Ferienziele in Coronazeiten

In den touristischen Hochburgen herrscht Ruhe statt Rambazamba – ein Augenschein vor Ort

Die Liegestühle leer, viele Clubs und Restaurants geschlossen: Wie funktioniert Massentourismus, wenn die Masse gemieden werden soll? Ein Augenschein in Mallorca, Venedig und Zypern.

Mallorca: Wer Ferien machen will, für den gilt: Maske tragen – und nicht mitsingen

Kein Getümmel, der Strand ungewohnt leer: Das mallorquinische Peguera im Coronajahr.

Kein Getümmel, der Strand ungewohnt leer: Das mallorquinische Peguera im Coronajahr.

Montag 9 Uhr in Palma. Die Strassen sind wie leergefegt. Wenn die Brise ein paar Worte herweht, dann sind es ausschliesslich spanische. Weit und breit keine deutschsprachigen Touristen.

Kurz darauf am Strand. Wieder leer. Eigentlich erwartet man hier eine Sardinenbüchse. Menschen, die, nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, auf ihren kunterbunten Handtüchern liegen. Sogenannte Helmuts, die wahlweise Brillen, Wassermelonen oder kalte Getränke anbieten. Auch davon fehlt jede Spur. Nur einzelne Leute liegen mit mehr als genügend Abstand voneinander am Strand. Hunderte Liegen stehen frei und unbenutzt daneben. Ein ungewohntes Bild. Covid-19 rückt Mallorca in ein neues Licht.

Sauftourismus soll Geschichte sein

Wer Sangria-Eimer am Strand, eine volle Partymeile und Saufen bis zur Ekstase erwartet, wird diesen Sommer enttäuscht. Und das ist gut so. Das sagt zumindest Andreu Serra, der mallorquinische Tourismusminister. «Saufgelage, wie wir sie kennen, wird es nicht mehr geben. Das wollten wir so oder so dieses Jahr abschaffen. Corona spielt uns da in die Karten, und wir können die Situation für uns nutzen.» So wurden am Ballermann bereits alle Bars zwangsgeschlossen, weil die Partywütigen eben doch nicht so viel Wert auf Abstand gelegt haben. Und es sieht nicht so aus, als ob die Bars dieses Jahr wieder öffnen können.

So habe man Mallorca noch nie gesehen. Und genau da wittert Tourismusminister Serra eine grosse Chance, die Insel neu kennen zu lernen. «Es gibt viele schöne Ecken. Mallorca ist nicht nur die eine Strasse am Strand von Palma oder die andere Partymeile», pflichtet ihm Gari Bonet, Präsident des Hotelverbands, bei. Gemeint sind damit der Ballermann und Magaluf, die Partyhotspots der Deutschen und Engländer. Diese Art von Tourismus soll der Vergangenheit angehören, sind sich beide einig.

Jetzt soll auf Pauschalreisen gesetzt werden. Junge Leute seien weiterhin willkommen, aber nicht die partywütigen, heisst es. Aber wie will die mallorquinische Regierung das handhaben? Corona macht es leicht: Die Clubs auf der ganzen Insel sollen diese Saison geschlossen bleiben. Und tatsächlich: Montag, 22 Uhr, im Ferienort Peguera. Eigentlich eine belebte Strasse mit vielen Bars, Shisha-Lounges und Restaurants. Die Flaniermeile sieht aber aus wie ausgestorben. Kaum ein Licht brennt. Die meisten Bars sind geschlossen. Nur vereinzelte Restaurants und Souvenirläden sind geöffnet. Lediglich aus einer Bar dröhnt Schlagermusik. «Krümls Stadl», bekannt aus der deutschen Vox-Serie «Goodbye Deutschland», ist geöffnet. Doch auch hier findet sich keine Traube von partywütigen Menschen. Nur ein paar Leute sitzen an den Tischen. Und alle tragen sie eine Maske. Bei immer noch 27 Grad. Lediglich um an ihren meterlangen, bunten Strohhalmen aus dem Liter-Sangria-Fass zu trinken, nehmen sie die Masken ab.

Herbstferien sollen die neuen Sommerferien sein

Wer nicht gerade am Trinken ist und die Maske trotzdem nicht überzieht, der wird von einem der Kellner höflich daran erinnert, den Nase-Mund-Schutz doch bitte anzuwenden. Auch als um Mitternacht alle in die Bar gepfercht werden, weil eine Schlagersängerin auftritt, um die Leute zu entertainen.

