Fussball

Immer getreten werden, wie hält man das aus? So wurde der Fussball vom Lederbollen zum komplexen Spielgerät

Der SFL-Spielball für die nächsten drei Saisons.

Der SFL-Spielball für die nächsten drei Saisons.

«Und ist doch rund und schön.» So dichtete Matthias Claudius und meinte den Mond. Der Vers ehrt nicht minder auch den Ball, der ab Samstag in unseren Stadien wieder rollt. Und zwar überall derselbe.

«Am Schluss des Spiels tat mir vor allem einer leid: der Ball.»

Wer war’s? Die Fama will, dass es «Kaiser» Franz Beckenbauer gesagt haben soll. Nach einem seiner ersten Spiele als deutscher Nationalcoach – oder wie man dort sagt: als Bundestrainer. Glaubhaft ist es auf jeden Fall. Denn der «Kaiser» berief sich immer auf seine ganz besondere Verbindung zum Spielgerät, das ihm offenbar reichlich vergalt, dass er es recht pfleglich – sorgfältiger als andere – behandelte.

Es ist eines der grösseren Mysterien des Fussballs, dass man technisch begabten Spielern zubilligt, dass der Ball ihr Freund sei. Dabei tun sie 90 Minuten lang nichts anderes, als dagegen zu treten. Wer braucht schon solche Freunde? Nun, lange tat auch der Ball nichts dazu, dass man ihn etwas mehr lieb gewann.

Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch mit Schrecken oder wohligem Schauern an regendurchpeitschte Nachmittage, an denen man sich auf – oder in? – schlammigen Äckern mit einem mit Wasser vollgesogenen Lederungetüm herumplagte. Gemäss dem Regelwerk darf das Spielgerät 450 Gramm wiegen. Ein solcherart durchnässter Lederbollen war mit dem Lehm drum herum schnell fünf Mal so schwer.

Auch der Ball braucht ein Ventil

Das bringt unmittelbar den Gedanken an den Kopfball aufs Tapet. Die Gummiblase im Lederball wurde um 1850 erfunden (von Charles Goodyear, zuvor war es eine aufgepumpte Schweinsblase, ganz alte Strassenkicker behaupten heute noch, sie hätten damals mit diesen unberechenbaren Dingern ohne Leder drum herum – zu teuer! – gespielt).

Das Problem war, die Gummiblase musste nach dem Aufpumpen verschlossen werden. Die Lederhülle hatte deshalb eine Naht. Und zwar recht gut sichtbar. Der verwendete Lederriemen zeichnete sich ab, leider auch auf den Stirnen der Spieler nach dem Kopfball. Abhilfe schuf das Ventil, das man der Gummiblase verpasste. Da brauchte es nur noch ein kleines Löchlein im Leder. Und die Zahl der Kopfballtore nahm markant zu, wenn man Chronisten Glauben schenken will.

Auf einmal war die ganze Welt fussballbesessen

In den Urzeiten war der Ball wohl auch schon aus Leder, aber statt Luft war Stroh oder Laub drin. Das war, als Fussball zwischen Dörfern gespielt wurde und der Ball irgendwie auf den Dorfplatz des Gegners gebracht werden musste. Während kultivierte Völker wie die Azteken bei ihrem Ballspiel den Ellbogen einsetzten und damit die «Fusslümmelei», wie der deutsche Pädagoge Karl Planck 1898 das Fussballspiel noch nannte, vermieden, kannte Europa kein Pardon und vertraute auf die Urinstinkt-Bewegung des Tritts.

Auffällig ist auch, wie die Historiker zunehmend fündig werden. Dass die Chinesen das Spiel erfunden haben, kann nicht mehr wegdiskutiert werden. Sie nannten es «Ts’uh küh» (den Ball mit dem Fuss spielen), wobei zehn verschiedene Arten des Kickens unterschieden wurden. Der Katalog wurde später auf 16 erweitert.

Aber nun sollen auch schon die römischen Legionäre getschuttet haben. Und damit das glaubwürdiger klingt, betrieben sie eine griechische Form des Fussballs (Apopudobalia). Überliefert sind aber fast nur die bekannten Schmähreden à la Planck. Und die Geschichte ist dürftig belegt.

Jedem Turnier sein ganz besonderer Ball

Während die Bälle der Heldenepoche vor dem Krieg noch ihre liebe Mühe hatten, rund zu bleiben, griff die Technologie nach 1945 nach dem Spielgerät. Von nun an hatte jedes WM-Turnier strikt seinen eigenen Ball. 1930, beim Finale der WM zwischen Uruguay und Argentinien, war das noch nicht der Fall gewesen. Die Mannschaften konnten sich nicht auf den Spielball einigen.

In der ersten Halbzeit spielte man mit dem argentinischen Modell (und Argentinien führte 2:1), die zweite Halbzeit mit dem Ball der Urus (Endstand 4:2 für Uruguay). 1950 in Brasilien heisst der Ball «Duplo T». 1954 in der Schweiz besteht er aus gelbem gegerbten Leder und 18 Lederpanels. Ein klassisch schöner Ball. Bis 1970 nicht markant verändert.

Dann kommt die Zeit der geometrischen Bälle: 12 Fünf- und 20 Sechsecke, schwarz und weiss, genannt «Fernsehball». Im 21. Jahrhundert begann das Hightech-Zeitalter. Jetzt wird vor allem am Material gearbeitet, synthetische Materialien haben das Rindsleder endgültig abgelöst.

Der offizielle Schweizer Ball ist wieder klassischer

Für die nächsten drei Saisons hat die Swiss Football League den Klubs ein einheitliches Spielgerät verordnet. Hergestellt von der japanischen Firma Molten, geht es zurück zum 12/20-Aufbau. Es hat auch ein Vorbild in der Natur, das sogenannte Buckminster-Fulleren: 60 Kohlenstoffatome bilden eine Struktur aus 20 Sechs- und 12 Fünfecken.

Das Design mag neu sein, die Geometrie ist klassisch. Die Einheitlichkeit verspreche mehr Fairness während des Spiels, wird argumentiert. Die Physik des Fussballs (des Spielgeräts) ist ein bisschen vertrackt. Man erinnert sich an die Klagen der Torhüter über die «Flatterbälle». Das mag damit zu tun haben, dass eine geometrisch perfekte, glatte Kugel katastrophale Flugeigenschaften hätte.

Die Reynolds-Zahl beschreibt die Flugeigenschaften eines Körpers in einem Medium, genauer das Verhältnis zwischen Trägheit und Reibung eines Systems. Eine glatte Kugel hat, wie der Physiker Metin Tolan in seinem Buch «Manchmal gewinnt der Bessere. Die Physik des Fussballspiels» erklärt, über einen weiten Bereich von Reynolds-Zahlen den grössten Luftwiderstand. Eine raue Oberfläche setzt den Luftwiderstand herab, der Ball fliegt schneller und weiter.

Die Premier League spielt neu mit einem Ball, der sich dieses Prinzip fast extrem zunutze macht. Er verwendet die AerowSculpt-Technologie. Die Oberfläche hat Rillen, welche das Strömungsverhalten der Luft um den Ball noch besser kontrollieren. Das soll die Flugeigenschaften nochmals verbessern. Acht Jahre dauerte die Entwicklung des Nike Flight Ball. Hartnäckige Torhüter-Lobby.

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