Interview

«Ich fand die Vorstellung einer Leihmutter zuerst furchtbar»: Abschied von unserem Kolumnisten

Michael Braunschweig mit seinen Zwillingen auf dem Spielplatz.

Michael Braunschweig mit seinen Zwillingen auf dem Spielplatz.

Was ist anders, wenn zwei Väter Kinder grossziehen? Ein Interview mit Ethiker Michael Braunschweig.

Es ist kein gewöhnliches Familienleben, von dem Michael Braunschweig während über einem Jahr für die «Schweiz am Wochenende» berichtet hat. Der 37-jährige Theologe und Ethiker hat mit seinem Partner, einem Zahnarzt, Zwillinge, die eine Leihmutter in den USA ausgetragen hat. Die mittlerweile dreijährigen Kinder wurden aus Spermien der beiden Väter und mit zwei Eizellenspenden gezeugt.

In einer der Kolumnen schilderte Braunschweig eine Szene am Flughafen, als die Dame am Check-in-Schalter fragte:

Sein Mann hatte schlagfertig geantwortet: «Das sieht man ihm vielleicht nicht an, aber die ‹Mutter›, das wäre dieser Herr hier», und zeigte auf Braunschweig.

Und doch war das, worüber er schrieb, ganz normaler Familienalltag. Es wurde gelacht, Essen verweigert und dem Plüschlöwen im Badezimmer die Mähne geschert.

Die Generationen-Kolumne hat die «Papi & Papa»-Kolumne abgelöst. Ein paar Fragen bleiben. Die Antworten dazu bekamen wir auf einem Spielplatz in Zürich. Braunschweig gibt bereitwillig Auskunft, wenn er nicht gerade von «Papa, ein Polizeiauto!» unterbrochen wird und bestätigen muss, dass auch er es gehört hat.

Ich bin immer noch leicht schockiert, dass Sie Ihren Kindern zum Einschlafen ein Musikvideo vorspielen.

Michael Braunschweig: Ich auch! (lacht) Es ist ein Fluch, wenn man einmal damit begonnen hat. Es war nicht meine Idee, aber nachdem die Kinder nicht mehr wollten, dass ich sie ins Bett bringe, habe ich es halt auch gemacht.

Sie haben viel vom Familienleben preisgegeben. Wie waren die Reaktionen der Leser?

Natürlich gibt es immer Kritik. Am meisten zur Kolumne, wo ich schildere, wie ein Hund die Kinder ängstigte. Das fanden viele hundefeindlich. Ich habe mich auch mit der Kandidatur für das Präsidium der Reformierten Landeskirche Zürich exponiert. Die Anfeindungen von Personen in der Öffentlichkeit machen es wenig attraktiv, sich zu exponieren. Man muss eine dicke Haut haben. Besonders berührt haben mich die Rückmeldungen von Leuten, die schrieben, sie freuten sich, dass unser Familienmodell klappt, und uns alles Gute wünschten. Viele der Zuschriften kamen aus ländlichen Gebieten.

So kennen ihn unsere Leser: Das Portrait, mit dem Michael Braunschweig für die Schweiz am Wochenende schrieb.

So kennen ihn unsere Leser: Das Portrait, mit dem Michael Braunschweig für die Schweiz am Wochenende schrieb.

Sie haben von Konflikten humorvoll erzählt – sind Sie immer so gelassen?

Ich gebe mir Mühe, gelassen zu sein, denn sich zu stressen, bringt nichts. Aber zum x-ten mal Humor aufzubringen, ist schwer. Am schlimmsten ist es, wenn alle müde und hungrig sind, «hunger-böse» habe ich den Zustand in einer Kolumne genannt.

Wer ist der Strengere von beiden?

Wir sind gleich streng. Wir tauschen uns auch aus und gleichen uns ab. Aber das Musikvideo, auf die Idee wäre ich nie gekommen! Mein Partner ist strenger mit der Kleidung, auch darüber habe ich geschrieben.

Sie meinen, dass der Sohn keinen rosa Pulli tragen durfte?

Genau. Aber das ist kein Thema mehr, inzwischen hat die Kita unsere Kinder schon fix auf ihr Geschlecht sozialisiert. (lacht)

Wie haben Sie die Betreuung nebst Kita aufgeteilt?

Vielgleisig. An zwei Tagen hüten je einmal die Grosseltern, einen Tag lang haben wir eine Tagesmutter. Wir arbeiten beide 90 Prozent und gehen die Kinder an den Kitatagen jeweils früh abholen.

In den meisten Schweizer Familien ist das anders. Da arbeitet oft die Frau 60 Prozent oder weniger.

Das kommt sehr auf das soziale Milieu an. In unserem Quartier in Zürich arbeiten auch bei den heterosexuellen Paaren beide 80 bis 100 Prozent.

