Sozialpsychologie
Ist das eigene Weltbild unveränderbar?

Darum deuten wir Fakten um und machen uns die Welt, wie sie uns gerade gefällt.

Nadine Zeller
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Alles muss in unser Raster passen.

Alles muss in unser Raster passen.

Sie waren überzeugt, dass die Welt untergehen wird. Also bereiteten sich die Mitglieder einer amerikanischen Weltuntergangssekte in Wisconsin mehrere Wochen auf den Abschied vor. Das Szenario sah eine Flutwelle biblischen Ausmasses vor, der man nur auf fliegenden Untertassen entkommen konnte.

Dann kam der Tag. Und es passierte: nichts. Mit diesem guten Ausgang hatte der amerikanische Sozialpsychologe Leon Festinger natürlich gerechnet. Aber ihn interessierte nicht das apokalyptische Gebaren durchgeknallter Sektierer, sondern eine andere Frage: Was passiert mit der Sekte, wenn der Tag X verstreicht und die Welt noch steht? Wie reagieren Menschen, deren Glaube und Überzeugungen widerlegt werden? Die Antwort interessierte Festinger und sein Forscherteam so sehr, dass er sich als Sektenmitglied einschleuste und die Gruppe monatelang begleitete.

Die Realität umdeuten, eigene Fakten bilden – man könnte meinen, die Geschichte wäre in diesem so grotesken Jahr 2016 passiert. Aber sie ist fast sechzig Jahre her. Denn solches Verhalten ist menschlich. Nicht nur Sektenmitglieder verteidigen ihre Weltsicht auf Kosten ihrer Realitätswahrnehmung. Wir alle tun es. Es ist ein verbreitetes Phänomen, neue ungeliebte Information abzuwehren und nur jene zuzulassen, die in das eigene Weltbild passen.

Gefühle statt Fakten

Überall ist mittlerweile vom Zeitalter der postfaktischen Politik die Rede. Der Ausdruck wurde vom amerikanischen «Post-truth-Politics»-Begriff abgeleitet. Dieser beschreibt eine Politik, die weniger von Fakten, als von Gefühlen geleitet ist. Journalisten der «Washington Post» und der «Los Angeles Times» nutzten ihn, um die Präsidentschaftskampagne von Donald Trump zu beschreiben. Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürte den Begriff «postfaktisch» zum Wort des Jahres. Doch ist die Tendenz, nur das zu sehen, was man will, wirklich so neu? Der Begriff «postfaktisch» suggeriert, dass es eine Zeit gab, in der die Welt einzig auf Fakten aufbaute.

Sozialpsychologen wie Festinger aber beobachteten bereits in den 50er-Jahren, dass Menschen dazu neigten, sich die Realität grosszügig zurechtzubasteln. Auf Basis verschiedener Sozialexperimente – das Begleiten der Weltuntergangssekte –, entwickelte er die Dissonanztheorie. Sie gilt bis heute als eine der einflussreichsten Theorien der Sozialpsychologie. Demnach verspüren Menschen ein unangenehmes Gefühl der inneren Anspannung, wenn mindestens zwei kognitive Inhalte – also Überzeugungen, Verhaltensweisen oder Beobachtungen – nicht miteinander vereinbar sind.

Strategien für die heile Welt

Im Fall der Weltuntergangssekte kollidiert der Glaube an den Untergang der Welt mit der schwer widerlegbaren Beobachtung, dass sie noch steht. Die daraus resultierende Irritation glichen die Sektenmitglieder aus, indem sie den Fortbestand der Welt auf ihre Gebete zurückführten. So blieb ihr Weltbild in sich schlüssig.

Festinger entwickelte im Laufe seiner Forschungen eine Übersicht der Strategien, um den Widerspruch zwischen zwei sich ausschliessenden Beobachtungen aufzulösen. Demnach gibt es fünf Möglichkeiten, Dissonanz abzubauen. Ein Beispiel: Ich beobachte erstens, dass ich oft ungeschützt in der Sonne liege. Zweitens weiss ich aber, dass UV-Strahlung meiner Gesundheit schadet. Eine Person, die diesem Widerspruch ausgesetzt ist, könnte das Problem lösen, indem sie aufhört, in der Sonne zu liegen oder sich mit hohem Sonnenschutzfaktor eincremt. Nicht selten lösen Menschen innere Spannungen jedoch durch Ausreden oder Scheinlösungen.

Erstens, indem sie Argumente sammeln, die das Sonnenbad unterstützen – also beispielsweise darauf verweisen, dass Sonnenbräune gesund wirke. Zweitens, indem sie Informationen ignorieren, die zeigen, dass UV-Strahlung krebsfördernd ist. Drittens, indem sie anderes in den Vordergrund stellen, das das persönliche Gesundheitsbewusstsein stärkt. Beispielsweise: «Ich liege zwar ungeschützt in der Sonne, aber ich rauche nicht und treibe viel Sport.» Viertens, indem sie die Wichtigkeit jener Überzeugungen erhöhen, die ihr Verhalten schlüssig erscheinen lässt: «Langes Sonnenbaden ist zwar ungesund, aber wichtiger als die Gesundheit ist mir, dass ich mich wohlfühle.» Fünftens, indem sie Informationen verharmlosen oder infrage stellen, die ihrer Überzeugung widersprechen. Beispiel: «Ich glaube der medizinischen Forschung nicht.»

