Gesundheit
Immer mehr Zecken dringen in Dörfer und Städte vor

Immer mehr Zecken finden den Weg in Dörfer und Städte – und mit ihnen die Borreliose, eine heimtückische Infektionskrankheit.

Stefan Müller
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Zecken können Borreliose übertragen.

Zecken können Borreliose übertragen.

KEYSTONE/EPA DPA/STEPHAN JANSEN

Wer glaubte, nur im Wald von Zecken bedroht zu sein, muss diese Ansicht revidieren. So auch Salomé Schmid. Sie wurde im eigenen Garten in der Stadt Zürich von einer Zecke in den Rücken gestochen. «Ich habe mich sehr gewundert, dass es mitten in der Stadt Zecken gibt. Als Landkind war ich früher viel draussen und hatte nie eine Zecke.» Eine Woche nach dem Zeckenstich gab ihr eine kreisförmige, juckende Wanderrötung Aufschluss: Sie hatte sich eine Borreliose eingefangen, eine durch Zecken übertragene bakterielle Infektionskrankheit.

Zecke passt sich ans Klima an

Es ist kein Zufall, dass Salomé Schmid mitten in der Stadt von einer Zecke gebissen wurde. Eine deutsche Studie, die im März von der Universität Hohenheim publiziert wurde, zeigt, dass die Zecken immer weiter in Siedlungsgebiete vordringen. Ausserdem sind sie wegen der Klimaerwärmung oft auch im Winter aktiv. Hinzu kommt, dass durch die warme Witterung die Menschen knapp bekleidet draussen unterwegs sind, was das Infektionsrisiko erhöht, so die Autoren der Studie.

Auch der Schweizer Unfallversicherer Suva meldete kürzlich, dass aufgrund des milden Winters die Zeckensaison heuer schon früh begonnen hat. Die Tiere schwärmen normalerweise nach einer Winterpause im Frühling hungrig und durstig aus, nachdem sie im Herbst ihre letzte Mahlzeit eingenommen hatten.

Der Zeckenspezialist Norbert Satz führt aus: «Man findet in der Schweiz die Zecken nicht mehr nur in Wäldern und auf Kuhwiesen.» Sie gelangen zunehmend in Dörfer und Städte. «Transportwirt» sei dabei vor allem der Fuchs. So kann es gut sein, dass man nicht nur im Garten, sondern auch im Schwimmbad oder Park von einer Zecke gebissen wird.

Ausserdem ziehen die Zecken wegen der Klimaerwärmung immer höher hinauf. Früher gab es sie bis etwa 1000 Meter über Meer. Jetzt findet man Zecken sogar im Engadin. Sie wandern ebenso Richtung Norden, tauchen vermehrt in Schweden und Norwegen auf, während sie sich aus südeuropäischen Ländern wie Kroatien eher zurückziehen. Dort ist es ihnen zu trocken.

Die Zeckengebiete weiten sich aus und zugleich werden immer mehr Zecken mit Borrelien verseucht. Das Bakterium Borrelia burgdorferi ist sehr infektiös. Heute trägt etwa jede dritte Zecke den Erreger in sich, in zwanzig, dreissig Jahren wird es jede zweite sein. Dabei variiert der Befall in den einzelnen Zeckengebieten stark, zwischen 5 und 50 Prozent.

Sehr hoch ist das Risiko im Berner Seeland oder im Kanton Zürich. Ein geringeres Risiko weist das trockene Tessin auf. Dennoch, so Norbert Satz, gelte die Regel: «Wo Zecken sind, sind auch Borrelien!»

Infiziert, aber gesund

Neben der Borreliose überträgt die Zecke in der Schweiz auch die Frühsommer-Meningoenzophalitis, FSME, auf den Menschen. Die Hirnhautentzündung wird durch ein Virus ausgelöst. FSME verläuft oft fast unbemerkt wie eine leichte Grippe oder mit Kopfschmerzen. In schweren, aber seltenen Fällen kann die Krankheit zu bleibenden Lähmungen oder gar zum Tode führen. Sie ist nicht behandelbar. Aber es gibt eine Impfung, die einen vollständigen Schutz bietet.

Gegen Borreliose hingegen kann man sich nicht impfen. Wer sich mit Borrelien infiziert, erkrankt aber nicht unbedingt. Nur 4 von 100 werden tatsächlich krank. Pro Jahr gibt es schätzungsweise 5000 bis 10 000 Neuerkrankungen. Allein die Suva registriert jährlich gegen 9700 Unfälle mit Zecken. Meist verläuft die Borreliose relativ harmlos. Die Symptome erinnern an eine leichte Grippe oder einen flüchtigen Hautausschlag, zu Beginn oft mit der typischen ringartigen und sich ausbreitenden Rötung an der Stichstelle.

Borreliose lässt sich im Frühstadium meist erfolgreich mit Antibiotika bekämpfen. Unbehandelt oder nicht richtig behandelt kann sie chronisch werden mit invalidisierenden Gelenk- und Nervenleiden.

Salomé Schmids Borreliose ist glimpflich verlaufen. Der Arzt hat ihr eine einmonatige Antibiotikatherapie verordnet. Die grippeähnlichen Symptome klangen ab. Nach einem erneuten Grippe-Schub und nochmaliger Antibiotika-Keule konnte den Borrelien der Garaus gemacht werden. Seither hat sie keine Beschwerden mehr.

Das hilft gegen Zecken

Tragen Sie geschlossene Schuhe und eng anliegende Hosen, wenn Sie sich vor Zecken schützen möchten. Die Socken stülpen Sie am besten über die Hose. Zeckensprays und Puder sind zusätzliche Massnahmen, wirken aber nur kurz. Nach einem Aufenthalt in der Natur sollten Sie Körper und Kleidung auf Zecken untersuchen, ebenso die Haustiere. Die Krankheitserreger übertragen vor allem die 0,5 bis 1 mm grossen Jungtiere. Zecken mögen Kniekehlen, Schritt, Achseln oder den Hals besonders. Eine Zecke sollten Sie möglichst rasch entfernen – am besten mit einer spitzen Pinzette, einer Zeckenkarte oder notfalls mit den Fingernägeln. Zeckenzangen sind laut Fachleuten in der Regel unbrauchbar. Die Zecke wird möglichst nahe an der Haut gefasst und gerade, kontinuierlich herausgezogen (nicht drehen). Danach die Stichstelle desinfizieren. Wenn nach Tagen oder Wochen grippeähnliche Symptome oder sich eine ringförmige Rötung um die Einstichstelle bildet, sollten Sie den Arzt aufsuchen. (mü)

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