Interview
Keine Lust auf Sex und Hexennase: Autorin Michèle Roten schreibt über ihren Körper

Die Autorin Michèle Roten seziert in ihrem neuen Buch schonungslos ihren eigenen Körper, von zu dicken Oberschenkel bis zur operierte Nase und erklärt was das mit Feminismus zu tun haben könnte.

Katja Fischer De Santi
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Michèle Roten: «Ich kann mir die Nase operieren, und wenn jemand findet, ich sei deswegen eine Tussi und keine richtige Feministin mehr, dann ist mir das egal»

Michèle Roten: «Ich kann mir die Nase operieren, und wenn jemand findet, ich sei deswegen eine Tussi und keine richtige Feministin mehr, dann ist mir das egal»

Bild: Tom Haller

Sie hat es wieder getan. Die ehemalige «Magazin»-Kolumnistin und Vorbild vieler Schweizer Neofeministinnen ­Michèle Roten hat ihr drittes Buch über sich selbst geschrieben. Noch schonungsloser und intimer als die letzten beiden. Ging es vorher ums Frausein und drei Jahre später ums Muttersein, seziert sie nun mit 42 Jahren ihren eigenen Körper, von den Füssen bis zur operierten Nase. Radikal subjektiv und voller Widersprüche, erzählt die Journa­listin von ihrer überwundenen Magersucht und Depressionen genauso wie von Berührungsängsten und der Geburt ihres Sohnes, die sie bis heute wütend macht, weil sie sich nicht daran erinnert. Entstanden ist eine Auto­autopsie, die so durchschnittlich weiblich ist, dass es zuweilen beim Lesen schmerzt. Und man fragt sich, ob das der normale Wahnsinn eines jeden Frauenkörpers ist.

Fangen wir gleich dort an, wo es wehtut. Sie haben Ihre Nase operiert. Dürfen Sie sich jetzt noch Feministin nennen?

Michèle Roten: In den Augen einiger bestimmt nicht mehr. Ich finde aber, jede und jeder soll tun und lassen können mit ihrem oder seinem Körper, was er oder sie will. Früher durfte man als Feministin nicht einmal einen Lippenstift tragen, das ist doch genauso krank. Diese Nase war immer eine Art Fremdkörper, ihr Design hat mir nie gefallen, wie ein Haushaltsobjekt, das man immer mal wieder anschaut und denkt: Schön ist das nicht.

Zur Person

Ihre «Miss Universum»-Kolumnen hatten bis 2011 Kultcharakter, so ehrlich und präzis analysierte Michèle Roten das Leben und Leiden ihrer Generation. Es folgten zwei sehr persönliche Bestseller-Bücher, «Wie Frau sein» (2011) und «Wie Mutter sein» (2013), und der Rückzug aus dem Journalismus. Die heute 42-Jährige eröffnete einen Secondhand-Laden in Zürich, hat ein Theaterstück, arbeitet für eine Werbeagentur. Nun erscheint «Wie mit (m)einem Körper leben», Echtzeit-Verlag. 

Hätten andere Menschen Ihre Nase aber nicht negativ bewertet, hätten Sie sich daran nicht gestört.

Ja, das ist das Dilemma. Ich wäre gern so unabhängig von äusseren Bewertungen, dass ich meine Nase einfach schön hätte finden können, aber ich musste all den Kindern, die so herzallerliebst ehrlich waren, leider beipflichten: Stimmt, die Nase hat etwas Hexiges. Bei anderen Menschen finde ich komische Nasen super, bei mir leider nicht. Es war auch eine Befreiung, festzustellen, dass ich mit 42 Jahren einfach selbstbewusst und gelassen genug bin zu sagen, ich kann mir die Nase operieren, und wenn jemand findet, ich sei deswegen eine Tussi und keine richtige Feministin mehr, dann ist mir das egal.

An diesem Widerspruch arbeiten Sie sich gerade ab?

Nicht nur ich, meine ganze Generation. Es geht darum, dass sich ein gesellschaftliches Ideal in meinen Kopf gefressen hat, obwohl ich mich sehr bewusst mit solchen Themen beschäftige und ausserdem sogar zu denen gehöre, die fast schon dem «Ideal» entsprechen. Einerseits soll ich alles an mir gut und schön finden, um eine starke Frau und eine gute Feministin zu sein. Andererseits ist das einfach nicht so, ich finde nicht alles an mir super. Da sind mächtige Mechanismen am Werk. Allein das zu akzeptieren, ist schon eine Leistung.

Michèle Roten, Journalistin und Autorin

Michèle Roten, Journalistin und Autorin

Tom Haller

Haben Sie wieder ein feministisches Buch geschrieben?

Das kann man so sehen, wenn man will, muss man aber nicht. Ich hatte den Gedanken zumindest nicht explizit. Vielleicht denken die Leserinnen auch, dass ein Körperbuch von mir gar nicht feministisch sein kann, weil ich mir ja die Nase operieren lies. Das stört mich nicht sonderlich, ich habe keine Mission, ausser vielleicht, dass ich finde, wir sollten ehrlicher über unser Dasein sprechen – und durch Ehrlichkeit können sich Dinge verändern. Es ist ganz sicher keine Kampfschrift, es ist eine Bestandesaufnahme meines, wie ich glaube, sehr durchschnittlichen Körpers und der Geschichten, die mit ihm verbunden sind.