Partystimmung will nicht so richtig aufkommen. Da bringt auch viel Klatschen und Schunkeln nichts. Denn mitsingen darf man nicht, das ist verboten, erklärt die Sängerin vor ihrem Auftritt.

Aber nicht nur im Ausgang ist alles anders. Auch in der Hotelanlage erinnert wenig an die gewohnten Ferien. Überall stehen Desinfektionsfläschchen und es gilt Maskenpflicht. Selbst die Zimmer sind schlicht eingerichtet. Keine Dekoration, keine Zierkissen oder unnötige Blätter, die lose herumfliegen. «Wir haben bewusst auf eine minimalistische Ausstattung gesetzt, damit es den Putzfachkräften leichter gemacht wird», erklärt Philippe C. Erhart, CEO der Universal Reisen.

Dieses Jahr sei es besonders hart, sich zu bewähren. Die Hotels würden zwar öffnen, aber keinen Gewinn erzielen können. «Es geht darum, ein Zeichen zu setzen. Reisen in Zeiten von Corona ist möglich. Die Leute sollen Vertrauen fassen, denn Mallorca ist toll», sagt er. Es sei bitter, dass die Insel Mitte Juli noch so leer sei, nichtsdestotrotz könne es noch ein gutes Jahr werden. Er setze vor allem auf die Herbstferien: «Das sind schon fast die neuen Sommerferien.»

Auch wenn die Situation alles andere als normal ist, fühlt man sich in den Ferien. Die Spanier haben ihre Freude und ihre Leichtigkeit nicht verloren. Das Universal-Hotel in Peguera geht auf Nummer sicher, trübt die Ferienstimmung aber nicht, wie einige Touristen finden. «Man fühlt sich wohl hier. Die Mitarbeiter tun alles dafür. Und das mit der Maske ist reine Gewöhnungssache», sagt eine Urlauberin aus Deutschland. Es stimmt, ein gewöhnliches Bild diese Tage im Speisesaal: Man isst, steht auf, um den Nachtisch zu holen. Ohne Maske. Auf halbem Weg kehrt man um und greift zu der Maske.

Was anfangs noch ungewohnt ist, wird bald zur Normalität. Und ganz so schlimm ist es nicht, denn am Strand und am Pool darf man sich weiterhin ohne Maske sonnen – und ein bisschen Abstand zum nächsten Handtuch tut ja auch mal gut.

Deborah Gonzalez

Venedig: Da lag er, nackt, leise leer – und sonnenhell grossartig

Viele freie Tische und Kellner mit Schutzmaske: ein ungewohnter Anblick im Caffè Florian in Venedig.

Viele freie Tische und Kellner mit Schutzmaske: ein ungewohnter Anblick im Caffè Florian in Venedig.

Vor zehn Jahren stellte ich beim Zubettgehen in einem Hotel in Venedig den Wecker auf 4 Uhr. Es würde grausam sein, wie mich der Piepston aus den vom Wellenschlag des Canal Grande begleiteten Träumen reissen würde, aber es musste sein: Einmal im Leben wollte ich den Markusplatz ohne Menschen sehen. 4.01 Uhr streifte ich die Hose über das Pyjama, zog den Mantel an und verliess das Hotel rasch. Drei Gassen links, der Wind pfiff, zwei rechts, mir war kalt, einmal geradeaus – ich verfluchte meine Idee. Dann lag er da: nackt, leise und leer – und obwohl noch im Dunkeln: sonnenhell grossartig. Ich werde den Anblick nie vergessen.

30 Millionen Touristen kämpfen sich pro Jahr durch diese Stadt, wo nur noch 50000 Venezianer leben. Landet ein Ozeanriese, strömen jeweils bis zu 5000 Menschen zusätzlich auf den Markusplatz.

Als ich vor zwei Wochen für ein Wochenende in der Lagunenstadt war, gab es das leise Markusplatz-Wunder ohne Wecker zu erleben. Es genügte, nach dem späten Abendessen hinzuspazieren, um die Piazza fast menschenleer zu erblicken. Schön? Gewiss! Aber genauso wie sich Zeus in immer neuen Gestalten den Menschen oder seinen Liebhaberinnen zeigen musste, da sie sonst von seinem göttlichen Glanz dahingerafft worden wären, schützen uns vielleicht die Touristenmassen vor der kolossalen Schönheit Venedigs, dieser Traum aus Stein und Wasser. Semele, die den echten Zeus sehen wollte, wurde von einem Blitz aus Schönheit vernichtet.

