Glauben
Ihr Sünderlein, kommet! Kirche will das Beichten zum Event machen

Wer nicht beichtet, dem droht das Höllenfeuer. Eigentlich. Denn heute finden auch gläubige Katholiken kaum mehr den Weg in den Beichtstuhl. Das will die Kirche wieder ändern. Im Kloster Mariastein wird Beichten zum Event.

Alexandra Fitz
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Pater Ludwig hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen, die bei ihm zur Beichte kommen. Die alten Beichtstühle in der Kirche des Klosters Mariastein kommen allerdings immer seltener zum Einsatz, oft empfängt der Pater seine Gäste im modernen Beichtzimmer.

Pater Ludwig hat ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen, die bei ihm zur Beichte kommen. Die alten Beichtstühle in der Kirche des Klosters Mariastein kommen allerdings immer seltener zum Einsatz, oft empfängt der Pater seine Gäste im modernen Beichtzimmer.

Roland Schmid

Er hat ihm die Fahrradspeichen verbogen. Vorne und hinten. Zusammengedrückt und auseinandergezogen. Danach hat er die Biege gemacht. Warum er so unartig war, weiss der junge Mann heute, fast zwanzig Jahre später, nicht mehr. Aber er hat Busse getan. Damals in der dritten Klasse. Im Beichtstuhl beim Pfarrer.

Noch genau erinnert er sich an sein erstes Beichtgespräch. Was der Pfarrer zu ihm gesagt hat. Seine Hände schwitzten, das Kinn lag auf der Brust, der Blick gesenkt, die Knie zitterten. Andere haben die erste Beichte verdrängt oder vergessen. Gemäss Bischofsvikar Christoph Casetti vom Bistum Chur sagen Kinder meistens, dass sie den Eltern nicht gehorcht hätten. Oder sie sagen «Ich habe die Katze am Schwanz gezogen.»

Tatsächlich kennen die meisten das Beichten (nur) aus der Schule. Die Beichte ist eines der sieben Sakramente der katholischen Kirche. Die Erstbeichte wurde in die Erstkommunion eingebettet, heute heisst es «Versöhnungsweg». «Böse Zungen sagen ja, die feierliche Erstbeichte der Kinder sei eigentlich die Schlussbeichte, weil sie später nie wieder praktiziert wird», sagt Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur.

Durch das Holzgitter legen die Menschen bei Pater Ludwig die Beichte ab.

Durch das Holzgitter legen die Menschen bei Pater Ludwig die Beichte ab.

Roland Schmid

Früher war das Höllenfeuer

Jeder kennt die Beichte, aber keiner geht mehr hin. Es gibt keine Statistiken, man muss mit Pfarrern sprechen und hört immer dasselbe: Die Leute kommen immer seltener, und auch wenn der Pfarrer da sitzt – der zweite Stuhl bleibt meist leer. Wie kam das? Früher galt doch: Wer nicht regelmässig seine Sünden bekennt, dem droht das Höllenfeuer. «Du sollst deine Sünden jährlich wenigstens einmal beichten», steht im Kirchgebot. Die Karwoche ist für Gläubige Beicht-Hochkonjunktur. Schliesslich musste Jesu Kreuzigung doch sein, damit die Menschen ihre Sünden vergeben können. Gott hat seinen Sohn hingegeben, um die Sünden der Menschen wegzunehmen.

«Früher war es für Katholiken verpflichtend, vor jedem Kommunionsempfang zu beichten. Diese Pflicht wurde 1950 aufgehoben. Seitdem hat die Beichthäufigkeit rapide abgenommen», sagt Religionspädagoge Cebulj. Das bemerkt auch Bischofsvikar Casetti. Er glaubt, der Einbruch der Beichte habe mit der Kulturrevolution der 68er-Bewegung zu tun. Cebulj meint, die Leute würden heute vom Moralismus abgeschreckt. Die frühere Beichtpraxis sei noch sehr moralisch geprägt gewesen. Zudem habe man Schuld lange Zeit individuell verstanden: Früher war der einzelne Mensch schuld, heute sehe man eher eine strukturelle Schuld. Gesellschaftliche Verstrickungen, man selbst kann nicht wirklich etwas dafür, also kein Grund zur Beichte. Ausserdem sei die klassische Rollenverteilung zwischen «Büsser» und «Beichtvater» überholt.

Dazu gehen sie auf die Knie, was ganz schön unbequem sein kann.

