Willi Gautschis Monografie von 1968 ist bis heute das Standardwerk zum Landesstreik. Seitdem besteht weitgehend Konsens, dass – wie Gautschi es formulierte – die «Ereignisse vom November 1918 vorwiegend bewirkt wurden durch die wirtschaftliche Bedrängnis, in die breite Schichten des Schweizervolkes durch die Kriegsverhältnisse geraten waren.»

Gegen diese Deutung, die sie als «Verelendungsnarrativ» bezeichnen, sind zwei Historiker angetreten. Rudolf Jaun und Tobias Straumann sehen die entscheidenden Faktoren in «Revolutionsphantasmen» der Zürcher Kantonsregierung und des Generalstabs sowie in Machtkämpfen innerhalb der Linken und zuletzt zwischen ihr und dem Bundesrat.

Der Landesstreik hatte demnach mehrere kurzfristige politische statt langfristige ökonomische Ursachen. Ist das ein zwingender Widerspruch? Schauen wir uns die Ereignisse von 1918 an.

Enpässe überall

Die hohen Kosten des Aktivdiensts, Versorgungsengpässe und erschwerte Handelsbedingungen brachten der Schweiz seit dem Kriegsbeginn völlig neue Herausforderungen. Der Index der Konsumentenpreise stieg von 100 (1914) auf gut 230 Punkte (1919) an, durchaus zu vergleichen mit dem kriegführenden Deutschland.

Die Bundesausgaben lagen 1913 bei 106 Millionen Franken, 1918 bei gegen 550 Millionen Franken. Die Kriegsfinanzierung erfolgte zur Hälfte über Anleihen: Die nominelle Staatsschuld von 147 Millionen im Jahr 1913 verzehnfachte sich bis 1918!

Einen Drittel trugen Steuern bei: 1915 wurde erstmals eine auf ein Jahr befristete direkte Bundessteuer eingefordert, dazu ab 1917 eine Kriegsgewinnsteuer. Den Rest trug die Notenpresse der Nationalbank bei, weshalb Inflation die meist kargen Ersparnisse aufzehrte.

In nicht kriegswichtigen Betrieben erlitten die Arbeiter massive Lohnkürzungen. Zugleich stiegen die Mietpreise an. Bei Kriegsende bezog ein Sechstel der Schweizer Notstandsunterstützung, in den grossen Städten etwa ein Viertel; und gar die Hälfte der Angehörigen von Soldaten, die durchschnittlich 500 Tage Militärdienst leisteten. Einen Erwerbsersatz gab es nicht, der Sold für die durchschnittlich gut fünfhundert Diensttage war gering.

Der Staat griff spät ein

Trotz Vollmachtenregime griff der Bundesrat gegen die wirtschaftlichen Missstände erst spät ein, 1915 mit einem Getreidemonopol und erst im Herbst 1917 mit der Rationierung von Grundnahrungsmitteln. Angesichts der Not der Arbeiterschaft ging die SP zusehends auf Distanz zur militärischen Landesverteidigung und lehnte sie am Parteitag 1917 grundsätzlich ab.

Schon im September 1915 hatten im bernischen Zimmerwald sozialistische Kriegsgegner aus der Schweiz und elf anderen Ländern, darunter Lenin und Trotzki, die nationalistische Kriegslogik verurteilt. Derselbe Lenin stellte sich im Herbst 1917 an die Spitze der Oktoberrevolution in Russland.

Im selben Jahr setzte in der Schweiz wegen der Versorgungslage eine Streikwelle ein, die mit 269 lokalen Streiks auch im Folgejahr anhielt. Die SP rief für den Jahrestag der Russischen Revolution, am 7. November 1918, zu Feiern auf. Die Zürcher Kantonsregierung befürchtete eine Eskalation.

Deshalb liess der Oberbefehlshaber, General Ulrich Wille, an diesem Tag demonstrativ zwei Kavalleriebrigaden und zwei Infanterieregimenter in Zürich einmarschieren. Er wollte durch massives Auftreten eine mögliche Revolutionsbewegung präventiv im Keim ersticken.

Nun ist der Blick auf die Lage im Nachbarland unverzichtbar: Am 4. November begann mit dem Kieler Matrosenaufstand die deutsche Novemberrevolution. Am 9. November wurde die Abdankung des deutschen Kaisers Wilhelm II. verkündigt. Am 11. November wurde Österreich ebenfalls eine Republik, und der Waffenstillstand von Compiègne beendete den Ersten Weltkrieg.

Die SPS und Gewerkschaftsvertreter hatten im Februar 1918 das «Oltener Aktionskomitee» gebildet, mit SP-Nationalrat Robert Grimm an der Spitze. Es deutete den Armeeeinsatz in Zürich als Provokation und rief deshalb für den 9. November zu einem eintägigen Proteststreik auf.