Meistens sind es trotzdem die Frauen, die ein schlechtes Gewissen haben, die Kinder hochprozentig fremdbetreuen zu lassen. Ist von Ihnen beiden jemand eine Glucke?

Wenn die Frau nach der Geburt ein halbes Jahr zu Hause bleibt, dann stellt man sein Leben auf Kinder um. Das hatten wir nie. Ich bekam zehn Tage frei, mein Mann ist selbstständig und arrangierte sich. Wir mussten den Ausgleich zwischen Zeit mit den Kindern und der Arbeit von Anfang an finden.

War es nie ein Thema, eure Pensen zu reduzieren?

Doch. Immer wieder. In der ersten Zeit habe ich viel Überzeit abgebaut. Jetzt stimmt die Balance für beide, es ist eine Frage der Organisation. Wir fragen uns immer wieder, ob es den Kindern gut geht, und hatten bis jetzt nie das Gefühl, dass es nicht so ist. Sie freuen sich auf alle ihre Betreuungspersonen.

Die Zwillinge waren nie auf jemanden fokussiert.

Genau. Das sehen wir bei anderen Paaren: Wenn es ein Problem gibt, ist nur die Mutter gefragt. Das ist bei uns ausgeglichen, keiner ist die Klagemauer.

Während unseres Interviews toben die Kinder auf dem Spielplatz herum.

Während unseres Interviews toben die Kinder auf dem Spielplatz herum.

Ist der Start einfacher, wenn nicht eine Partei zuerst die alleinige Ernährerin ist?

Wir können nicht vergleichen. Es hätte mich gestresst, wenn die Kinder meinen Mann am Anfang cooler gefunden hätten.

Jetzt sind Sie drei Jahre lang Vater. Was hat sich verändert?

In den letzten drei Jahren haben wir vor allem als Organisation funktioniert, jetzt hoffen wir, dass wir wieder mehr Zeit für uns als Partner haben. Ich habe aber noch nicht das Gefühl, ich sei in meiner Rolle angekommen. Mit jedem ihrer Entwicklungsschritte bin ich neu gefordert.

Gefällt Ihnen die Rolle?

Ja. Es ist das Schönste, was einem passieren kann. Wir haben die beiden wunderbaren Geschöpfe, die wir auf ihrem Weg begleiten können und für die wir die Verantwortung übernehmen dürfen. Es ist schön, dass wir für sie da sein können, wenn etwas ist.

Ihnen ist es aber nicht einfach passiert. Sie mussten sich mehr bemühen als andere, um Kinder zu bekommen.

Das stimmt.

War der Aufwand es wert?

Absolut. Ich lernte das Bauchmami kennen, als wir damals in den USA waren. Sie ist sonst keine Leihmutter, sie hat vier eigene Kinder und sagt, sie sei gern schwanger.

Warum war die Leihmutter nicht auch die Eizellenspenderin?

Weil sie in dem Fall genetisch verwandt wäre mit den Kindern und sie von ihr zur Adoption freigegeben werden müssten. Und emotional wäre es schwieriger gewesen für sie, wenn sie mit dem eigenen Kind schwanger gewesen wäre und es hätte weggeben müssen.

Für die Eizellenspenderin ist es so.

Bei jenen Frauen, die anonym spenden, ist es wohl so, dass sie einfach ihr ­Erbmaterial geben. Wir kennen die ­Eizellenspenderin. Sie sagte uns, sie wolle nur einmal pro Jahr erfahren, wie es den Kindern gehe. Sonst würde sie eine Rolle erhalten, die sie nicht ­möchte.

Sie sind Ethiker und Theologe. Verändert dies die Sicht der Dinge?

Bevor Kinder für uns ein Thema wurden, glaubte ich, ukrainische Leihmütter würden mit Kindern von reichen Europäerinnen schwanger, die ihr Kind nicht selber austragen wollten. Ich fand die Vorstellung furchtbar, zum Beispiel, wenn Frauen dazu instrumentalisiert werden. Wir versuchten es ­zuerst mit einer Freundin, aber wir kamen zum Schluss, dass wir nur zu zweit ­Eltern sein möchten. Dann sagte die amerikanische Freundin, dass es die Möglichkeit einer Leihmutterschaft gebe. So wurde es vorstellbar. Vermittlungsagenturen von Eizellenspenderinnen und Leihmüttern klären zum Beispiel die psychologischen ­Hintergründe ab, und wir mussten drei Anwälte bezahlen, damit sie im ­Interesse aller drei Parteien verhandelten.

Manche Gläubigen finden wohl immer noch, dass künstliche Zeugung bedeute, in Gottes Werk zu pfuschen.

Das ist eine einfache Weltsicht. Heisst das denn, dass man auch generell nicht ins Leben eingreifen darf, zum Beispiel, wenn wir ernsthaft krank werden? In meiner Beziehung zu Gott ist die Frage kein Problem.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1