Klima
Ein stürmischer Frühling mit viel Wind in den Haaren : Was zeigt der Vergleich zu den Vorjahren?

Wir erinnern uns an einen Frühling mit vielen windigen Tagen und kalter Bise. Doch stimmt das wirklich? Klimaexperten geben Antwort.

Bruno Knellwolf
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Der Wind, ein ständiger Begleiter.

Der Wind, ein ständiger Begleiter.

Javier Etxezarreta / EPA

Freudlos erinnern wir uns an die vielen Tage, an denen einem die Bise die Kälte unter die Kleider trieb oder der Wind die Haare zerzauste. Doch hat der stürmische Wind diesen Frühling wirklich öfter geblasen als sonst? Schaut man auf die verschiedenen Messstationen, welche den Wind ab 50 km/h aufzeichnen, zeige sich «keine Auffälligkeit des diesjährigen Frühlings im Vergleich zu den Vorjahren», sagt Stephan Bader von der Abteilung Klima von Meteo Schweiz. Deutlich windiger war zum Beispiel der Frühling 2019, bedingt durch einen stürmischen März.

Auch die kalte Bise hat uns dieses Jahr nicht öfter geplagt als im Durchschnitt. Bisenstunden werden ab 30 km/h gemessen. Einen Bisen-Rekordfrühling haben wir 2020 mit der ersten Welle der Coronapandemie erlebt. «Dieser Bisen-Rekord war vor allem durch die anhaltende Bisenlage in der letzten Märzdekade bestimmt. Dann gab es ab Mitte April 2020 immer wieder Bise wie auch die letzte Maidekade», sagt Bader. Die Beurteilung der Häufigkeit des Windes und der Bise ist somit sehr subjektiv, wohl weil beide oft störend sind im Alltag.

Vermutet wird oft, der Wind könnte in unseren Breiten wegen der Erderwärmung zunehmen. Um den Klimaeffekt zu beurteilen, werden von den Wissenschaftern vor allem die hohen Windspitzen, also die Stürme, analysiert. Diese Analyse bestätigt diese These aber nicht. In den letzten Jahren wurden in der Schweiz eher wenige Tage mit hohen Windspitzen registriert. Ab Mitte der 1980er-Jahre bis etwa 2005 war es häufiger stürmisch. Dazu sagt Bader von Meteo Schweiz:

«Es ist davon auszugehen, dass dies vorwiegend natürliche Schwankungen des Klimasystems sind.»

Das bestätigt auch der Klimatologe Reto Knutti von der ETH Zürich: «Es gibt in der Schweiz keinen Trend beim Wind, auch nicht bei den Extremen.» Eine mögliche Änderung durch die Erderwärmung dürfte nach Knutti weit kleiner sein als jene durch die natürlichen Schwankungen.

Eher durch natürliche Schwankungen

Auch die stürmischeren Jahre ab Mitte der 1980er-Jahre bis 2005 seien vorwiegend auf die natürlichen Schwankungen des Klimasystems zurückzuführen, sagt Bader. Und das scheine so zu bleiben. In den Klimaszenarien CH2018 des Bundes gebe es keine eindeutigen Hinweise, dass sich die Häufigkeit starker Windspitzen in Zukunft in eine bestimmte Richtung bewegt. «Allerdings ist noch nicht klar, wie vertrauenswürdig die heutigen Klimamodelle mögliche Änderungen von Windspitzen darstellen können», sagt Bader.

Global betrachtet gibt es nach dem ETH-Klimatologen Knutti einige Orte, wo der Wind leicht zu- oder abnimmt. Aber auch das meist nur im einstelligen Prozentbereich. Die Klimaszenarien zeigen die geografischen Unterschiede. Aufgrund der Erderwärmung in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts könnten die Häufigkeit und Intensität von Stürmen, Wirbelstürmen und Starkwinden über Mittel- und Westeuropa generell zunehmen. In Südeuropa ist die Entwicklung gemäss dem Bericht aber gegensätzlich. Aktuelle Modellprojektionen weisen auf eine zukünftige Abnahme der aussertropischen Sturmaktivität hin. Der Klimawandel hat in anderen Bereichen grössere Effekte als bei den Windspitzen.