Narzissmus
Im grossen Filmrausch: Wenn Skifahrer gefährliche Talfahrten filmisch festhalten

Michael Schumacher filmte seinen Horrorsturz. Talfahrten filmisch festhalten und im Internet verbreiten ist ein Trend, von dem ein kleines Unternehmen besonders profitiert. Doch warum wollen wir das überhaupt filmen? Der Selbstdarstellung wegen.

Daniel Fuchs
Drucken

Michael Schumacher und Julia Mancuso nutzten die kleine Kamera ebenso, wie Mohammed Merah es tat. Die US-amerikanische Skirennfahrerin filmte ihre rasanten Skifahrten und der Formel-1-Rekordmeister seinen fatalen Sturz in Méribel (F).

Wie am Dienstag bekannt wurde, lief Schumachers Helmkamera, als er in der Altjahrswoche stürzte und sich an einem Felsen schwere Kopfverletzungen zuzog.

Die französischen Ermittler erhoffen sich von den Bildern nun Aufschluss über den Unfallhergang.

Mohammed Merah, der Bombenleger von Toulouse, hielt mit einer Action-Kamera im Frühling 2012 seine Bluttat fest. Das eine hat mit dem anderen zwar nicht viel zu tun, aber denselben Hintergrund: die Selbstinszenierung in Ton und Bild.

Diese Selbstdarstellung passt gut in eine Zeit, in der Psychologen von der «Ich-Inflation» sprechen. Diese Selbstdarstellung trägt vor allem einen Namen:

Sie heisst GoPro, ist klein, robust, wasserdicht und schiesst schärfste Bilder. Ob Skifahren, Biken, Tauchen, Surfen, Fliegen oder eben Bomben legen - die Kamera ist allgegenwärtig.

Vor allem Männer interessierts

Manch eines der bis über 500 Franken teuren GoPro-Modelle ging vor Weihnachten über den Ladentisch. Umsatzzahlen werden keine herumgereicht.

Doch bei Interdiscount brummt das Geschäft mit den Kameras aus dem amerikanischen Silicon Valley.

«Action Kameras - allen voran die GoPro-Modelle - sind ein echter Trend. Die Verkaufszahlen steigen in dem Bereich seit einiger Zeit», schreibt Interdiscount auf Anfrage.

Auch Jeroen van der Veen, der in seinem Fachgeschäft X-Sportcams in Arisdorf BL als Erster GoPro-Modelle in der Schweiz vertrieb, sieht kein Ende des Booms.

Vorwiegend Männer würden sich dafür interessieren, jüngere, aber auch 40- bis 50-Jährige. Frauen fragen selten danach. Und wenn, dann laut van der Veen als Geschenk für den technikbegeisterten Partner.

Eine «echte Weiterentwicklung» sieht van der Veen dieses Jahr mit der Einführung einer Kamera des Navigationsgeräte-Herstellers Garmin.

«Der Trend wird sich dahin verlagern, dass man Videos und Bilder mit GPS-Daten verbinden kann», sagt van der Veen.

Ob Garmin den Branchenprimus GoPro aber verdrängen werden mag? Van der Veen glaubt es nicht.

Jeder wird zum Held

Dem Erfolg von GoPro geht eine beispiellose Marketingoffensive vor, in der Extremsportler mit der handlichen Kamera ausgerüstet wurden.

Der Trend reiht sich in die fantastische Welt des Energydrink-Herstellers und Extremsport-Sponsors Red Bull: Wie alle Vorgänger des neuesten Modells von GoPro trägt auch diese die Bezeichnung «Hero» für «Held».

Die gedrehten Videos können direkt via WLAN aufs Smartphone oder Tablet geladen und von dort weiterverteilt werden.

Nicht zufällig ging der Boom mit der Verbreitung von Social-Media-Plattformen wie Facebook, Twitter oder Youtube einher.