Das Leben in den Echokammern

Diese Rechtfertigungsstrategien lassen sich in vielen gesellschaftlichen Debatten beobachten. Die sozialen Medien tragen ihren Teil zur Verschärfung dieser Irrationalität bei, da sie die selektive Informationssuche begünstigen. Will man eine Bestätigung dafür, dass Sonnenbaden gesund ist, gibt man einfach «Sonnenbaden gesund» in den Browser ein.

Auch Netzwerke wie Facebook basieren auf Gruppenbildung und Vertrautheit und kreieren, was man inzwischen eine «Filter Bubble» nennt: In der eigenen Timeline fliessen Inhalte ein, die uns sowieso interessieren und uns in unserer Weltsicht bestätigen. Gegenteilige Ansichten tauchen erst gar nicht auf. In diesen viel beschworenen Filterblasen oder Echokammern lässt es sich bequem fernab von korrigierenden Ansichten leben.

So menschlich dieses Verhalten ist, so gefährlich kann es sein. Sozialpsychologe Johannes Ullrich von der Universität Zürich bleibt dennoch gelassen: «Es fällt Menschen einfach schwer, jedes Mal aufs Neue zu verarbeiten, dass es Ausnahmen gibt. Es ist anstrengend, alles zu hinterfragen. Weil wir uns dann ständig selbst hinterfragen müssten», sagt Ullrich. Eine einfache Weltsicht helfe uns, die aus der Dissonanz resultierende Spannung zu reduzieren. Das sei per se nichts Böses. Es sei menschlich und schone unsere kognitiven Ressourcen.

Kann man es Menschen nicht dennoch zumuten, dass sie ihre Denkmuster hinterfragen? «Das kommt darauf an, welches Selbstwertgefühl sie haben. Viele Menschen stürzt es in eine kleinere Identitätskrise, wenn sie auf offensichtliche Widersprüche hingewiesen werden», sagt Ullrich. Machten Menschen im Laufe ihres Lebens die Erfahrung, dass sie geschätzt und respektiert würden, auch wenn sie eine gegenteilige Meinung verträten, bereiten offenkundige Widersprüche diesen Menschen weniger Angst. Umgekehrt könnten diese auch grosszügiger gegenüber abweichenden Meinungen sein.

Schwierig zu ändern

Gleichzeitig warnt Ullrich davor, das Gegenüber aus Wut über dessen scheinbar irrationale Ansichten abzuwerten. «Wenn Sie einen Menschen mit einer politisch radikal ausgerichteten Denkweise, ein Sektenmitglied oder einen Impfgegner nicht überzeugen können, sollten Sie nicht krampfhaft versuchen, ihn oder sie auf die andere Seite zu ziehen», erklärt der Wissenschafter. Überzeugungen entstünden oft über Jahre hinweg und seien stark mit der Identität des Gegenübers verbunden. Das lasse sich nicht einfach mal kurz während einer abendlichen Unterhaltung ablegen. Vielmehr gelte es, sich klar zu positionieren und vorzuleben, dass Vielfalt geschätzt werde.

Die Tendenz zu klaren Denkmustern hat es schon immer gegeben: «Wir gegen das Establishment», «Wir gegen Ausländer» oder «Wir gegen die Lügenpresse». Empörung angesichts dieses Schwarz-Weiss-Denkens führt zu nichts. Auch der Ärger über die sozialen Medien ist nicht zielführend. Auch wenn es heute einfacher ist, mit einer Einzelmeinung die Masse zu erreichen, bedeutet es nicht, dass die Menschen früher vernünftiger und differenzierter gewesen sind.

Vielmehr gilt es jetzt jene Konflikte, die durch Digitalisierung entstehen, anzunehmen und Kulturtechniken zu entwickeln, die uns einen angemessenen Umgang damit ermöglichen. Es braucht weitere Studien, in denen der Echokammer-Effekt der sozialen Medien untersucht wird. Allein mit dem Begriff «postfaktisch» zu hantieren und anzudeuten, dass früher alles besser war, bringt wenig.

Auch Festinger musste damals mit anschauen, wie die Weltuntergangssekte nach der ausgebliebenen Apokalypse noch mehr Zulauf verbuchte. Doch statt sie der Irrationalität zu bezichtigen, versuchte er, ihr Verhalten zu verstehen. Das muss man aushalten können. Fakten anzuerkennen, bedeutet, im Zweifel eben auch anzuerkennen, dass es Menschen gibt, die auf fliegenden Untertassen der Apokalypse entgehen wollen. Mit Argumenten entgegenzuhalten, kann nicht schaden. Ein bisschen Gelassenheit auch nicht.

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