«Auf ein Wort»-Kolumne
Loset, was i euch will sage!

In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Mundartexperte Niklaus Bigler, wieso Zurufe wie jener im Titel uns besonders ärgern.

Niklaus Bigler
Niklaus Bigler
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Wenn die Emotionen hochgehen, rufen viele sofort nach Aufmerksamkeit. Und stellen sich so über die Angeklagten.

Wenn die Emotionen hochgehen, rufen viele sofort nach Aufmerksamkeit. Und stellen sich so über die Angeklagten.

Bild: Keystone

Kürzlich hörte ich eine Nachbarin sagen: Grüezi, losed si! Wie es weiterging, hörte ich nicht mehr, und ich hatte auch keine Lust, in dieser Sache noch mehr zu vernehmen.

Früher leiteten manche Uusrüeffer oder Weibel ihre Proklamationen mit Loset! ein, so wie in Johann Peter Hebels «Wächterruf» (siehe Titel). Wenn lose in der Befehlsform gebraucht wird, ist es eine Aufforderung zur Aufmerksamkeit, oft sogar die Einleitung eines Befehls. Daher kann ein Offizier oder ein Beamter zum Lose auffordern, nicht aber umgekehrt ein Untergebener den Höheren.

Wer jedoch unter Freunden etwas Interessantes zu erzählen hat, könnte auf die Floskel Loset! verzichten, weil man ihm auch so gern zuhört: Dee cha rede, me chunnt chuum noche mit Lose. Oft geht sogar das Zuhören ins Staunen über: Die händ gloset, wo si daa ghöört händ! Er het em (nid) glost bedeutet, dass einer den Rat des Andern beherzigt (oder ignoriert) hat. Manchmal bedeutete lose geradezu «gehorchen».

Ghööre bildet das Gegenstück; lose verkörpert das aktive, ghööre das passive, unwillkürliche Wahrnehmen mit den Ohren – genau wie im Französischen beim Wortpaar écouter/entendre. Die deutsche Standardsprache kennt diesen Unterschied kaum, weil hören (wie das davon abgeleitete horchen) die Bedeutung des süddeutschen lose übernommen hat.

Eine weitere Bedeutungsentwicklung von althochdeutsch hôren gibt es auch in unseren Mundarten: höre, uufhöre (enden) und ghööre (jemandem angehören), dazu die Chil(ch)hööri (Kirchgemeinde). Auf dem Schulweg fragte mich einmal ein alter Mann: Wem ghöörsch? Ja, wem sollte ich denn gehören? Ich ging verwirrt weiter und verstand die Frage erst viel später.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).

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