Ein lockerer Abend mit Freundinnen sollte es werden. Nun aber muss sich Claudia diesen hart verdienen. Auf der pinken Schleife über ihrer Schulter steht in grossen Buchstaben «Yes, I will». Im Haar trägt sie einen Reif mit Hasenohren und um ihren Hals baumelt ein überdimensionaler Dildo. Dabei hatte sie ihre Freundinnen vor dem Polterabend noch inständig gebeten: «Blamiert mich bloss nicht!»

Doch inzwischen hat die 29-jährige Pharma-Assistentin aus dem Mittelland schon ein paar Cüpli intus und findet es immer lustiger, von ihren Freundinnen in der offenen Limousine durch Stuttgart chauffiert zu werden.

Claudias Grüppchen ist an diesem Abend nicht alleine unterwegs, um den Moment an der Schwelle zu ihrem wichtigsten Lebensabschnitt zu feiern. Da sind Bräute mit Krönchen und Scheren in der Hand, die Männern das Etikett aus den Boxershorts schneiden müssen, oder Männer, die johlend nach Frauen jagen, denen sie Autogramme aufs Décolleté kritzeln. Polterabende gehören heute zur Hochzeitsvorbereitung wie der Kuss zur Trauung.

Nicht selten werden die Polterabende zu einem regelrechten Alkoholexzess. Gut möglich, dass sich die Feiernden hierfür von der Komödie «Hangover» (2009) inspirieren lassen. In diesem Film machen sich drei Männer nach Las Vegas auf, um einen Freund in die Ehe zu verabschieden. Das Ganze läuft ziemlich aus dem Ruder. Trotzdem scheinen die vier die beste Zeit ihres Lebens zu haben, von der sie noch lange reden werden.

Budapest oder Bratislava?

Der Polterabend ist zu einem Phänomen geworden, mit dem sich mittlerweile sogar schon Wissenschafter beschäftigen. Wie zum Beispiel Andrea Graf, die an der Universität Regensburg über den Wandel des Junggesellenabschieds forscht. Sie hat dazu fast hundert junge Ehepaare befragt. «Heute feiern die Leute anders», sagt die Kulturwissenschafterin, «deshalb kommt es uns auch vor, als ob es immer mehr Junggesellenabschiede gäbe.» Heute, wo die Feiern zuweilen karnevaleske Züge angenommen haben, sind sie auch auf die Kommunikation mit Passanten angewiesen. Da ist der Rahmen in der Stammkneipe zu eng. «Deshalb fahren die Gruppen dahin, wo etwas los ist», erklärt Graf.

Ein letztes Mal so richtig feiern, «ein letztes Mal die Sau rauslassen» – solche Sätze hört Andrea Graf oft bei ihren Interviews. «Reine Konstruktion», sagt sie dazu. Schliesslich würden sich die Paare meist schon seit Jahren kennen. «Sie wissen genau, was in der Ehe auf sie zukommt.» Allerdings stellt die Kulturwissenschafterin geschlechtsspezifische Unterschiede fest, was die Feier angeht. «Bei den Frauen muss alles bis ins Detail perfekt organisiert sein, bei den Männern geht es etwas spontaner zu, da steht der Spass im Vordergrund.»

Kein Wunder hat das inflationäre Auftauchen des Polterabend-Brauchs einen ganz neuen Wirtschaftszweig generiert – nicht nur in den angelsächsischen Ländern, wo die Hen- und Stag-Partys zum festen Feierritual gehören, sondern auch in der Schweiz. Schliesslich ist die Zielgruppe solvent. Man heiratet später, verdient genügend Geld und Kinder sind auch noch keine da.

Davon profitieren Agenturen, die auf die Organisation von Polterabenden spezialisiert sind. «Pissup» der beiden Dänen Rasmus Christiansen und Mads Thorsdal ist eine davon. Die Agentur mit Geschäftssitz im Tessin ist nicht nur auf Polterabend-Arrangements für Männer spezialisiert, sondern vor allem auf Polterabend-Reisen. «Die Schweizer gehören mittlerweile zu unseren besten Kunden», berichtet Rasmus Christiansen. Sie geben durchschnittlich rund 350 bis 400 Euro pro Person aus und reisen vorzugsweise nach Budapest, Prag, Bratislava oder Barcelona. Das Konzept, für den Polterabend in eine andere Stadt zu verreisen, sei in der Schweiz noch relativ neu, mit Zuwachszahlen von jährlich 50 Prozent. Paintball, Stunt-Flüge, Rafting oder Maschinengewehr-Schiessen – alles ist möglich. Der Nachschub an Flüssigkeit ist garantiert und «natürlich dürfen eine Stripshow oder ein Lapdance für den Bräutigam nicht fehlen».

Es seien genau diese gemeinsamen Erlebnisse, die zählen und die zusammenschweissten, meint Andrea Graf. Für die Forscherin machen die Polterabende aber noch aus einem anderen Grund Sinn: «Es ist ein Schwellenritual, mit dem man den Schritt in einen neuen Lebensabschnitt feiern will – wie die Hochzeit, den 30. Geburtstag oder die Matura. Sie strukturieren das eigene Leben.» Diese erwachte Sehnsucht nach einer grossen Abschiedsparty sieht Trendforscher Peter Wippermann vor allem darin verankert, dass viele junge Leute wieder nach Bürgerlichkeit strebten, weil diese ihnen Sicherheit suggeriere.

Muss es denn so peinlich sein?

Doch Graf sieht bereits eine Weiterentwicklung des Phänomens. «Viele wollen durch die Trinkerei, Verkleidung und Blödelspiele nicht mehr zum Ärgernis in der Öffentlichkeit werden und ziehen einen individuelleren Anlass wie eine Radtour oder einen Styling-Abend vor.»

Das hätte auch Claudia lieber gehabt. Unvergesslich soll der Anlass sein – und nicht peinlich. Solche Polterabende können zum Beispiel bei «Kochen & Mehr» gebucht werden, wo Brigitte Graf-Herde aus Seon individuell zugeschnittene Kochkurse anbietet, oder bei Danae Loucatos’ Unternehmen Holterpolter in Zürich. Langweilig muss das nicht sein, aber ohne Alkohol und Klischees gehts auch hier nicht ganz. Bei Holterpolter etwa können die Männer Würste herstellen oder in einer Bar Drinks mixen, die Frauen lernen Burlesque-Tanzen oder erhalten einen Blowjob-Kurs. «Das ist keineswegs schmuddelig», betont Danae Loucatos. «Die Zeiten, in denen man seine Kollegen in peinliche Kostüme steckte und sie mittels primitiver Spielchen vorführte, sind aber definitiv vorbei.»