Cocooning
Im öffentlichen Leben verziehen sich immer mehr Menschen in ihren Kokon

Online-Shopping, Internetfernsehen und Social Media machen das traute Heim sogenannter Cocooners richtig lebhaft. Jetzt verschiebt sich das asoziale Verhalten dank der Digitalisierung immer mehr auch in die Öffentlichkeit.

Yvonne von Hunnius
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Cocooning wird dank der Digitalisierung immer einfacher - auch in der Öffentlichkeit

Cocooning wird dank der Digitalisierung immer einfacher - auch in der Öffentlichkeit

Keystone

Ein freies Wochenende steht bevor – was tun? Shoppen in Barcelona ist im Budget genauso drin wie Bungee-Jumping in den Alpen. Vor lauter Möglichkeiten wird so manchem schwindlig. Und er bleibt daheim. Der Garten braucht Pflege, der Grill wird angeheizt und den Hollywoodstreifen gibt es auf dem eigenen Flachbildschirm.

Woher kommt Cocooning?

In den USA hat es Tradition, Stubenhocker mit Kaufpotenzial aufzuspüren. In den 60er-Jahren machte der Begriff des «Cosy Place» die Runde, als es Mode wurde, sein Heim mit schicken Möbeln und Geräten zu füllen. Die Marktforscherin Faith Popcorn hat 1981 dann das «Cocooning» als Trend aus der Taufe gehoben. Wörtlich heisst es «sich in einen Kokon einspinnen» und meint genau das. Die Gefahren durch den Kalten Krieg und Strassenkriminalität konnte man zu Hause am besten umgehen: Der Hometrainer hielt fit und das Videospiel brachte Ablenkung - das Essen wurde bestellt. Nach dem Terroranschlag am World Trade Center und spätestens, als 2008 die Wirtschaft einbrach, erlebt der Trend goldene Zeiten: Der Spargedanke gab dem Sicherheitsgefühl die Hand und das Internet hat laufen gelernt. (YVH)

Der sogenannte Cocooner ist geboren. Für die Wirtschaft ist er seit Jahren als Teil einer ausgabefreudigen Zielgruppe interessant. So spannend wie heute war die Bewegung jedoch noch nie.

Den Megatrend erkennt unter anderem die Studie «Megatrends 2050» der Universität St. Gallen. Mitautor Joël Luc Cachelin, Inhaber der Wissensfabrik in St. Gallen, sagt: «Wir haben uns angesehen, wie der Alltag der Menschen aussieht und Cocooning ist hierbei zentral.» Aber wer denkt, dass der Trend zu einer Gesellschaft von übergewichtigen Fernsehsüchtigen führen muss, der irrt.

In welchem Land Cocooning erfunden wurde, ist leicht zu erraten: in den USA. Hier wurde vor kurzem auch die Ära der Super-Cocooner ausgerufen. Weniger Hotelbuchungen und Restaurantbesuche, mehr Online-Käufe und grössere Fernseher zeichnen in einer aktuellen Analyse der Kreditkartenumsätze ein klares Bild.

Als Marktforscherin Faith Popcorn 1981 Cocooning als Erste dingfest machte, sprach sie von einer Gesellschaft im Kalten Krieg, die sich mit Hometrainer und Videospiel zu Hause sicherer als auf der Strasse fühlte.

Doch dort spielte sich das Leben noch immer ab. Erst nach den Terroranschlägen von 2001 am World Trade Center und spätestens, als 2008 die Wirtschaft einbrach, gewann Cocooning so richtig an Fahrt. 2013 sagt Popcorn nun: «Wir suchen Sicherheit und sind auf dem Weg, in einer eigenen Blase unser Leben zu bestreiten.»

Die Welt kommt nach Hause

Dass der Trend ein globaler ist, zeigen auch Zahlen aus der Schweiz. Die jeweiligen Branchenverbände veröffentlichten, dass das Gastgewerbe jüngst 4,8 Prozent weniger Umsatz als vor einem Jahr einbuchte, der Online- und Versandhandelsmarkt im letzten Jahr hingegen um 7,4 Prozent gewachsen ist.

Und das umsatzstärkste Sortiment war die Heimelektronik. Hier geht es bei den Geräten immer grösser und vernetzter zu.

Besonders im Haus investiert der Schweizer ins persönliche Wohlfühlprogramm. Das ist auch die Erfahrung des Architekten und Architekturfotografen Ingo Rasp aus Chur: «Ein Bad ist schon lange keine schlichte Nasszelle mehr. Heute wird es mehr und mehr zur veritablen Wellness-Oase mit an die 30 Quadratmetern.

Eine Tropendusche, eine eigene Sauna – all das ist fast kein Luxus mehr. Somit werden Wellness-Angebote von aussen nach innen geholt.»

Der Kokon passt sich an

Diese neue Freundschaft zwischen Mensch und Wohnung basiert sogar auf Beidseitigkeit. «Energieeffizienz bedingt auch clevere Häuser, die genau wissen müssen, was ich mache», sagt Alexander Klapproth, Leiter des Schweizer Forschungszentrums für Gebäudeintelligenz iHomeLab der Hochschule Luzern.

Klapproth: «Häuser sind unsere Partner und reagieren auf unser Verhalten und unsere Bedürfnisse.» So wird es dort kuschlig warm oder angenehm kühl, wo der Bewohner sich aufhält und der Kokon passt sich somit perfekt seinem Besitzer an.

Sobald sich der Mensch in seinem Heim zu sehr von der Gesellschaft separiert, beginnt es für Klapproth hingegen problematisch zu werden: «Gerade ältere Menschen haben einen Hang dazu, sich gefährlich zurückzuziehen.

Hier steuern wir mit unserer Forschung gegen und wollen die Menschen durch assistive Technologien und entsprechende Dienstleistungen in die Gesellschaft integrieren.» Intelligente Rollatoren gehören hier genauso dazu wie Netzwerkplattformen, die neue Arten des direkten Austauschs ermöglichen.

Überlebensstrategie in der Blase

Doch Cocooning geht weiter und wird mobil. Zum einen ziehen sich Cocooner von der Aussenwelt zurück und entschleunigen. Zum anderen tragen sie ihre persönlichen Informationen und Netzwerke im Internet umher und sorgen somit für eine Beschleunigung: Wo der Rechner aufgeklappt wird, ist man in seinen virtuellen Profilen – zu Hause.

Beide Male ist man in seiner eigenen Blase, so das Verständnis des Zukunftsforschers Cachelin. «Cocooning vereint also Trend und Gegentrend», sagt Cachelin. Cocooning scheint offensichtlich eine notwendige Kulturtechnik zu sein, um mit dem schnellen Jetzt umzugehen.

Eine Überlebensstrategie sieht darin Lucia Fraefel, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie und im Vorstand der Bündner Vereinigung für Psychotherapie BVP. «Es ist wohl eine gesunde Tendenz zu Eigenschutz – ein Sich-Gewahr-Werden – um wieder kreativ zu werden», sagt sie. Unter positiven Gesichtspunkten könnte es also in unserer Gesellschaft zu einer Auszeichnung werden, ein Cocooner zu sein.