Das kann jetzt auch einem Venedig-Träumer geschehen. Tritt der Flaneur dieser Tage auf die Kirche Santa Maria dei Miracoli zu, findet er den Platz leer und jubelt und weint fast vor dieser verlassenen Pracht aus Stein und Idee. Früher konnte man abseits der Fussgänger-Autobahn Ferrovia–San Marco in die geheimnisvollsten und dümmsten Kanal-Sackgassen geraten, immer stand schon ein Tourist mit der Kamera dort. Nun ist da bloss Wellenschlag.

Wer am Samstagmorgen dem ewiglangen Fondamenta Briati entlang spaziert, sieht Wasser, Palazzi, kleine Fische und Leere. In der Mitte des Weges steht die famose Osteria Da Codroma, wo es auf Nachfrage «siccuramente» Platz für den Abend gibt. Am Sonntagmorgen rufe ich die Osteria Dalla Marisa an, frage, ob um 13.30 Uhr ein Tisch für zwei frei sei. Ich erinnere mich, wie ich früher jeweils einen Monat vor der Reise die Nummer 0039 041 720 211 wählte, bis ich sie auswendig konnte: Wenn jemand abnahm, wurde ich unwirsch abgeschmettert. «Klar, können Sie kommen, es gibt allerdings nur Fisch», heisst es hingegen nun. Die Antipasti – fünf! – übertreffen sich Tellerchen um Tellerchen, die Frutti-di-Mare-Lasagne löst einen inneren Jubelschrei aus, der Fritto ist nicht zu überbieten.

Wer auf den Online-Hotelportalen kluge Filter eingibt, wird zurzeit auf traumhafte Palazzi stossen, wo die Ankleide so gross ist wie «früher» das Zimmerchen im Drei-Sterne-Hotel. Der Preis aber viel tiefer. Es fehlt an Gästen. Genauso wie die Hotels bleiben auch viele Restaurants leer. Kellner, die einen früher keines Blickes würdigten, betteln auf den Strassen nun um unsere Gunst.

Im legendären Caffè Florian spielen die zwei Salonmusiker auf der Terrasse mehr für sich selbst als für Gäste: «O sole mio» erhält alle Melancholie zurück, die Brülltenöre diesem Canzone geraubt haben.

PS: In Italien gab es am Montag 234 Neuansteckungen, rund 20 im Veneto mit 4,9 Millionen Einwohner. Es ist Zeit, den Wecker zu stellen und den Zug zu nehmen: Wer noch in Venedig mittagessen will, startet in Aarau um 5.55 Uhr, in Luzern um 6 Uhr und in St. Gallen um 5.04 Uhr.

Christian Berzins

Zypern: In den Quarantänehotels – und mit den Einheimischen am leeren Strand

Die Strandkneipen auf Zypern bleiben leer.

Die Strandkneipen auf Zypern bleiben leer.

Sand, Sonne und der Duft nach Salzwasser empfangen die wenigen Schweizer Touristen, die in der Republik Zypern gelandet sind. Sie verdrängen die Sorge und das unsichere Gefühl, nach dem monatelangen Lockdown wieder auf Reisen zu sein. Reihenweise freie Liegestühle stehen auf dem gleissenden Sand bereit für die Erholungssuchenden. Es ist ein De-luxe-Strand: Zwischen jedem Liegeplatz ist ein Abstand, Meer und Strand scheinen unberührt wie auf einer Postkarte. «Die Gäste sind vorsichtig und freuen sich, nun ein wenig Erholung zu haben», sagt Panicos Michael. Er leitet das Fünf-Sterne-Strandhotel Alion. Es ist eines der ersten zehn Hotels, das wieder geöffnet wurde.

