Masern

Kein positiver Zusammenhang zwischen Impfpflicht und Impfraten: Zwang wäre kontraproduktiv

In 12 EU-Ländern werden Impfungen bereits staatlich verordnet.

In 12 EU-Ländern werden Impfungen bereits staatlich verordnet.

Zwar ist die nationale Impfrate in den letzten Jahren insgesamt gestiegen. Von einer Ausrottung der Masern, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum Ziel erklärt hat, ist die Schweiz dennoch weit entfernt.

Die Masern sind zurück. Seit Anfang Jahr wurden in der Schweiz bereits 166 Fälle registriert, das sind fast achtmal mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Zwei Männer im Alter von rund 30 und 70 Jahren sind an der hoch ansteckenden Krankheit gestorben. Es sind die ersten Masern-Toten seit zehn Jahren in der Schweiz.

Nun werden Rufe nach einer staatlichen Impfpflicht laut. «Wer seine Kinder nicht impft, ist asozial», sagte CVP-Nationalrätin Ruth Humbel zum Blick. Der Bund solle einen Impfzwang mit Bussensystem prüfen. Doch ein solcher dürfte in der Schweiz zurzeit keine grossen Chancen haben. Wie eine nicht repräsentative Umfrage im National- und Ständerat zeigt, herrscht keine Einigkeit – weder im Parlament noch innerhalb der Parteien.

Rund 45 Mitglieder des Parlaments haben geantwortet: Bei der SP halten sich Befürworter und Gegner einer Impfpflicht die Waage. Die bürgerlichen Politiker sprechen sich hingegen mehrheitlich für ein Verbot aus. Aber auch unter den Befürwortern finden sich Vertreter der CVP, FDP, BDP und SVP. So schreibt SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr: «Die Sicherheit aller Personen im Land steht im Zentrum. Eine Impfung kann doppelt Leben retten.»

Ziel: Ausrottung der Masern

Ein genereller Impfzwang sei nicht der richtige Weg, findet Arnaud Chiolero, Professor für Öffentliche Gesundheit an der Universität Bern: «Bei einem dramatischen Anstieg von Infektionen kann eine solche Massnahme zwar gerechtfertigt sein», sagt der Epidemiologe. «Aber das ist in der Schweiz zurzeit nicht der Fall.»

Tatsächlich ist die nationale Impfrate in den letzten Jahren insgesamt gestiegen: Zwischen 2014 und 2016 hatten 93 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz beim Schulaustritt die nötigen zwei Masern-Impfdosen bekommen. Vor zehn Jahren war es noch lediglich jeder zweite Schüler.

Von einer Ausrottung der Masern, die das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zum Ziel erklärt hat, ist die Schweiz dennoch weit entfernt. Dazu müssten mindestens 95 Prozent der Kinder sowie alle nach 1963 geborenen Erwachsenen mit zwei Dosen geimpft werden. Im Moment sind das nur 89 Prozent der zweijährigen Kinder.

Grundsätzlich stellt sich die Frage, wie gut eine Impfpflicht überhaupt wirkt. Der Grünen-Nationalrat Michael Töngi ist überzeugt: «Ein Impfobligatorium in der vorhandenen Situation könnte auch dazu führen, dass Eltern mit ihrem Kind einfach nicht mehr zum Arzt gehen.»

In 12 EU-Ländern werden Impfungen bereits staatlich verordnet. Eine von der EU finanzierte Studie konnte aber keinen positiven Zusammenhang zwischen Impfpflicht und Impfraten ausmachen. Ein Obligatorium kann sogar das Misstrauen stärken, wie eine weitere aktuelle EU-Befragung zeigt. Bürger aus Bulgarien, Lettland und Frankreich äusserten sich besonders skeptisch darüber, ob Impfungen wirken – in allen drei Ländern gibt es eine gesetzliche Impfpflicht.

Viele der Schweizer Politiker fordern denn auch Aufklärung statt Zwang. So zum Beispiel SP-Nationalrätin Bea Heim, die bei den Behörden ein ernstes Versäumnis ortet: «Sie haben zu lange zu wenig informiert und damit das mediale Feld den Impfgegnern überlassen, die sehr aktiv sind.» Die Solothurner Gesundheitspolitikerin fordert daher: «Das Bundesamt für Gesundheit muss auf allen medialen Kanälen, in den Kitas, Kindergärten und Schulen sachlich und umfassend informieren.»

Dieser Artikel entstand mit Unterstützung durch:

Logo Gebert Rüf Stiftung

Meistgesehen

Artboard 1