Eines normalen, gesunden und weissen, also sehr privilegierten Körpers. Ist das der richtige Moment für ein solches Buch?

Über welchen Körper soll ich denn schreiben ausser meinen eigenen, der zufälligerweise sehr durchschnittlich und privilegiert ist? Ich habe nur diese Erfahrung, und ich gebe sie ehrlich preis. Allein das kann ich. Soll ich nicht darüber schreiben, weil ich zu wenig benachteiligt bin? Das kann ich nicht akzeptieren. Jede Körpergeschichte ist individuell und universal zu gleich. Es ist mein Versuch, das Gespräch über all unsere Körper in Gang zu bringen.

Was für eine Beziehung haben Sie zu Ihrem Körper?

Er ist ein guter Kumpel. Er funktioniert ziemlich tadellos, ist sehr wartungsarm und hat immer alles mitgemacht. Langsam wird mir bewusst, dass das nicht selbstverständlich ist, dass ich mich mehr kümmern müsste und vor allem, dass er ein Eigenleben führt, wie es nur Frauenkörper tun.

Wie meinen Sie das?

Frauenkörper verändern sich dauernd und haben dadurch einen oft unterschätzten Einfluss auf unser Leben. Plötzlich wachsen Brüste, blutet es zwischen den Beinen. Ab da ist es eine monatliche hormonelle Achterbahn, gar nicht zu reden von Schwangerschaft und Geburt, was da abgeht, ist unfassbar, selbst die Schuhgrösse verändert sich bei vielen Frauen danach. Kaum ist das überstanden, kommt die Cellulite und geht die Spannkraft und hallo, Menopause. Und bei den Männern? Da tut sich doch gefühlt bis 60 gar nichts, ausser dass sie nachts plötzlich aufs Klo müssen. Fair ist das nicht.

Haben Männerkörper weniger zu erzählen?

Es ist geradezu ein männliches Narrativ, den eigenen Zerfall literarisch zu bejammern. Zig, auch gute Bücher gibt es darüber. Ich erinnere mich aber nicht, dass darin je von einem gesellschaftlichen Druck und einem gesellschaftlichen Blick auf den männlichen Körper die Rede war. Und auch wenn dieser Druck gerade steigt, es ist nicht zu vergleichen mit der Überfrachtung des weiblichen Körpers, die sich seit Jahrhunderten aufgestaut hat.

Cover des Buchs "Wie mit (m)einem Körper leben?" von Michèle Roten

Cover des Buchs "Wie mit (m)einem Körper leben?" von Michèle Roten

Echtzeit Verlag

Wie schlimm ist das Älterwerden für Sie?

Es ist ein Schock, bestehend aus lauter kleinen Schockmomenten, wie ein Blick in den Spiegel, ein unvorteilhaftes Foto, das man ansieht und realisiert, fuck, jetzt hat es auch mich erwischt. Dabei ist man seelisch immer noch die Alte, also Junge.

Wenn wir gerade bei der Seele oder der Psyche sind: Auch da haben Sie einiges zu erzählen. Sie leiden an Depressionen.

Ich leide eben nicht mehr daran, seit ich Medikamente dagegen nehme.

Darum erwähnen Sie es im Buch nur so kurz?

Ja, ich habe und musste mich damit beschäftigen, zwangsläufig in den Therapien, die mir nicht geholfen haben. Jetzt will ich mich nicht mehr damit beschäftigen. Aber auch hier gibt es wieder eine soziale Erwartung, Medikamente werden nicht als Lösung akzeptiert. Warum nicht, wenn es mir hilft?

Auch ihre Magersucht in jungen Jahren handeln Sie wie eine Episode ab. Marginalisieren Sie diese Themen damit nicht?

Das läge mir fern, aber bei mir war es wirklich eine Episode, aus der ich recht schnell wieder herauskam. Es geht mir auch darum, zu zeigen, dass psychische Krankheiten zu vielen – nicht nur weiblichen – Körpern dazugehören, aber ich sehe mich deswegen nicht als Opfer der Gesellschaft, mache nicht «das System» dafür verantwortlich. Ich bin aus einer Kontrollsucht heraus in die Magersucht hineingerutscht und nicht aus Eitelkeit und nicht weil ich zu viele dünne Models gesehen hätte.

Ein Thema klammern Sie komplett aus: Sex. Gehört er nicht zu einem weiblichen Körper?

Doch, aber momentan nicht zu meinem. Ich habe und will momentan keinen Sex in meinem Leben. Also wollte ich darüber auch nicht schreiben. Zudem habe ich in meinen 20er-Jahren mehr als genug über Sex geschrieben.

Gewollt sexlos zu sein, das ist auch ein Tabu, darüber müssten Sie unbedingt schreiben.

Ja, ich weiss, es wird mir auch einfach nicht geglaubt, dass ich keinen Leidensdruck deswegen habe. Klar, Sex kann grossartig sein, oft ist er aber einfach schlecht, erzwungen und anstrengend. Ich kann gerade sehr gut darauf verzichten. Es geht mir gut ohne, auch ohne Mann gerade. Ich wollte dieses Thema aber nicht im Buch haben.

Gibt es ein Fazit aus dem Buch?

Es klingt etwas abgedroschen: Hör auf deinen Körper, wenn sich etwas nicht gut anfühlt, dann ist es auch nicht gut für dich, lass dir nicht das Gegenteil einreden. Lass dir gar nichts einreden, das wäre das Allerbeste. Dein Körper gehört dir allein.

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