kollegen ist schnell erklärt. Konstruktionen mit Modalverben wie dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen oder brauchen werden in der deutschen Schriftsprache in der Regel vom Infinitiv eines Vollverbs begleitet. Die Vollversion der obigen Konstruktion wäre dann vielleicht: «Kann die Schweiz Corona meistern?», oder so ähnlich.

«Kannst du Russisch?»

Lässt man nun das Vollverb weg, wird «Corona» vom Sprechenden faktisch mit einer Tätigkeit oder einer Fertigkeit gleichgesetzt. «Können» wird zum Vollverb. «Kannst du Russisch?» oder «Ich kann Mathe im Fall super»: Solche Aussagen sind in der Umgangssprache völlig korrekt.

Ob es den Kollegen nun stört, dass die Umgangssprache auch im Schrift­lichen um sich greift, das todernste Thema Corona im Sloganstil aufgegriffen wird – oder er darauf wert legt, dass Corona eine Krankheit und keine Fertigkeit ist: Sprachstilistisch gesehen sind bewusste Verstösse gegen die Grammatik seit jeher ein Stilmittel. Kaum eine grosse Schriftstellerin, ein wichtiger Autor, die oder der sich dessen nicht bedient. Und sich anschliessend vor engstirnigen Formalisten erklären muss. Wobei unser Kollege selbstredend nicht zu Letzteren gehört.

Corona und der Humor

Die zurzeit eher wacklige Gefühlslage der meisten führt jedoch dazu, dass im Zusammenhang mit Corona eher weniger Wert auf Humor, Witz und Ironie gelegt wird. Zu ernst ist das Thema, zu viele Tote sind zu beklagen. Dabei waren in dieser Woche gewisse Ausführungen auf Twitter zu den immer komplizierteren Schutzmassnahmen (und deren Ausnahmen) etwas vom Lustigsten, was diese dunkle Zeit zu bieten hat.

Doch zurück zu den Modalverben. Da sie uns ermöglichen, Wünsche, Gefallen oder Unlust zu äussern, gehören sie zum frühesten, was Kleinkinder von sich geben. «Kann selber!», kolportiert auch meine Familie als einen meiner ersten Lieblingssätze. Etwa gleichauf mit «Wott nöd!».

«Mit einem Modalsatz trifft man nicht unmittelbar eine Aussage über einen realen Sachverhalt, sondern vielmehr darüber, ob dieser Sachverhalt möglich, notwendig oder erwünscht ist», schreibt der Duden. Kein Wunder, explodiert zurzeit nicht nur der Coronawortschatz, sondern auch die Modalkon­struktion.

Der Bund muss für die Folgen der Coronamassnahmen bezahlen.
Bis am Dienstag sollen die Kantone neue Regeln zur Bekämpfung der Coronapandemie beschliessen.

Und so weiter. Was wir also, kaum dem Säuglingsalter entwachsen, zu empfinden beginnen – wollen, müssen, können, dürfen, brauchen –, zieht sich tief durch unsere Existenz. So, dass man sich bisweilen fragt, warum die meisten von uns so selten sagen, was sie wirklich wollen.