In Tansanias Selous-Reservat wird ein gigantischer Staudamm gebaut

Eines der grössten Schutzgebiete der Erde soll überbaut werden. Der Staudamm soll ausgerechnet am Oberlauf des Flusses errichtet werden, wo besonders viele Tier- und Pflanzenarten leben.

Win Schumacher
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Die Bagger sind im Selous-Reservat schon aufgefahren. Das schadet nicht nur den Wildtieren sondern auch dem Tourismus. (Bild: Win Schumacher)

Die Bagger sind im Selous-Reservat schon aufgefahren. Das schadet nicht nur den Wildtieren sondern auch dem Tourismus. (Bild: Win Schumacher)

Die Planierraupen sind schon da. Eine dichte Staubwolke wabert über das Selous-Wildreservat in Tansania. Aus sicherer Entfernung sieht eine Giraffe zu, wie Bulldozer einen Erdhaufen nach dem anderen auftürmen, mitten im grössten Schutzgebiet Ostafrikas. Ein Staudamm soll nicht weit von hier bald schon über die Savanne ragen, zwanzig mal höher als ein ausgewachsener Giraffenbulle.

700 Meter breit soll die Staumauer werden, mit der Tansanias zunehmend autokratisch herrschender Präsident John Magufuli den Rufiji-Fluss, die Lebensader des Reservats, zum Kraftwerk umfunktionieren will. Mit etwa 130 Metern Höhe wäre sie fast so hoch wie der Petersdom in Rom. Der Stiegler-Stausee soll mit etwa 1200 Quadratkilometern mehr als die doppelte Grösse des Bodensees umfassen. 2,6 Millionen Bäume müssen für den See Platz machen. Die ersten sind gefällt. Welche Auswirkungen der Bau auf das Ökosystem hat, aber auch auf Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus, ist unbekannt.

Verteilte Energiequellen wären günstiger und besser

Tansania, darin sind sich alle einig, braucht dringend Energie für seine schnell wachsende Bevölkerung. Dezentralere Energiequellen wie Wind- und Sonnenkraft halten Experten jedoch nicht nur für nachhaltiger, sondern auch kostengünstiger. Der Wasserkraft-Forschers Jörg Hartmann hat dazu einen Bericht erfasst für die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, OECD Watch. Demnach könnten sich die Kosten für das Staudamm-Projekt – das teuerste in der Geschichte des Landes – mehr als verdoppeln. Die Regierung argumentiert, das Projekt betreffe nur einen winzigen Anteil des Schutzgebiets und habe keinen bedeutenden Einfluss auf die Natur. Neben Umweltschutzorganisationen und Wissenschaftern hält auch die Unesco diesen Standpunkt für nicht haltbar.

«Der Damm könnte dramatische Folgen für das Ökosystem haben», sagt der Biologe Christof Schenck von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. «Ausgerechnet die Region am Oberlauf des Flusses, wo der Staudamm errichtet werden soll, gilt als besonders artenreich. Das Wasserkraftwerk würde das biologische System und die Physik des Flusses verändern, bis zu den Mangroven an der Mündung zum Indischen Ozean.»

Noch lohnt sich die Bootstour. (Bild: Win Schumacher)

Noch lohnt sich die Bootstour. (Bild: Win Schumacher)

Schenck geht davon aus, dass über 10'000 Arbeiter im Schutzgebiet leben werden. «Die müssen mit Nahrung und Energie versorgt werden – Abfall und Wilderei könnten zum Problem werden.»

«Wir wissen aus unserer eigenen Geschichte in Europa und den USA, dass der Bau von Staudämmen schwerwiegende Konsequenzen für ein Ökosystem hat», sagt Marion East vom Leibniz-Institut für Wildtierforschung. Die Zoologin forscht seit 30 Jahren in Tansania. «Schon der Bau von Strassen ebnet den Weg für Wilderer. Das sollte von Anfang an mitgedacht werden.»

