Kommentar
Europa ist feige: Warum bloss lässt sich unser Kontinent von Putin spalten – selbst jetzt noch?

Wer dachte, die Gräueltaten von Butscha seien ein Wendepunkt, sieht sich getäuscht. Die EU und die Schweiz verschärfen nur die Rhetorik, aber sie ergreifen keine neuen Sanktionen, die Putin wirklich weh tun. Weil sie lieber Innenpolitik machen und ihren Bürgern nichts zumuten wollen. Das ist beschämend.

Patrik Müller
Patrik Müller
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Protest gegen die deutsche Energiepolitik: Demonstranten mit Masken von Bundeskanzler Olaf Scholz (M.) und der Minister Christian Lindner (l.) und Robert Habeck.

Protest gegen die deutsche Energiepolitik: Demonstranten mit Masken von Bundeskanzler Olaf Scholz (M.) und der Minister Christian Lindner (l.) und Robert Habeck.

Filip Singer / EPA

Warum bloss schafft es Kriegstreiber Putin selbst jetzt noch, Europa zu spalten? Warum haben nicht einmal die unleugbaren Gräueltaten der russischen Armee die europäischen Regierungen zu entschlossenem Handeln bewogen? Lässt die Wirkung der abscheulichen Bilder aus Butscha derart schnell nach?

Deutschland hat bekräftigt, weiterhin Gas und Öl aus Russland zu kaufen, und die «Weltwoche», die Putin als «Missverstandenen» titulierte, lobt den Bundeskanzler: «Olaf Scholz macht einen guten Job. Er hält sich zurück.»

Ungarn mit dem eben wiedergewählten Staatschef Viktor Orbán teilte eben mit, es bezahle für russische Energie wie von Putin gewünscht in Rubel.

Und in der ­Diplomatie bietet Europa eine einzige Kakofonie: Einige Länder weisen russische Diplomaten aus, andere nicht. Dass die Schweiz zum Lager gehört, das die Diplomaten unberührt lässt, überrascht kaum.

Die Staatschefs finden zwar klare Worte, die meisten sprechen von «Kriegsverbrechen» – am Donnerstag tat dies erstmals auch ein Mitglied des Bundesrats, Karin Keller-Sutter. Aber sie unternehmen nichts, das Putin wirklich wehtut. Innenpolitik ist ihnen wichtiger.

Niemand mag seinen Bürgerinnen und Bürgern erklären, warum höhere Energiekosten oder gar Knappheit ein Preis sind, den wir zu zahlen bereit sein sollten, um Putins Kriegsmaschinerie zu stoppen. Dabei ist dieser Preis nichts im Vergleich zum Preis, den die Ukraine Tag für Tag bezahlt – indem sie Hunderte Menschenleben verliert.