Dazu gehen sie auf die Knie, was ganz schön unbequem sein kann.

Roland Schmid

«Ganz verschwunden ist die Beichte jedoch nicht», erzählt Casetti. Es gebe Orte, wo Beichten noch regelmässig praktiziert werden. Insbesondere auf der Wallfahrt und in Klöstern. Meistens sind es Events, an denen Beichtgelegenheiten angeboten werden. Die Beichte als Programmpunkt quasi. Solche Beichtorte sind etwa das Kloster Einsiedeln. Aber auch das Kloster Mariastein im Kanton Solothurn, nahe der französischen Grenze. Dort kommen täglich etwa fünf Gläubige zum Beichten, erzählt Pater Ludwig Ziegerer. Samstag und Sonntag vor dem Gottesdienst sitzt der Pater im Beichtstuhl. Langweilt er sich da nicht? «Ja, also vor 20 Jahren waren es acht Beichtväter und es kamen nonstop Beichtende», sagt Pater Ludwig. Heute braucht es weniger Beichtväter und es kommen insgesamt etwa drei bis vier Leute. «Da kann ich zwischendrin auch mal ’ne SMS beantworten», sagt Pater Ludwig.

Die beklemmende Nische

Irgendwie wirken diese Beichtstühle wie aus der Zeit gefallen. Zwar schön, aber unheimlich. Man fühlt sich sofort devot. An der rechten Seitenwand der Kirche Mariastein stehen sechs Stück in einer Reihe und warten auf den nächsten Sünder (wenn er denn kommen würde). Früher waren es zehn, doch so viele braucht man längst nicht mehr. In anderen Kirchen dient der Beichtstuhl bloss noch als Besenkammer. Ein halber Pavillon, der an die Wand gebaut ist. Hellstes Grau mit Gold. Ein schwerer, orangefarbener Samtvorhang umschliesst die Stühle. Schiebt man den Vorhang zur Seite, spienzelt hinein, erblickt man eine dunkle, beklemmende Nische. Das Gitter als Sichtschutz. Ein kleines Holzbord für den Sünder.

Pater Ludwig sagt selber, dass es nicht angenehm sei, so lange zu knien. Erst recht nicht für die Älteren. Viele sind alt, sehen und hören nicht mehr gut. Wenn sie schwerhörig sind und im altmodischen Beichtstuhl von ihren Sünden erzählen, muss Pater Ludwig auch mal sagen: «Pssst! Nicht so laut, das hört ja die ganze Kirche.»

Die reich geschmückten Fresken aus der Nahperspektive.

Die reich geschmückten Fresken aus der Nahperspektive.

Roland Schmid

Weil das alles antiquiert wirkt, weicht man vermehrt auf Beichtzimmer aus. Kleiner Raum, Gespräch von Auge zu Auge. Ganz hinten in der Ecke hat man einen modernen Glaskasten hingestellt, er könnte sich nicht deutlicher von den alten Stühlen abheben. Weiss, schlicht, Glas (natürlich sieht man nicht hindurch). Ein kleines Tischchen, zwei Stühle. «Das hat einen Haufen gekostet. Wir mussten es ja schalldicht machen», sagt Pater Ludwig. Es sei ein Kampf mit der Denkmalpflege gewesen.

Manchmal sagen die Leute: «Ich muss beichten. Aber ich weiss gar nicht mehr, wie es geht.» Er fragt dann, was sie belastet. Und schon sprechen sie drauflos. Generell sei die Beichte heute ein offenes Gespräch. Das bestätigt auch Bischofsvikar Casetti. Es gibt keine starre Struktur mehr wie früher. Die ältere Generation hatte einen genauen Beichtspiegel. Sagte auswendig gelernte Sätze auf. Wiederholte diese unendlich.

Lebensberatung im Beichtstuhl

Tausende Beichten hat Pater Ludwig schon abgenommen. Gab es eine, bei der er die Lossprechung verweigerte? «Das habe ich noch nie gehabt», sagt Ludwig, sichtlich erleichtert. Davor habe jeder Beichtvater grossen Respekt. Aber ins Gefängnis ist Pater Ludwig schon gerufen worden. Ein Insasse wollte die Beichte ablegen.