Eine seltene Oase ohne Besiedlung

Auch Giraffen leben im Selous-Wildreservat. (Bild: Win Schumacher)

Auch Giraffen leben im Selous-Wildreservat. (Bild: Win Schumacher)

Das Selous-Wildreservat ist eines der ältesten und grössten Schutzgebiete Afrikas. Es ist grösser als die Schweiz. «Es gibt im Selous keinen Ackerbau, keine Viehzucht und keine Besiedlung», sagt Schenck. «Solche Refugien sind weltweit sehr selten geworden und besonders wertvoll. Bis 2050 werden in Afrika etwa eine Milliarde mehr Menschen leben als heute, dadurch gerät der letzte, verbliebene Rest unberührter Natur stärker in Bedrängnis.»

Wegen seiner aussergewöhnlichen Biodiversität und Bedeutung für zahlreiche bedrohte Arten wurde das Reservat schon 1982 von der Unesco zum Weltnaturerbe erklärt. Mehr als 450 verschiedene Vögel und 50 Säugetiere haben Zoologen im Selous verzeichnet. Die grösste Population der seltenen Afrikanischen Wildhunde hat hier einen Rückzugsort gefunden. Noch immer gibt es grosse Herden an Büffeln, Elefanten und etlichen Antilopenarten.

Bis vor wenigen Jahren geriet das Wildreservat jedoch immer wieder wegen anhaltender Elfenbein-Wilderei in die Schlagzeilen. Etwa 90 Prozent der Bestände sollen laut WWF inzwischen Wilderern zum Opfer gefallen sein. Zudem protestieren Umweltschützer gegen die Pläne zur Förderung des Uran-Bergbaus. Seit 2014 steht das Selous auf der Liste des bedrohten Welterbes.

Präsident Magufulis Kritiker glauben nicht nur, dass der Stiegler-Damm schwerwiegende Umweltzerstörungen mit sich bringen wird. Sie bezweifeln auch, dass er die hohen Erwartungen erfüllen kann. Die derzeitigen Pläne für die Umsetzung beruhen weitgehend auf Voraussetzungen aus den 70ern, die aktuelle Kapazität der Wasserkraft dürfte damit überschätzt werden. «Auch aufgrund des Klimawandels schwankt bei vielen afrikanischen Flüssen der Wasserstand stark», erklärt Schenck, «dadurch sinkt die mögliche Leistung eines Wasserkraftwerks. Dementsprechend ist es unklar, welche Leistung zu erwarten ist.»

China ist inoffiziell wohl doch dabei

Noch nicht einmal die Chinesen – sonst bei grossen Bauprojekten in Afrika immer zur Stelle und in Umweltfragen nicht eben berühmt für Gewissensbisse – wollten Magufuli mit dem Stiegler-Projekt offiziell unterstützen. Nach Zeitungsberichten mischen sie aber sehr wohl mit. Mitarbeiter der staatseigenen Unternehmen SinoHydro und Power China sollen täglich die Baustelle besuchen. Die finanzielle Last dürfte am Ende dennoch der tansanische Steuerzahler tragen – eine gewaltige Bürde für die Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt.

Kritik aus dem In- und Ausland scheint Magufuli zu ignorieren. Bereits als Arbeitsminister versuchte er 2010 eine Strasse durch die Serengeti durchzusetzen. Das Projekt scheiterte nur am vehementen Widerstand westlicher Geberländer, von deren Entwicklungsgeldern Tansania abhängt. Für den Selous scheint der Druck aus dem Ausland allerdings zu spät zu kommen. Gerade hat die tansanische Regierung eine erste Rate von 310 Millionen Dollar an zwei ägyptische Baufirmen überwiesen. Magufuli wird sich seinen Traum vom Megastaudamm erfüllen. Den Preis dafür zahlen andere.

Hier soll der geplante Staudamm hin.

Hier soll der geplante Staudamm hin.