Herkunftssuche
Illegale Adoptionen: Bundesrat bedauert Verfehlungen und verspricht Unterstützung

In den 70er- und 80er-Jahren wurden unter zweifelhaften Umständen Kinder aus Sri Lanka in die Schweiz adoptiert. Trotz eindeutigen Hinweisen auf illegale Praktiken hatten die Schweizer Behörden dies nicht verhindert.

Annika Bangerter, Niklaus Salzmann
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Im srilankischen Pass von Olivia Tanner steht Colombo als Geburtsort. In der Geburtsurkunde hingegen Ratnapura.

Im srilankischen Pass von Olivia Tanner steht Colombo als Geburtsort. In der Geburtsurkunde hingegen Ratnapura.

Sandra Ardizzone

Die Adoptionsverfahren aus Sri Lanka waren insbesondere in den Achtzigern von teilweise schweren Unregelmässigkeiten geprägt. Dies sagte Bundesrätin Karin Keller-Sutter am Montag an einer Medienkonferenz. Die Schweizer Behörden seien im Bild gewesen, jedoch habe sich jede Behörde hinter der eigenen Zuständigkeit versteckt.

Der Bundesrat anerkenne, dass durch die Versäumnisse und Verfehlungen Leiden verursacht wurde. «Dafür sprechen wir den Betroffenen im Namen des Bundesrats ausdrücklich unser Bedauern aus», sagte die Justizministerin:

Eine dieser Betroffenen ist Olivia Tanner. Sie war 34 Jahre alt, als sie Verdacht schöpfte. Ein Verdacht, den sie auf den Anfang ihres Lebensweges zurückwarf. Einer, der sie durchschüttelte, hadern und ihre Identität infrage stellen liess. Hat ihre leibliche Mutter sie nicht freiwillig zur Adoption freigegeben?

In den Dokumenten, die ihre Herkunft erklären sollten, fand Olivia Tanner statt Antworten nur weitere Fragen. Im Pass, den sie als Kind in Sri Lanka bekommen hatte, steht ein anderer Geburtsort als in der Geburts- und Adoptionsurkunde. Was stimmt nun, Colombo oder Ratnapura?

Die angebliche Mutter ist nirgends zu finden

Olivia Tanner stellte Nachforschungen an, reiste nach Sri Lanka. Im Spital, auf dem Einwohneramt bekam sie dieselbe Antwort: nicht registriert. Sie klapperte den früheren Wohnort und den Geburtsort der Mutter ab. Nichts. «Es scheint, als ob diese Frau unter diesen Angaben nicht existiert hat.» Eine Frau, die gemäss den Dokumenten ihre leibliche Mutter sein soll. Sie, die Olivia Tanner unbedingt finden will. Und dabei stets in Sackgassen gelandet ist. «Ich muss mich damit wohl abfinden. Aber manchmal ist die Ungewissheit schier unerträglich.» Viele Fragen bleiben offen: Lebt die Mutter noch? Gibt es Geschwister? Und: Was ist damals passiert?

Mit einem Postulat hat vor drei Jahren die damalige SP-Nationalrätin Rebecca Ruiz eine Untersuchung der Adoptionen aus Sri Lanka gefordert. Das Bundesamt für Justiz gab darauf hin eine Studie bei der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Auftrag. Daraus entstand ein Bericht, den der Bundesrat nun verabschiedet hat.

Finanzielle Beiträge für Reisen nach Sri Lanka

An der Medienkonferenz sprach auch der St. Galler Regierungsrat Fredy Fässler, Präsident der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektorinnen und -direktoren sein Bedauern aus. Es sei zu aus heutiger Sicht «unverzeihlichen Fehlern» gekommen. Eine Arbeitsgruppe aus Vertreterinnen und Vertretern von Bund, Kantonen, Betroffenen und privaten Organisationen prüft nun, wie die Betroffenen bei ihrer Herkunftssuche stärker unterstützt werden können. Zum Beispiel soll der Zugang zu Dokumenten vereinfacht werden. Auch finanzielle Beiträge für Reisen ins Herkunftsland werden in Betracht gezogen.

Olivia Tanner hat über eine DNA-Datenbank eine Cousine gefunden. Ebenfalls aus Sri Lanka adoptiert, ebenfalls in der Schweiz aufgewachsen. Diesen Februar haben die zwei Frauen den Verein «Back to the Roots» gegründet, der sich für die politische Aufarbeitung der damaligen Adoptionspraxis einsetzt. Bundesrätin Keller-Suter hat sich vergangene Woche mit Vertreterinnen dieses Vereins getroffen, wie ihr Departement auf Twitter bekanntgab.

Der Bundesrat will die Aufarbeitung der illegalen Adoptionen in der Schweiz ausweiten. Eine Forschungsarbeit soll klären, ob es auch bei anderen Herkunftsländern zu systematischen Unregelmässigkeiten kam. Zudem sollen mögliche Schwachstellen im heutigen System gesucht werden. Eine vom Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement eingesetzte Gruppe von Expertinnen und Experten soll wenn nötig entsprechende Gesetzesänderungen vorschlagen.

Die Passagen über die Herkunftssuche von Olivia Tanner stammen aus einem Text, der erstmals am 28. Juli 2018 in der Schweiz am Wochenende und auf den Onlineportalen von CH Media erschienen ist.