Nicht nur die Form hat sich verändert, auch der Inhalt. Während es früher um eine konkrete Verfehlung ging, um eine «einfache» Sünde, geht es heute meist um das grosse Ganze. Nämlich um das Leben. Die Menschen befänden sich in viel komplexeren Situationen, da reichten ein paar Minuten nicht. Es geht nicht mehr nur um Gewissenserleichterung, sondern um Ratschläge.

Mit seinem Namensschild entledigt sich Peter Ludwig der Anonymität. Umgekehrt bleibt sie in der Regel gegeben.

Mit seinem Namensschild entledigt sich Peter Ludwig der Anonymität. Umgekehrt bleibt sie in der Regel gegeben.

Roland Schmid

Überforderung ist ein grosses Thema. Arbeitsstress, Familienväter, die zu wenig Zeit für die Kinder haben. «Oft ist es mehr Seelsorge», sagt Pater Ludwig. Beichte und Seelsorge haben sich angenähert. Früher ging man zum Pfarrer, heute zum Psychotherapeuten. Es herrscht grosser Bedarf, sich die Seele balsamieren zu lassen. Therapeuten lösen vermehrt die Pfarrer ab. «Aber es ist ein schwacher Ersatz für die katholische Beichte. Man kann keine Lossprechung geben», sagt Casetti. Zu bereuen und sich mit der Schuld-Frage auseinanderzusetzen, sei wichtig. Der Mensch habe nun mal ein Gewissen und sei schuldfähig. «Für die Psychohygiene ist beichten gar nicht so schlecht», sagt er.

Casetti wie auch Pater Ludwig sind der Meinung, dass sich Beichte und Therapie ergänzen können. Der Pater schicke auch mal jemanden zum Therapeuten, umgekehrt jedoch habe ihn noch nie ein Psychotherapeut empfohlen. Dabei wäre beichten so einfach. Und gratis. Man muss weder beweisen, dass man katholisch ist, geschweige denn gläubig. Man wird nicht gefragt, ob man Kirchensteuer zahlt, versichert der Pater. Beim Therapeuten geht es um die Beziehung zwischen Menschen, beim Priester um die Gottesbeziehung. Und auf Letztere legt die Gesellschaft nicht mehr viel wert.

Doch bei manchen in der Schweiz ist die Beichttradition noch nicht so stark abgeflacht. Menschen mit Migrationshintergrund beichten noch gerne. Entweder kommen sie nach Mariastein oder haben gar ihre eigenen Seelsorger und Gottesdienste. Die Albaner etwa sind viermal im Jahr in Mariastein und bieten stets eine Beichtgelegenheit. «Das finden sie toll. Denn sie beichten am liebsten in ihrer Muttersprache.»

Zwei Personen beim Gebet im Kloster Mariastein.

Zwei Personen beim Gebet im Kloster Mariastein.

Roland Schmid

Werbung für die Versöhnung

Die Kirche will keine leeren Buss-Stühle. Deswegen bastelt sie am Image der Beichte. «Es geht uns etwas ganz Wertvolles verloren, wenn wir so weiterfahren», sagt der Pater. Beichten sei wohltuend und habe eine heilsame Wirkung. «Wir in Mariastein wollen es fördern. Dafür müssen wir die Hemmschwelle abbauen.» Um das zu erreichen, startete das Kloster einen Versuch. Seit zwei Jahren gibt es in der Karwoche eine «Feier der Versöhnung» mit ausgedehnten Beichtzeiten. Tatsächlich werden diese auch von jungen Menschen in Anspruch genommen.

Die Kirche Marienstein möchte das Beichten zum Event machen.

Die Kirche Marienstein möchte das Beichten zum Event machen.

Roland Schmid

Es muss also ein Event sein, bei dem es den Programmpunkt «Sündenerlass» gibt. Auch Religionspädagoge Christian Cebulj ist der Meinung, dass die Kirche erfinderisch sein muss. Die Versöhnung als Grundhaltung der Kirche müsse neu und noch stärker in den Vordergrund gerückt werden. «Die Kernaufgabe der Kirche ist nicht, dass sie moralisiert, sondern dass sie den Menschen die befreiende Nähe Gottes zuspricht», sagt Cebulj. Eine wunderbare Aufgabe sei das – eine, die nicht ängstliche, sondern erlöste Menschen zum Ziel hat.

Ein bisschen erlöst war auch der Fahrrad-Vandale, als er sein ungezogenes Verhalten jemandem beichten konnte. Seinem Klassengspänli aber hat er es nie gesagt.

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