Umwelt
Ist die Natur erst ruiniert – lass sie sich selbst erholen

Milliarden werden ausgegeben, um leidende Ökosysteme wieder funktionsfähig zu machen. Erfolg ist nicht garantiert. Das besagt eine neue Studie.

christoph bopp
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Nicht immer sind Renaturierungen der effizienteste Weg für eine bessere Umwelt.

Nicht immer sind Renaturierungen der effizienteste Weg für eine bessere Umwelt.

Michel Lüthi

In Matthäus 8, 20 sagt Jesus zu einem Schriftgelehrten, der verspricht, ihm nachzufolgen, den rätselhaften Satz: «Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels haben Nester, der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.» Wenn man annimmt, dass Jesus von sich spricht und dem Schriftgelehrten warnend zu verstehen gibt, dass das kein angenehmes Leben sei, was er da vorhabe, erledigt sich der Fall. Wenn man aber annimmt, dass Jesus von den Menschen überhaupt spricht, für die es keinen «Ort» mehr gibt in der Natur, wo sie «hingehören», könnte sich eine Wahrheit drin verbergen.

Es ist kaum zu widerlegen: Der Mensch hat kein Ökosystem, in dem er «zu Hause» ist. Wo auch immer er lebt und was auch immer er macht, – und er ist in beiden Belangen sehr erfolgreich klar –, stört und beschädigt er die Natur. Wer fordert, dass der Mensch in Einklang mit der Natur lebe oder das irgendwann mal gekonnt habe, irrt – und zwar ziemlich gewaltig.

Viele Wiedergutmachungsversuche

Heute sind unübersehbar: kaputte Regenwälder durch Abholzung, verschmutzte Gewässer durch die Industrie, verschandelte Böden durch chemisch-maschinelle Landwirtschaft. Der Mensch ist durchaus auch darauf aufmerksam geworden. Hin und wieder sieht er ein, dass er zu weit gegangen ist, und versucht den Schaden wieder einigermassen gutzumachen. Beispiele gibt es auch schon viele. Und viele Versuche, beschädigte oder kaputte Ökosysteme zu reparieren, wurden auch wissenschaftlich begleitet. Professor Holly Jones von der Northern Illinois University hat zusammen mit Kollegen aus fünf Ländern eine Metastudie gemacht und rund 400 Studien einer Meta-Analyse unterworfen, die sich mit Restorationsversuchen an Ökosystemen beschäftigt haben. Die Studie erschien in den Proceedings of the Royal Society B.

Diese Metastudie lege nahe, sagt Professor Jones, dass «wenn die schädigenden Einflüsse mal gestoppt werden konnten, es meist am günstigsten war, wenn man die Ökosysteme sich selbst erholen liess». Natürlich soll die Wichtigkeit, dass man sich bemühe, die Natur wieder reparieren, nicht heruntergespielt werden, aber man könne sich besser überlegen, wo das Geld am zielführendsten eingesetzt werden könnte. Und das Ziel ist eher ein Notfall. Der Planet verliere an biologischer Vielfalt etwa das Tausendfache des Normalen. Es gibt natürliches Aussterben, aber das lässt sich offenbar getrost vernachlässigen.

Die Warnung des Forschers

Gefährlich wäre es indessen, dies mit einer «Einfach-mal-nichts-Machen»-Strategie zu verwechseln, warnt Jones. Das In-Ruhe-Lassen eines Ökosystems ist für den Menschen meist ein höchst anspruchsvolles Projekt. Da gibt es viele widerstrebendende Aktivitäten, die unterbunden werden müssen. Und es gibt auch viele Probleme, wo aktives Herangehen erforderlich ist. Bei einem Ölunfall sollte man alles unternehmen, um zu verhindern, dass die Fauna lokal völlig ausstirbt.

Dringend erforderlich, sagen die Studienautoren, wäre die Frage gezielter zu untersuchen, wo man mit viel Geld auch eine grosse Restorationswirkung bekommt. Oft ist es nicht ganz einfach, zwei Fälle zu vergleichen, wo nicht viel gemacht wurde oder wo viel investiert wurde. Tatsache bleibt, dass sich gestörte Ökosysteme nur sehr langsam erholen.