Instagram-Serie
Sophie Scholl und ich

Wieder einmal soll Geschichte «erlebbar» gemacht werden. Wir haben es versucht mit dem «Reduit». Da war ein bisschen Heroismus dabei. Harmloser Heroismus. Das Projekt, die letzten Monate der Sophie Scholl (sie wurde 1943 hingerichtet) auf Instagram zu inszenieren, ist anspruchsvoller.

Christoph Bopp
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Was, wenn Sophie Scholl Instagram gehabt hätte? Die erste Antwort, die einem einfällt: Dann hätte sie kaum etwas von sich gepostet. Nicht Sophie Scholl. Und die erste Antwort ist natürlich gleich unangemessen. Denn die Instagram-Serie über die letzten Monate im Leben der Sophie Scholl (@ichbinsophiescholl) von SWR und BR ist – da gibt es kaum Zweifel, auch wenn man noch nicht viel gesehen hat, – sorgfältig gemacht und gut gemeint. Und deshalb sollte man nicht herummäkeln, was denn das jetzt wieder soll und überhaupt.

Denn den Brauch des Reenactement gibt es doch schon länger. Bis jetzt wurden allerdings lieber Schlachten («Auf sie, mit Gebrüll!») nachgestellt, die nicht aus dem Gedächtnis der Nation verschwinden sollten. Es ging um ein Ereignis, ein kollektives und möglichst an einem Tag.

Warum das wichtig ist? Weil es im Fall von Sophie Scholl um einen Prozess geht. In der Zeit und individuell. Und wird deshalb ganz anders erinnert werden müssen als ein Handgemenge. Natürlich wird am Ende auch ein Ereignis stehen. Vielleicht die Verhaftung durch die Gestapo, vielleicht der Prozess vor dem Volksgerichtshof, vielleicht der Abschied von den Eltern, vielleicht der Tod.

Der Fiktionalisierungsprozess ist nicht hintergehbar

Als Teilnehmer an der Schlacht von Waterloo im Jahr 2015 weiss ich, dass ich eine Rolle spiele, dass ich an einem fingierten Spektakel teilnehme. Natürlich bin ich gegen Napoleon und für Wellington – oder von mir aus umgekehrt. Aber der Fiktionalisierungsprozess ist abgeschlossen. Wir spielen Waterloo.

Büste von Sophie Scholl.

Büste von Sophie Scholl.

Wikipedia

Mit Sophie Scholl spielen wir nicht Widerstand. Natürlich gibt es den Aspekt von Räuber-und-Poli mit der Gestapo. Aber das ist nicht das Wesentliche. Der Kern, um den sich alles dreht, ist Sinn. Man kann über Sophie Scholl und ihre Biographie vieles sagen und noch mehr denken. Aber was trotz aller Ikonenmalerei und Verklärung offen zutage tritt, ist zweifellos, dass hier ein Handeln seinen Sinn gefunden hat. Das klingt vielleicht gross und nach viel, ist es aber nicht unbedingt. Denn am Lauf der Ereignisse und ihrer Einschätzung ändert es nichts. Natürlich hofft man im Angesicht des Todes darauf, dass es nicht folgenlos bleiben wird. «Sagt es weiter,» bitten die Verurteilten die Angehörigen. Vielleicht liegt der Sinn darin, dass die Botschaft weitergetragen wird. Aber das würde die Mitglieder der Weissen Rose zu Märtyrern machen. Und der Sinn einer Sache, der erst zu einem wird, wenn man dafür gestorben ist, das war es hier nicht.

Inge Aicher-Scholl (1917-1998).

Inge Aicher-Scholl (1917-1998).

Rolf Haid/dpa

Jetzt muss es hier ein bisschen autobiographisch werden. Geboren 1956 und aufgewachsen ohne Fernseher war die Weisse Rose immer präsent. Durch das Buch mit diesem Titel, das die Schwester Inge Aicher-Scholl 1947 geschrieben hatte. Es kam 1952 heraus und wurde mehrmals neu aufgelegt. Die Schwester hatte hier nicht nur der eigentlich eher lose assoziierten Gruppe mehr als nur einen Namen verpasst, sondern auch den Geschwistern Hans und Sophie Scholl eine Rolle zugeschrieben, die sie nie gespielt hatten. Das Buch trennt die Nachgeborenen in der dritten Generation noch immer.

Zwei Formulierungen sind es, die im Gedächtnis hängen geblieben sind. «Gelt, Sophie – Jesus!» Das soll die Mutter der Tochter nachgerufen haben. So schreibt es wenigstens die Schwester, die nicht dabei war. Und die Antwort von Sophie Scholl an ihre Mutter: «Ja, aber du auch!» Inge Aicher-Scholl wechselte von glühender NS-Anbetung bis weit in den Krieg hinein nach Kriegsende in den Katholizismus. Es dürfte andere ähnliche Formulierungen geben. Sie hinterlassen im Leser das Gefühl von etwas Forciertem, Gezwungenen. Natürlich spielte der christliche Glaube in der Gruppe eine wichtige Rolle. Aber muss da eine Heilsgeschichte ablaufen?

