Kolumne
Warum wir uns freuen, wenn die anderen in die Ferien abhauen – und wir da bleiben

Städte im Mittelland sind seltsame Orte während der Sommerferien. Wundersam still. Und schön.

Sabine Kuster
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Vergnügen für wenige im sommerlichen Genf.

Vergnügen für wenige im sommerlichen Genf.

Bild: Key (24. Juli 2021)

Die Holzbänke unter der Linde sind leer. Die Schaukel hängt still. Nur zwei Kinder sitzen auf dem Ping-Pong-Tisch und spielen Überlebende auf dem Floss. Dabei ist es abends um fünf und die Sonne scheint – das ist üblicherweise die Rushhour in unserer Siedlung. Doch jetzt ist sie wie leergefegt.

So ist das in den Sommerferien. Kaum die Hälfte der Bewohner sind noch da und in der Stadt macht sich eine seltsame Ruhe breit. Manchmal stelle ich mir vor, wie das Leben vor dem zweiten Weltkrieg gewesen sein muss, als halb so viele Leute in der Schweiz lebten. Ich zupfe in Gedanken jedes zweite Auto von der Strasse, jeden zweiten Kunden aus den Läden. Ein lächerliches Spiel. Für halb so viele Leute gab es damals auch höchstens halb so viel Infrastruktur und demnach an den Hotspots nicht zwingend weniger Leute.

Diese Situation von viel Spielraum für wenig Leute, viel Glacéverkäufer für wenig Schleckmäuler und viel Wasserrutschbahn-Meter für wenige Badehosen gibt es tatsächlich nur in den Sommerferien der Gegenwart in den Wohnorten des Mittellandes.

Wir haben die Anderen erschöpft ihre Sachen packen und die Kinder einsammeln sehen. Wir haben sie um den Reisestress nicht beneidet. Wir sassen abends draussen und entspannten uns. Feriengefühl, das gibts auch zuhause – wenn die anderen weg sind. Es ist diese Stimmung wie auf dem Zeltplatz neben einem Festivalgelände: Vor dem eigenen Zelt liegt das zauberhafteste Ambiente, vielleicht gerade, weil man gleich wieder mit der Masse feiern könnte.

Auch wir werden noch verreisen und den Gotthardstau oder volle Zugsabteile in Kauf nehmen. Die zurückgebliebenen Nachbarn werden dem Regen zuschauen und dran denken, dass wir zelten. Und lächeln.

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