Kaputt konsumiert: Der Fall Britney Spears

Zuerst gefeiert, dann tief gefallen: Seit 12 Jahren steht der Weltstar Britney Spears unter Vormundschaft ihres Vaters. Nun regt sich breiter Widerstand. Und Kritik an einem perversen Medien- und Justizsystem wird laut.

Anna Miller
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Ihr letzter Moment auf der Bühne: Britney Spears 2018 in Las Vegas.

Ihr letzter Moment auf der Bühne: Britney Spears 2018 in Las Vegas.

Bild: Imago

Ich habe in meiner Küche eine Henkeltasse stehen, im Schrankfach über der Spüle, sie ist nicht besonders hübsch, aber sie bedeutet mir was, sie ist weiss, und auf ihr steht: Britney Spears survived 2007, you can handle today. Auf Deutsch: Britney Spears hat das Jahr 2007 überlebt, du also kannst den heutigen Tag überleben. Unter dem Slogan steht nonchalant Made in China drauf, ich habe sie in London ergattert und präsentiere sie jedes Mal, wenn eine Freundin zu mir kommt und gerade ein bisschen Aufmunterung braucht.

Diese Tasse fasst sehr gut zusammen, was mit dem Weltstar Britney Spears passiert ist. Wie eine junge Frau aus einem kleinen Dorf, in einer Liga mit Lady Gaga und Beyoncé, von uns allen kaputt konsumiert wurde.

Doch von vorne.

Warum wir gerade jetzt über den gefallenen Star Britney Spears sprechen, hat damit zu tun, dass The New York Times letzte Woche eine neue Dokumentation über den Popstar veröffentlichte. Sie heisst «Framing Britney Spears» und geht der Frage nach, warum Spears jetzt steht, wo sie steht: Nämlich unter Vormundschaft ihres eigenen Vaters, seit 12 Jahren. Wie es überhaupt soweit kommen konnte, dass es ihr verboten ist, Auto zu fahren, ohne Erlaubnis des Vormunds ihre beiden Kinder zu sehen. Dass ihr Vater über ihr gesamtes Vermögen entscheidet, über ihre Plattendeals, Bescheid weiss, wann sie ein Happy Meal bestellt und wohin sie in die Ferien fährt.

Seit letztem Jahr kämpft Britney Spears vor Gericht darum, ihren Vater als Vormund abzusetzen. Bisher erfolglos. Jetzt regt sich Widerstand. Menschen auf der ganzen Welt protestieren im Rahmen der Kampagne #freebritney in den Sozialen Medien und auf der Strasse gegen die geltenden Vormundschaftsbestimmungen gegen Britney Spears. Und verlangen, dass ihrem Wunsch, einen anderen Vormund zu erhalten als ihren Vater Jamie Spears, stattgegeben wird.

Ein fehlerhaftes System, an dem Spears psychisch zerbricht

Im Film kommt auch die Frage auf, wer eigentlich ein Interesse daran hat, sie in lebendiger Gefangenschaft zu halten, obwohl sie seit Jahren stabil performt, Tausende Konzerte gegeben hat, eine stabile Liebesbeziehung führt und immerhin 80 Millionen Dollar pro Jahr erwirtschaftete. Die Dokumentation zeigt nicht nur ein fehlerhaftes juristisches System auf, sondern rekonstruiert auch den Aufstieg und Fall des Popstars. Und wie gierig wir alle ein Stück Britney haben wollten - so sehr, bis sie am System und der ewigen Aufmerksamkeit um ihre Person psychisch zerbrach.

Schaut man sich das System Britney Spears an, sieht man gleichsam, wie Erfolg funktioniert - nämlich damit, dass ein Mensch an Status und Einkommen gewinnt. Soziologisch ist der Aufstieg eines Menschen damit verbunden, dass andere ihn bewundern - und ihm freiwillig Status übertragen. «Das ist aber ein Nullsummenspiel», sagt Katja Rost, Professorin für Soziologie an der Universität Zürich.

Was heisst: Hebe ich jemanden auf einen Thron, gebe ich damit ein Stück meines eigenen Status' an sie ab. Britney Spears wurde in den Neunzigerjahren zur Ikone einer ganzen Generation. Diese Kombination aus Mädchen von Nebenan und Sexsymbol, naiver Fragilität und Nahbarkeit, gleichsam verkaufte sie so viele Platten und dominierte das Zeitgeschehen, Presse, Fernsehen, Bühnen.

Da war die Welt noch in Ordnung: Britney Spears 1999, als junger Star.

Da war die Welt noch in Ordnung: Britney Spears 1999, als junger Star.

Bild: Getty

Wenn Britney Spears auf dem Zenit ihrer Karriere in die Kamera lächelte, sahen wir ein normales, nahbares Mädchen, eine junge Frau, zu der wir hochschauen konnten und gleichzeitig das Gefühl hatten, sie sei eine von uns. Sie war unverbraucht, stark, fröhlich. Doch oft wird genau das, wofür wir Menschen in den Himmel loben, irgendwann zu ihrem Fluch. Denn die Gruppe toleriert den eigenen Statusverlust nicht allzu lange. «Grosser Erfolg und ökonomische Macht rufen Neid und Missgunst auf den Plan», sagt Rost. Die Bewunderung kippt zu Verachtung, und wir beginnen, die Person zu shamen, also zu demütigen. Um sie an ihren Platz zu verweisen. Um selbst nicht mehr so erfolglos da zu stehen.

