«Jung & Alt»-Kolumne
Es gibt Tage, an denen mir alles um die Ohren fliegt

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt sie, was richtig alte Menschen sind.

Samantha Zaugg
Samantha Zaugg
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Besonders junge Eltern sind Meister des Multitasking.

Besonders junge Eltern sind Meister des Multitasking.

Keystone

Lieber Ludwig

Du hast keinen Tipp gegen das ewige Verlegen von Dingen. Macht nichts, ist schon tröstlich zu hören, dass es irgendwann besser wird. Gezwungenermassen, weil man zu langsam ist, um suchend durch die Wohnung zu rennen. Und weil man irgendwann nicht mehr so viel zu tun hat.

Damit sind wir dem Problem auf der Spur. Ich glaube, ich verlege so viel Zeug, weil immer so viel los ist. Selten mache ich einfach eine Sache. Eigentlich mache ich immer mehrere Sachen gleichzeitig. Das hat damit zu tun, dass ich den grossen Teil meiner Arbeit am Computer erledige. Und da gibt es viele Kanäle, die nach meiner Aufmerksamkeit schreien.

Mail, Whatsapp, Slack, Teams, Threema, Twitter, Insta, dann plärrt das Telefon, und ewig lockt das Internet. Das Problem dabei: Ich kann die ganzen Schreihälse nicht einfach ignorieren und stummschalten. Zum Arbeiten brauche ich Laptop, Handy und vor allem das Internet. Gerade in der Pandemie mit Heimarbeit und Uni im Fernunterricht.

Den Ablenkungen zu widerstehen und den Fokus zu behalten, braucht viel Disziplin. Manchmal hab ich die, manchmal nicht. Es gibt Tage, an denen mir alles um die Ohren fliegt. Dann brauchts nicht viel, das Portemonnaie ist verschwunden, der Nervenzusammenbruch nah.

Das menschliche Gehirn ist ja ein tolles Gerät, ich bin da immer wieder sehr begeistert. Doch so leistungsfähig es sein mag, ich glaube diese Art von Arbeit und Kommunikation bringt es an seine Grenzen. Vor allem, weil wir mit der Technik in eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten hineingeschlittert sind. Ohne jedoch Strategien für den Umgang damit zu lernen.

Versteh mich nicht falsch: Ich bin froh um die Digitalisierung, um Smartphone und das Internet. Aber wir müssen daran arbeiten, wie wir das alles richtig nutzen. So, dass wir am Abend keine Kopfschmerzen haben, dass wir nicht ganz fahrig sind.

Ist ja schwierig eine Generation zu vertreten. Aber bei diesem Thema traue ich mir zu, für viele Altersgenossinnen zu sprechen. Die Erreichbarkeit, die Gleichzeitigkeit und das Schwindel erregende Tempo, das ist manchmal ganz schön viel.

Du fragst, ob es heute noch richtige Alte gibt. Ja, die gibt’s. Ich erkenne sie daran, dass sie nur eine Sache machen. Nur etwas.

Wie hat man das eigentlich gemacht, bevor man Smartphone oder Computer hatte? Gerade bei Bürojobs kann ich mir das gar nicht vorstellen. Wie war das, wenn man unterwegs nicht Mails lesen konnte? Ging man da einfach ins Büro, hat mal angefangen die Post aufzumachen und geschaut, was so ansteht? Hatte man weniger Stress? Oder einfach anders?

Samantha

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