In Zürich entstand daraus ein unbefristeter Streik, weil die Arbeiterunion ebenso auf eine Konfrontation setzte wie auf der gegnerischen Seite der Truppenkommandant Emil Sonderegger, der ein Versammlungsverbot erliess. Das Oltener Aktionskomitee war gemässigter, doch als sich der Bundesrat dem Gespräch verweigerte, rief es für den 12. November landesweit den unbefristeten Generalstreik aus.

Etwa 250 000 Arbeitnehmer folgten vor allem in den städtischen Regionen dem Aufruf zum Generalstreik. Sie forderten die sofortige Neuwahl des Nationalrats nach dem Proporzwahlrecht, die Einführung des Frauenstimmrechts, eine allgemeine Arbeitspflicht, die 48-Stunden-Woche, eine Armeereform, die Sicherung der Lebensmittelversorgung, eine Alters- sowie Invalidenversicherung, ein staatliches Aussenhandelsmonopol und eine Vermögenssteuer zum Abbau der Staatsverschuldung.

Da sich Armee wie Streikende zurückhielten, verlief der Landesstreik insgesamt ruhig und weitgehend gewaltfrei. Bei Zusammenstössen wurden ein Soldat und – in Grenchen – drei Streikende erschossen. Nachdem der Bundesrat ein Ultimatum gestellt und insgesamt rund 100 000 Soldaten mobilisiert hatte, brach das Oltener Aktionskomitee den Landestreik am 14. November ab.

Die Militärjustiz verurteilte einige Anführer des Landesstreiks zu mehrmonatiger Haft, darunter Grimm und Ernst Nobs, einen der radikalen Zürcher und 1944 dann der erste SP-Bundesrat überhaupt. Strafrechtlich hatten sie sich nichts zuschulden kommen lassen, doch viele Bürgerliche sahen im Landesstreik Landesverrat.

Eine Minderheit profitierte

Soll man nun mit Straumann und Jaun behaupten: «Ab Sommer 1918 stabilisierte sich die Lage dank staatlicher Massnahmen. Nur schon deswegen ist die Verelendungsthese falsch.» Gautschi und die spätere Forschung behaupten gar nicht, dass wirtschaftliche Not automatisch eine Revolution ausgelöst habe.

Gewiss hatte der Landesstreik auch unmittelbare, politische Ursachen. Hingegen folgt das obige Zitat einem merkwürdigen ökonomischen Determinismus: Wenn es den Leuten kontinuierlich schlechter geht, dann machen sie eine Revolution, aber wenn sich die Lage auf tieferem Niveau stabilisiert, dann vergessen sie den Gedanken daran.

Tatsache ist, dass viele und gerade die ärmsten Schweizer seit 1914 rund 30 Prozent Reallohnverlust erlebt hatten. Zugleich sahen sie, wie eine Minderheit von Industriellen, etwa in der Rüstungsindustrie, und Bauern, durch die hohen Nahrungsmittelpreise vom Krieg profitierten.

«Verelendung» ist keine objektive volkswirtschaftliche Kategorie, sondern eine subjektive Wahrnehmung. Die Arbeiterschaft konsultiert nicht zuerst das statistische Jahrbuch, bevor sie eine Revolution ausruft, weil die Daten im Keller sind – ganz abgesehen davon, dass sie nicht wissen kann, ob es im Folgejahr bergab oder bergauf weitergehen wird.

Das ist der Unterschied zum Professor, der den Ausgang der Geschichte kennt und leicht urteilen kann – sich jedoch stattdessen in die Haut der damaligen Zeitgenossen versetzen sollte, die ihre Zukunft nicht kannten.

Das gilt, auf der anderen Seite, ebenso für die bürgerlichen Exponenten in Politik und Armee, denen Straumann und Jaun in ihrem Artikel nicht weniger als zehnmal ein «Revolutionsphantasma» unterstellen: ein «zum Trugbild gesteigertes Denkbild».

Wer die russische Revolution vor Augen hatte und fürchtete, litt nicht unter einem Phantasma zu einem Zeitpunkt, da in halb Europa die bürgerliche Herrschafts- und Gesellschaftsordnung zusammenbrach. Das gültige SP-Parteiprogramm predigte in marxistischer Terminologie Klassenkampf, Diktatur des Proletariats und Verstaatlichung der Produktionsmittel. SP-Führer wie Grimm theoretisierten über einen «unbefristeten allgemeinen Streik, der zum offenen Bürgerkrieg überleitet und den Sturz der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zum Ziel hat».

Sie haben diesen Schritt nicht gehen wollen, und vielleicht war diese Zurückhaltung typisch schweizerisch. Aber anders als für Straumann und Jaun war dies für die Zeitzeugen des November 1918 keine Gewissheit.

* Thomas Maissen ist ein Schweizer Historiker. Seit 2013 ist er Direktor am Deutschen Historischen Institut Paris.