«Jung & Alt»-Kolumne
Kolumne: Fleisch? Schmeckte nach Sex, Sünde, Wollust

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg, 26, alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt Hasler, warum «Fleisch» für ihn «Sex» bedeutete.

Ludwig Hasler
Ludwig Hasler
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«Interessant, was du mit Fleisch assoziierst: Tod. Ich, ohne gross nachzudenken: Leben.»

«Interessant, was du mit Fleisch assoziierst: Tod. Ich, ohne gross nachzudenken: Leben.»

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Liebe Samantha

Ja, da stimme ich dir zu. Die Ambivalenz gegenüber Tieren – mal beste Freunde, mal Schlachtvieh – ist wohl allgemein menschlich, unabhängig vom Alter. Nur beurteilen wir diese Zwiespältigkeit unterschiedlich. Für dich ist sie «komplett irrational», eigentlich eine Schande für das Vernunftwesen Mensch, wenn ich dich recht verstehe. Alte wie ich hatten damit keine gröberen Probleme, jedenfalls solange Tiere nicht gequält werden.

Der Mensch besteht – Gott sei Dank – nicht aus Vernunft, er ist zunächst selber Fleisch, er isst nicht bloss davon.

Interessant, was du mit Fleisch assoziierst: Tod. Ich, ohne gross nachzudenken: Leben.

Was meinst du, woran wir früher sofort dachten, wenn das Wort «Fleisch» fiel? An Sex, Sünde, Wollust. Ich wuchs auf in der Spannung von Fleisch und Geist, in diesem Widerstreit, der seit der Antike das Denken und Handeln durchdrang: Das Fleisch zieht hinab (ins Dunkle, wo das Ich sich lustvoll verliert), der Geist hinan (ins Helle, wo das Ich die Übersicht behält). Unser Pensum war nicht, den Streit beizulegen, eher, ihn produktiv zu führen. Was regelmässig misslang, denn: «Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach.»

Ich erinnere mich gern an amüsante Episoden. Als Bub war ich Ministrant, das trug pro Messe 30 Rappen ein, 2.10 die Woche. Mit diesem Geisteslohn ging ich mit Vorliebe am Freitag (damals striktes Fleischverbot!) zur Metzg, kaufte einen Cervelat, fuhr mit dem Velo an den Waldrand, ass die Wurst mit einem derart innigen Vergnügen, wie ich es seither selten empfand.

War das schizophren? Käme ich damit heute noch durch? Würde ich daran aufgehängt? Karriere im Eimer? Da ich schon am Beichten bin: Ich rauchte viele Jahre, eher unmässig. Wie «irrational» das war, darüber machte sich mein Geist nie Illusionen, indes das Fleisch, das schwache, begierige, brauchte den Qualm, ohne ihn zog es nicht mit, wenn ich mal wieder spät dran war mit einem Text.

Du kennst solche Auflehnung gegen Vernunft wohl auch. Magst sie aber nicht? Hauptsache, wir sind eins mit uns?

Mir kommt es oft vor, deine Generation will alles Zwiespältige ausbügeln, will, dass alles «stimmt», korrekt abläuft, vernünftig, frei von Ungereimtheit.

Ich hoffe, du widersprichst. Denn was schützt uns vor dem Verhocken, wenn nicht der interne Streit? Er ist der Antrieb von allem. Sogar Sigmund Freud, ganz rationale Leuchtfigur, schaffte es nicht, seine Raucherei aufzugeben – trotz 33 Operationen am Gaumenkrebs. Sobald er nicht rauche, sagte er, wolle «der Kerl in mir» nicht mehr arbeiten. Der «Kerl» vertritt die Ansprüche der unbewussten Lebensmächte in mir. Wie behandeln wir ihn erfolgreicher: nachsichtig – oder rational überheblich?

Ludwig

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