Kolumne

«Jung & Alt»: Wer gar nicht mehr weiss wohin mit sich, bucht eine Weinreise

Eine Weinreise buchen – machen nur wenige. (Symbolbild)

Eine Weinreise buchen – machen nur wenige. (Symbolbild)

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche schildert sie ihre Sicht auf den Pathos um Weingenuss.

Lieber Ludwig

Um es gleich am Anfang zu sagen, gegen anstossen hab ich nichts. Auch nicht gegen Wein. Aber ich bin bekennende Nicht-Wein-Kennerin. Denn wenig langweilt mich mehr als Leute, die sich mit Wein auskennen. Wer länger als 20 Minuten über Wein sprechen kann, hat einfach keinen Sex mehr.

Du hast deine Theorie zum Wein geäussert. Das Gleiche will ich auch tun. So wie ich das erlebe, haben Konsum und Status für ältere Menschen einen höheren Stellenwert. Und beide Bedürfnisse lassen sich durch Wein befriedigen.

Beginnen wir beim Banalen: Den Wein kann man konsumieren. Und, ich sag, wie’s ist, manches ist mit einem gepflegten Räuschlein einfach erträglicher.

Dann ist auch schon das Kaufen des Weins ein Happening. Weinhändler, Weingut, Weinmesse, Weinschiff. Und wenn man wirklich gar nicht mehr weiss wohin mit sich, dann macht man eine Weinreise. Rheinhessisches Hügelland, Piemont, Toskana.

Es wird sogar noch besser: Man kauft sich nicht nur Wein, sondern man kann auch seinem Wein gleich noch Sachen kaufen. Weingläser, Dekantierkaraffe, Weinthermometer oder einen Weinklimaschrank. Mit eingebautem Sichtfenster und beleuchtetem Innenraum, damit man den ganzen Tag seine wohltemperierten Weinflaschen anschauen kann.

Man definiert sich über Wein, zeigt, dass man Geschmack hat. Das ist für Leute wie mich recht nützlich. Anhand der Art, wie jemand über Wein spricht, kann ich die Person recht zuverlässig einer soziokulturellen Klasse zuordnen.

Ich weiss genau, was das für Leute sind, die sagen, für einen gelungenen Abend brauchten sie ein gutes Glas Wein und ein feines Stück Fleisch. Sie heissen Monika und Christian, sind länger verheiratet als nicht und haben sich auch sonst nichts mehr zu sagen. Darum der Wein, über irgendwas muss man ja sprechen. Und sonst ist man immerhin betrunken.

Insofern sind wir uns wohl einig: Wein gehört ab einem gewissen Alter dazu, taugt wunderbar zur Ersatzhandlung. Weil es lästig wäre, sich mit den wirklichen Problemen zu konfrontieren.

Du fragst, wozu wir Jungen unser Bier brauchen. Ja, Durst nach mehr hätten wir schon. Doch im Moment haben wir andere Probleme. Die Pandemie zieht wieder an und verstärkt ein Lebensgefühl, das viele von uns ohnehin schon kennen. Wir haben keinen Plan, wie wir durch das Heute kommen, und wissen gleichzeitig, dass das Morgen erst das ist, was richtig zäh wird.

Vielleicht war ich deshalb etwas zynisch mit der ganzen Weingeschichte. Du siehst mir das nach, ja? Wie ist das bei dir? Wird dein Leben auch grad wieder enger, erlebst du auch ein unangenehmes Déjà-vu?

Samantha

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