Der NS-Staat war zwar böse, aber forderte nicht automatisch den Widerstand gegen ihn heraus

Die andere Formulierung entstammt der Beschreibung, wie der Hausmeister der Universität München die Geschwister ertappt, als sie die Flugblätter in den Lichthof hinunter regnen lassen. «Zwei Augen», schreibt Inge Aicher-Scholl, seien dabei gewesen: «Sie hatten sich von ihrem Besitzer gelöst und waren zu Werkzeugen des NS-Staates geworden.» Der Hausmeister verständigte die Gestapo und arretierte die Geschwister.

Abgesehen davon, dass es so nicht stimmt – der Hausmeister liess sich ein paar Tage nach der Hinrichtung von Alexander Schmorell, Hans und Sophie Scholl bei einer Manifestation regimetreuer Studenten feiern, – hinterlässt die Beschreibung den Eindruck, der Protest der Studierenden hätte sich gegen einen unpersönlichen Staatsapparat gerichtet. So war es nicht. Widerstand im Nationalsozialismus das war nicht der Kampf gegen einen bösen Drachen, sondern richtete sich gegen Menschen und Institutionen, mit denen man lange gelebt hatte.

Aber die Art und Weise, wie Inge Aicher-Scholl diesen Widerstand in ihrem Buch inszeniert hat, stellt an den jungen Leser, den ich damals war, unaufhörlich die Frage: Und du, was hättest du gemacht? Es ist die moralische Frage. Sie dreht sich um Schweigen und Abwenden oder Hingehen und Handeln. Die ewige Frage: Auf die innere Stimme des Gewissens hören oder sie zum Schweigen bringen? Stärke zeigen oder Opportunismus?

Wir wussten, dass das Nazi-Reich grausam und böse war. Dass es einen Weltkrieg entfesselt und Völkermord verübt hat. Dass es unsägliche Grausamkeiten begangen hat. Das Unrecht war mit Händen zu greifen und glasklar zu sehen. Den mürrisch dreinblickenden Hitler mit seinem Schnäuzchen und den brüllenden Goebbels nahm man allerdings unweigerlich ein bisschen als Slapstick-Gestalten wahr. Aber die bedrückenden Schwarz-Weiss-Bilder aus den KZ- und Vernichtungslagern waren ebenfalls präsent. Und der Jugendroman «Damals war es Friedrich» von Hans Peter Richter hinterliess gar noch mehr Beklemmung als «Das Tagebuch der Anne Frank».

Widerstand gepaart mit Klarsicht

Der Eindruck liess sich auf jeden Fall immer weniger abweisen, dass man sich wahrscheinlich moralisch kaum bewährt, sondern eher versagt hätte. Diese jungen Leute hingegen bewiesen Mut gepaart mit einer Klarsicht, die leicht als Fatalismus missdeutet werden kann. Warum hatte Hans Scholl einen Flugblatt-Entwurf von Christoph Probst bei sich? Warum die tollkühne Idee, noch einmal in den ersten Stock hinaufzugehen und die restlichen Flugblätter hinunterregnen zu lassen? Hätten sie die Universität verlassen, wären sie nicht angehalten worden.

Warum es so gekommen ist, wissen wir nicht. Inge Aicher-Scholl lässt Sophie zur Mutter sagen: «Das wird Wellen schlagen.» Dass sie gesagt haben soll: «Wir haben alles, alles, auf uns genommen.», glaube ich nicht. Sophie Scholl wollte sich nicht als Märtyrer inszenieren. Das wäre für sie eine Art Ausflucht, ein Ausweg, gewesen. Der letzte Schritt einer Mission, deren Drehbuch bereits ein anderer geschrieben hatte. Das war nicht Sophie Scholl. Der Gestapo-Beamte erzählte nach dem Krieg, dass Sophie bei der Vernehmung damit gerechnet hätte, gefoltert zu werden. Und erzählte, dass er geschockt gewesen sei, ein bisschen, als sie ihn fragte, ob sie jetzt gehängt oder geköpft werde. Und ob ihr Bruder Hans als Soldat damit rechnen könne, erschossen zu werden.

Historische Detailtreue kann das Wesentliche nicht bringen

Und das ist das Gefährliche am Instagram-Projekt. Es muss schlüssig aussehen – und droht deshalb billig und falsch zu werden. Ähnliches haben wir erlebt, als am Schweizer Fernsehen das Reduit inszeniert wurde. Es konnte historisch so detailgetreu nachvollzogen werden, wie es besser nicht möglich sein könnte. Aber das Gefühl fehlte. Damals war es ein Gefühl der allseitigen Bedrohung. Bei Sophie Scholl wird es etwas Ähnliches sein. Etwas, das man nicht in eine Serie hineininszenieren kann. Das ist das Ergebnis einer nicht hintergehbaren Fiktionalisierung.

Wie verhält man sich angesichts totalitärer Gewalt? Es wird wieder Unrechtregimes geben, welche die Frage der moralischen Bewährung in actu aufwerfen werden. Sie werden anders sein. Nicht so grobschlächtig brutal wie das Nazi-Reich. Vielleicht subtil überwachend, eher wie Orwells «1984». Vielleicht werden die Chancen besser sein, dass man sich moralisch bewähren und sich selber treu werden oder bleiben kann. Dabei hilft uns allerdings die Instagram-Serie nicht viel. Weil es eben völlig anders sein wird.