GoPro unterhält sogar einen eigenen Youtube-Kanal. Dank der kultigen Videos ist die Kamera selber zum Kult-Gegenstand geworden.

Ob verwackelt oder nicht - die Bilder sind meist gut. Denn gedreht wird in «High definition», das heisst bei einer Auflösung von 1080 Pixel.

Die Kamera macht ihren Nutzer zum Helden, das Internet aber erst zum Star, wie es ein Schumacher oder eine Mancuso zweifellos ohne GoPro sind.

ActionKameras passen bestens in eine Zeit, in der Psychiater und Psychologen von einer Epidemie des Narzissmus sprechen (vgl. Interview unten). Selbstüberschätzung ist die Kehrseite dieses Drangs nach Selbstinszenierung. Das birgt auch Gefahren: Narzissten gehen höhere Risiken ein.

Einfache Bedienung und gute Qualität - das hatten wir doch schon. Flipcams waren äusserst beliebt, bis ein grosser Konzern den Hersteller übernahm und es verstand, aus dem Deal nichts zu machen.

Warum also hat sich GoPro durchgesetzt? Die Elektronik ist das eine, doch die findigen Tüftler haben es verstanden, Halterungen für jede erdenkliche Situation zu entwickeln:

Ob geklebt auf dem Surfbrett oder auf Ski, am Helm, auf der Motorhaube von Rennwagen oder montiert am Motorradlenker - der Anwendung sind fast keine Grenzen gesetzt.

Die Wegwerf-Kamera

Auch professionelle Filmer nutzen die Kameras, um nie gesehene Bilder zu erhalten. Beim niedrigen Preis spielen Verluste unter kommerziellen Filmern keine Rolle; etwa für spektakuläre Filmaufnahmen aus der Tierwelt, zum Beispiel am Köder für Haifische befestigt.

Die GoPro ist so gut, dass sogar das Schweizer Fernsehen darauf zurückgreift, beispielsweise im Autorennsport.

«Mit einem Saugnapf an der Autoscheibe befestigt, erhält man eine subjektive Aufnahme aus dem oder in das Auto, notabene in HD-Qualität», schreibt dazu der Leiter Sport bei SRF und rühmt das Fernsehen, mit Gebührengeldern sorgsam umzugehen.

Einst als typisches Nischenprodukt für Extremsportler ist GoPro längst zum Massenprodukt geworden.

An der Kamera verschmelzen die einst grossen Unterschiede zwischen Profi- und Consumer-Industrie:

Vom minder begnadeten Skifahrer, der seine Fahrt von seiner Partnerin filmen lässt bis zum Spinner, der im Wingsuit in atemberaubender Geschwindigkeit über Bergkuppen fliegt - die Kundschaft ist breit gestreut.

Interview mit Gerhard Dammann von den Psychiatrischen Diensten Thurgau, lehrt an diversen Unis und ist Autor zahlreicher Narzissmus-Studien

Helmkameras passen in eine Zeit, in der Narzissmus Hochkonjunktur hat, sagt der Psychiater.

Action-Kameras boomen. Gestochen scharfe Videos vom Skiausflug oder Tauchgang stehen im Nu online. Selbstdarstellung war nie einfacher. Was hat das mit Narzissmus zu tun?
Gerhard Dammann*: Man sollte das nicht pathologisieren. Der Boom der Helmkameras liegt einerseits einem harmlosen Trend zugrunde: der Selbstdarstellung auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Youtube. Doch dieser Trend geht mit einem anderen einher: Menschen weisen sich zunehmend eine Wichtigkeit zu, die ihnen nicht nur guttut.

Worin zeigt sich das?
In der zunehmenden Fantasie «Ich bin ein Superstar und muss nur entdeckt werden», der quasi parallel zu Sendungsgefässen wie «Deutschland sucht den Superstar» verläuft und von diesen verstärkt wird. Das hat nichts mit Leistung zu tun, sondern mit der Vorstellung, ohne eigenes Zutun und ohne eigenen Verdienst entdeckt zu werden. Statt der Leistung steht heute die Vermarktung, also die Verpackung einer Person, im Vordergrund: Die Person muss sich verkaufen. Nur definiert eine Marke noch lange keinen Inhalt.