So lässt sich auch erklären, dass das öffentliche Bild von Britney Spears durch die Geburt ihres ersten Sohnes und ihre Ehe mit Kevin Federline einer der Hauptpunkte war, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit veränderte. Plötzlich war sie eine Mutter, die ihre Erziehung vermeintlich nicht im Griff hatte, die Eheprobleme hatte, deren Leben auseinanderfällt. Nur allzu sehr erinnerte sie damit viele Menschen an ihre eigene Realität, an ihre eigenen Mängel.

Nur, dass man sich, indem man sich über sie ausliess, mal ein paar Minuten von der eigenen Unzulänglichkeit befreien konnte. Sie fing an, sich von der Rolle des perfekten Mädchens zu befreien. Rasierte sich 2007 den Schädel. Und schlug mit einem Regenschirm auf das Auto eines Paparazzos ein, nachdem sie vergeblich versucht hatte, ihre Kinder zu sehen, ihr Exmann ihr aber keinen Zutritt gewährte.

Wer würde in so einer Situation nicht die Nerven verlieren?

2007: Britney Spears rasiert sich eigenhändig den Schädel.

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zvg

Während eines Interviews fragt sie eine Moderatorin, was sie sich am Sehnlichsten wünsche. Sie antwortet unter Tränen, sie wolle einfach in Ruhe gelassen werden. Doch zu viele Akteure profitieren finanziell von ihrem Niedergang. Kaum ein anderes Foto der Sängerin brachte den Paparazzis so viel Geld wie dasjenige, das sie mit kahlem Kopf und Regenschirm zeigt, mit wutverzerrtem Gesicht.

Aufmerksamkeit ist ein zweischneidiges Schwert

Wer berühmt ist, dessen Marktwert steigt, sagt auch Katja Rost. Man müsse psychisch sehr stabil sein, um die Last des Erfolgs tragen zu können. Und abstrahieren, dass die Gesellschaft oft nicht in der Lage ist, für so ein Schicksal überhaupt Empathie aufzubringen. «Für viele ist Britney Spears kein Mensch, sondern eine abstrakte Kunstfigur», sagt Rost. Ein Produkt, das man konsumieren könne, kein verletzlicher Mensch mit Gefühlen.

Britney Spears ist im Grunde nur ein weiterer Name in einer langen Reihe von Prominenten, die ihr Leben in der Öffentlichkeit irgendwann nicht mehr aushielten. Prinzessin Diana. Daniel Küblböck. Prinz Harry und Herzogin Megan. Whitney Houston.

Die Macht der Öffentlichkeit ist ein zweischneidiges Schwert: Wer bekannt werden will, braucht Visibilität, und auch Britney Spears hat das Rampenlicht über viele Jahre gesucht, davon gelebt, damit viel Geld verdient. Gleichsam verdienten auch alle anderen Beteiligten an ihrem Erfolg: Die Medien, die Familie, die Paparazzi, die Fans, die Unternehmen. Und so muss sich jeder, der bekannt ist, automatisch irgendwann die Frage stellen: Kann ich dieser Person wirklich vertrauen? Geht es hier wirklich um mein eigenes Wohl?

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Sony BMG

Spears’ Vater erhält laut Gerichtsbeschluss 1,5 Prozent ihrer Einkünfte. Die Tochter zahlt nicht nur für sein Leben, sondern auch für seine und ihre Anwälte im Vormundschaftsprozess. Dass sie nie wieder über sich selbst bestimmen kann, ist finanziell profitabel.

Fans und Wegbegleiter entschuldigen sich nun öffentlich dafür, was Britney Spears, durch den Fleischwolf einer Medien- und Musikindustrie gedreht, angetan wurde. Dies, nachdem treue Fans über Monate minutiös jeden ihrer Posts analysierten. Aufwarfen, warum sie nicht mehr an die Öffentlichkeit tritt. Spekulierten, dass jemand ihre Accounts kontrolliert, sie gegen ihren Willen in eine Klinik eingeliefert wurde. Dabei war es für uns alle doch offensichtlich. Schon 2007.

But the show must go on.

Die Spears-Chroniken

Aufstieg und Fall eines Popstars


1998 – Baby one more Time

Die Single schlägt eine wie eine Bombe, das Video dazu markiert den Anfang einer steilen Karriere: Britney Spears trifft mit ihrer Rolle einer jungen Frau, die noch nicht erwachsen ist aber nicht mehr unschuldig, den Nerv einer ganzen Generation.


2001 – Auftritt mit Schlange        

Britney Spears legt bei den MTV Video Music Awards einen bleibenden Auftritt hin und performt zu «I’m A Slave 4 U» mit gelber Pythonschlange. 15 Jahre später äusserte sie sich dazu nochmals und meinte: Sie würde das nie wieder tun.


2003 – der Musen-Kuss  

Die Musikerin Madonna war Britney nicht nur Freundin, sondern auch Förderin. Die beiden küssten sich während ihres gemeinsamen Auftritts an den MTV Music Awards 2003 und sorgten damit für einen kleinen Skandal.


2007 – der Breakdown

Kurz, nachdem ihr das Sorgerecht für ihre Söhne entzogen wird, fährt Britney in einen Friseursalon und rasiert sich den Schädel. Dann folgen schlagartig Klinikaufenthalte, Vormundschaft, Dauerkontrolle ihres Lebens und ihrer Finanzen.