Statt der üblichen vier Millionen Touristen aus ganz Europa bevölkern nun fast ausschliesslich Einheimische die beliebten Strände um Ayja Napa. «Es war toll, hatten wir den Strand so lange für uns allein, das ist so noch nie vorgekommen», sagt eine Hotelangestellte. Wie die anderen trägt sie eine graue Uniform, Maske und schwarze Handschuhe. Sie hat Schweissperlen auf der Stirn, ans Atmen hinter der Maske muss sie sich noch gewöhnen. Seit drei Tagen arbeitet sie wieder im Massagebereich. Es ist Samstag, und sie hat viel zu tun, denn am Wochenende suchen Zyprer vom griechischen Teil der Insel in Ayja Napa Erholung.

Der Lockdown, der in Zypern mit einer nächtlichen Ausgangssperre ergänzt wurde, gehört der Vergangenheit an. Die Hotels öffnen nach und nach wieder ihre Tore. Noch steht alles unter dem Zeichen der Vorsicht: Im Lift herrscht Maskenpflicht und vor dem Essen soll man sich die Hände desinfizieren.

Allgegenwärtige Desinfektionsmittelspender, Abstandsmarkierungen und Willkommensgeschenke in Form einer Stoffmaske gehören zum neuen Ferienflair. «Wir haben einen Sicherheitsberater engagiert und mit der Belegschaft Coronaschulungen durchgeführt», sagt Michael. Wird trotzdem jemand krank, wird die Person in ein eigens für Touristen erstelltes Covid-19-Spital gebracht. Für die nahen Kontaktpersonen der infizierten Touristen wurden 500 Betten in sogenannten Quarantänehotels reserviert. Das Hotel mit den übrigen Gästen bleibe dabei unbehelligt, so der Plan. Ein Blick auf die Zahlen zeigt, dass die Insel eine der sichersten Destinationen Europas ist. Pro Tag gibt es kaum eine Handvoll Ansteckungen.

Schnelle Kontrollen und Maske im Flugzeug

Die Massnahmen, um das Inselparadies coronafrei zu halten, beginnen weit vor dem Strand: Ist man im zyprischen Larnaca angekommen, misst eine Wärmebildkamera die Temperatur. Ist sie zu hoch, werden die Betroffenen untersucht. An der Passkontrolle darf man die Maske zur Gesichtsidentifikation kurz abnehmen. «Ich lächle ebenfalls, auch wenn sie das hinter der Maske nicht sehen können», sagt der Zollbeamte. Die südländische Freundlichkeit hat sich nicht verändert.

Die Zyprer, die zum grössten Teil vom Tourismus leben, freuen sich über die Gäste. Da sie über Monate ausblieben, mussten die Zyprer neue Lösungen finden. «Bislang habe ich nichts von der staatlich versprochenen Hilfe gespürt, deshalb habe ich angefangen, Masken zu produzieren», sagt ein Souvenirverkäufer aus der Hauptstadt Nikosia. Die Regale hinter ihm waren einmal mit Mitbringseln gefüllt, heute liegen Dutzende Stoffballen da. Noch immer sind viele Gastrobetriebe geschlossen: Die Russen und Engländer fehlen, die normalerweise scharenweise die Bars bevölkern. Sie dürfen nicht einreisen.

Die Clubs, die jeweils von Hunderten Teenagern besucht wurden, sollen noch bis Ende Juli geschlossen bleiben. Eine Maturandin ist mit ihren Freunden angereist. Sie sitzt in der Schweizer Zic-Zac-Bar, im Ausgehviertel Ayja Napas: «Es tanzen zu wenig Leute, das ist schade», sagt sie und dreht das Bier in der Hand. Dafür sei der Strand schön, das hebe das ruhige Nachtleben ein wenig auf. Über die Lautsprecher dröhnen Schweizer Hits, vor dem Eingang hängt eine metergrosse Fahne. «Normalerweise haben wir hier etwa 500 Leute», sagt Barbesitzer Spike. Nun sind es knapp 30. Aber es sei besser als nichts.

Da die Touristen nun zu einer Minderheit gehören, werden sie auf Händen getragen. «Ich geniesse den leeren Strand und fühle mich sicher», sagt eine St. Galler Touristin und streckt die Füsse in den Sand. Dank der Ruhe könne man sich noch besser entspannen. Ob Schweizer diesen Moment noch länger für Exklusiv-Ferien geniessen können, ohne einen negativen Covid-Test vorweisen zu müssen, hängt davon ab, wie sich die Zahlen in der Heimat entwickeln.

Lydia Lippuner

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