Woher kommt dieser Wandel?
Er ist mit der enormen Individualisierung unserer spätmodernen Gesellschaft und dem Verlust sozialer Grenzen verbunden. Das hat Vorteile: Zum Beispiel leben wir körperbewusster als die Generation unserer Väter. Zudem ist fast alles möglich, uns stehen alle Türen offen. Die Kehrseite aber ist brutal: Ein Scheitern fällt direkt auf die Person zurück.

Okay, viele Menschen in der Schweiz leben extrem individualisiert und nutzen soziale Medien. Leiden wir alle an Narzissmus?
Was zu Zeiten Freuds sexuelle Störungen oder Autoritätskonflikte waren, ist heute die Selbstwertproblematik als Kehrseite der Selbstverwirklichung, der wir alle folgen. Ängste kreisen heute nicht mehr um Onanie oder Verlust der Jungfräulichkeit. Scheitern aber, das nagt am Selbstwertgefühl. Narzissmus ist die Leitneurose unserer Zeit.

Gibt es Studien, wo in unserer Gesellschaft die Narzissten hocken?
Aus der Schweiz sind mir dazu keine bekannt. Ich kenne aber welche aus England. Dort befragte man junge Frauen, welche berufliche Zukunft sie sich wünschen. Dabei zeigte sich, dass sehr viele junge Frauen den Wunsch nach einer Karriere als Supermodel angaben. Dies zeigt eine extrem unrealistische und grandiose Sichtweise der Befragten von sich selbst. Auch in der Schweiz nehmen narzisstische Störungen tendenziell zu. Man schätzt, dass hierzulande etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung daran leiden.

Mädchen, die Supermodels werden wollen - was daran soll problematisch sein?
Wir beobachten eine immer grösser werdende Zahl Jugendlicher, die scheitern, weil die Kluft zwischen Erwartungen und dem, was sie bereit sind zu investieren, immer grösser wird. Gerade unter jungen Männern wächst die Zahl jener, die den Einstieg in die Leistungsgesellschaft nicht mehr schaffen. In der Psychiatrie landen immer mehr 20-Jährige, die keinen Berufsabschluss haben, recht hoch verschuldet sind und dazu regelmässig Cannabis konsumieren.

Kann man das therapieren?
Eine Therapie ist immer schwierig, denn Narzissten haben wenig Leidensdruck, solange sie erfolgreich sind. Sie haben ja gerade die Vorstellung, selbst alles zu können. Eine Therapie verstehen sie also quasi als Kränkung. Die Probleme tauchen häufig erst später auf. Dann etwa, wenn die Betroffenen eine Diskrepanz spüren zwischen dem, was sie vorgeben und dem, was sie tatsächlich erreicht haben.

Welche Effekte hat eine solche Störung auf den Alltag?
Narzissten haben Mühe, Beziehungen aufzubauen. Das liegt an Bindungsängsten und am Drang zur ständigen Selbstoptimierung. Es könnte sich ja schliesslich ein noch geeigneter Partner finden. Denn keiner ist gut genug für den «Star». Ein anderes Symptom liegt in fehlendem Durchhaltewillen und in der Schwierigkeit, Frustration zu ertragen. Schliesslich kann sich Narzissmus in Leere-Gefühlen bemerkbar machen. Dann müssen ständig neue Kicks her.

Womit wir wieder bei der Helmkamera sind, die gerade unter Extremsportlern boomt. Sind das Narzissten?
Im überdurchschnittlichen Masse. Extremsportler sind stets auf der Suche nach innerlich belebender Sensation und neuen Kicks.

Aktuelle Nachrichten